Fujitsu Forum in München

Fujitsu pusht Cloud, IoT, Roboter und Quantencomputer

Uhr | Aktualisiert

Auf dem Fujitsu Forum in München haben die Japaner ihre neueste Cutting-Edge-Technologie präsentiert. Das Forum gilt als die grösste Hersteller-Veranstaltung in Europa. 160 Schweizer waren vor Ort.

10'000 Besucher waren zum Fujitsu Forum nach München gereist, um sich über die Neuheiten der technikbegeisterten Japaner zu informieren. Damit gilt der Event, so Fujitsu inoffiziell, als die grösste Veranstaltung eines einzelnen Herstellers in Europa. Die rekordverdächtige Besucheranzahl passt sehr gut zum Motto, das Fujitsu für das diesjährige Forum ausgerufen hatte: Digital Co-Creation.

"Kunden wollen ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln, und dafür braucht es einen Sparringspartner", betonte Rolf Werner, Head of Central Europe bei Fujitsu. Der Hersteller versteht sich dabei nicht mehr nur als reiner Lösungsanbieter, sondern zusammen mit seinen Kunden als Teil eines Co-Creation-Teams. Denn das IT-Geschäft laufe heute, anders als noch vor einigen Jahren, nicht mehr so stark über Experten, sondern vielmehr über Fachabteilungen mit IT-Budgetverantwortung, erklärte Werner weiter. Da ergibt sich Co-Creation fast von selbst.

Central-Europe-Chef Rolf Werner und SVP Vera Schneevoigt versichern: Im Joint Venture mit Lenovo werden alle Produktlinien und Brands weitergeführt. (Source: Netzmedien)

Kräftig Gas gibt Fujitsu mit seinen Cloud-Services, und alle Services verzeichnen Wachstum, so Central-Europe-Chef Werner. Im laufenden Geschäftsjahr (ab April 2017) haben die Japaner in der DACH-Region allein mit Cloud-Diensten/Managed Services einen Umsatz von 1,8 Milliarden US-Dollar erzielt. Die Cloud und Sicherheitslösungen sind die stärksten Wachstumstreiber, aber nicht jedes Schweizer Unternehmen springt Hals über Kopf in die Wolke. Von Fujitsu-Insidern erfuhr die Redaktion pikante Details über die Cloud-Strategien der beiden Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Cloud-Strategien von UBS und Credit Suisse

Für beide Finanzhäuser ist Fujitsu als Multi-Vendor-Cloud-Enabler tätig. Die UBS setzt als strategische Komponente ihrer Too-Big-to-Fail-Strategie auf Insourcing, holt also in die Cloud ausgelagerte Dienste zurück ins eigene Haus. Die Idee dahinter ist Entflechtung: Die einzelnen Abteilungen der UBS sollen unabhängiger voneinander werden, um so Klumpenrisiken zu minimieren.

Ganz anders die Credit Suisse, die voll auf die Cloud setzt und sich in Zukunft sogar als Cloud Provider positionieren wolle, sagen unsere Quellen. Fujitsu unterstütze dabei die Oracle-Cloud, aber auf der Teppichetage der Credit Suisse sei der Entscheid für Oracle noch nicht definitiv gefallen. Immer stärker werden nicht nur bei der Credit Suisse Alternativen zum Beispiel zur Datenbank des Anbieters diskutiert. Einer der ganz starken Mitwettbewerber, die Oracle die Pistole auf die Brust setzen, ist die Open-Source-Datenbank PostgreSQL.

Cloud-Dienste ziehen bei nahezu allen Anbietern stark an, Laptops und Desktop-PCs aber haben am Markt zu kämpfen. Tiefer ins Detail ging es deshalb zum geplanten Joint Venture mit dem chinesischen PC-Hersteller Lenovo, das ab April 2018 rechtskräftig sein soll und auf fünf Jahre angelegt ist. In der Fujitsu Client Computing Limited (FCCL) wird Fujitsu selbst ab April nur noch einen Minderheitsanteil von 44 Prozent halten, Lenovo hat mit 51 Prozent das Sagen und etwa 5 Prozent gehen an die Development Bank of Japan.

Durch kostengünstigere Einkäufe und Synergien bei Vertrieb, Forschung und Entwicklung will Fujitsu seine kränkelnde Client-Sparte sanieren und sich durch Lenovo aus dem Umsatzloch ziehen. Die Produktlinien und Markennamen beider Unternehmen würden jedoch weitergeführt, und das Joint Venture betreffe lediglich die Client-Sparte plus angeschlossener Peripherie, betonten das Unternehmen ausdrücklich.

Sicherheits-Appliance fürs IoT

Die Cloud, das Internet der Dinge (IoT), Artificial Intelligence (AI) und Sicherheit waren auf dem Fujitsu Forum die meistdiskutierten Themen. Um den Sicherheitsrisiken des IoT die Spitze zu nehmen, präsentierte der Hersteller seine neue IoT-Sicherheits-Appliance Intelliedge, ein der Kern-IT vorgelagertes Gateway, das Schadware zurückhält und nur saubere, relevante Sensordaten weiterleitet. Es geht auch um eine zielgerichtete Reduktion der Massen an Sensordaten.

"Bei einem überwachten Maschinenpark kommen dabei schnell nicht nur Petabytes, sondern Zetabytes an Daten zusammen (Case: Predictive Maintenance), diese Datenlawine können Sie nicht mehr über die Netze schicken", sagte Wilhelm Petersmann, Vice President und Managing Director von Fujitsu Schweiz, gegenüber der Redaktion. Intelliedge enthält kombinierte Software-/Hardware-Komponenten für Pre-Analytics, die Daten-Akquisition, Daten-Aggregation sowie diverse Filter-Algorithmen und macht damit den Daten-Flut des IoT beherrschbar.

Technikpapst über Quantencomputer

Einen überraschend starken Fokus, so unser Eindruck, legte Fujitsu auf die noch nicht praxisreife Avantgarde-Technologie der Quantencomputer. Auf einem gemeinsamen Lunch mit der Schweizer Delegation sprach CTO Joseph Reger über die Herausforderungen und Vorteile der Quantentechnologie. Reger hat theoretische Physik studiert und gilt in der Branche als Technikpapst.

Joseph Reger, CTO EMEIA bei Fujitsu, legt sich für Quantencomputer kräftig ins Zeug. Performance-Steigerungen bis zum Faktor 100'000x seien in fünf bis 10 Jahren möglich. (Source: Netzmedien)

Investmenthäuser steckten zurzeit viel Geld in Quantentechnologie. In fünf bis zehn Jahren würden funktionierende Quantencomputer auf den Markt kommen, die um den Faktor 10'000 bis 100'000x schneller seien als heutige Superrechner, gab sich Reger überzeugt. Grundlage für solch riesige Performance-Steigerungen sei hochgradig parallel arbeitende Software für Quantenrechner, die Fujitsu heute schon zusammen mit der kanadischen Softwareschmiede 1QBit entwickelt.

Was wird damit möglich? Ein Praxisbeispiel: Heutige Supercomputer bräuchten zum Knacken effizienter Verschlüsselungsalgorithmen geschätzte 21 Milliarden Jahre, fast doppelt so lange wie das Alter des Universums. Quantencomputer würden den Job in zehn Sekunden erledigen. Praxisreife Pilotprojekte sucht man jedoch bislang vergebens. Nicht nur Fujitsu, auch andere Unternehmen versuchen zurzeit, mit vollmundigen Thesen auf dem zukunftsträchtigen Markt der Quantentechnologie ihre Pflöcke einzuschlagen.

"Smart Police" in Zürich, Winterthur und St. Gallen

Mehr "Down to earth" ging es auf der dem Kongress angegliederten Ausstellung zu, wo der Hersteller zusammen mit Partnern praxisreife Industrielösungen präsentierte. Im Mittelpunkt standen die Branchen Handel, Financials, die öffentliche Hand (Public Sector), Transport/Logistik und die Produktion. Eine dreiteilige Überwachungslösung, die den Sicherheitskräften die Arbeit erleichtern soll, identifiziert live potenzielle Gefährder.

Fujitsu stattet Polizeifahrzeuge mit auf dem Wagendach angebrachten 360-Grad-Kameras aus, die kontinuierlich die Umgebung überwachen. Der Live-Video-Stream wird komprimiert an das Kontrollzentrum im Hauptquartier übertragen, biometrisch mithilfe von Gesichtserkennungs-Software analysiert und mit einer Gefährder-Datenbank abgeglichen. Die Polizisten im Patrouillenwagen erhalten dadurch Live-Informationen über bereits straffällig gewordene Personen, die sich unmittelbar in ihrer Umgebung aufhalten und können entsprechende Massnahmen ergreifen.

Hans Groff, CEO von SoftwareLab aus Winterthur: Seine Smart-Police-Lösung wird bereits von den Polizeikräften in Zürich, Winterthur und St. Gallen eingesetzt. (Source: Netzmedien)

Die dritte Komponente der Lösung, ein Beweisssicherungssystem (Digital Evidence Management System), hat die Schweizer Firma Futurelab aus Winterthur entwickelt. "Wir haben die Beweissicherung zweckmässig mit der Vorgangsbearbeitung verknüpft", sagte CEO Hans Greff während einer Live-Demo. Die Lösung werde bereits von der Stadt- und Kantonspolizei Zürich, von den Einsatzkräften in Winterthur und St. Gallen eingesetzt.

Mensch-Roboter-Kollaboration

"Wir trinken den Champagner, den wir unseren Kunden verkaufen, auch selbst", sagte Central-Europe-Chef Werner, und spielte damit auf Fujitsus "Smart Factory" in Augsburg an. Dort testet der Hersteller seit April dieses Jahres Roboter, die mit menschlichen Mitarbeitern zusammenarbeiten, im Pilotbetrieb. Roboter sollen als digitale Produktionsassistenten auch im Umgang mit sehr sensiblen Elektronikbauteilen eingesetzt werden.

Fujitsu erhofft sich dadurch mittel- bis langfristig neue Produktionskonzepte und Abrechnungsmodelle. Roboter könnten zum Beispiel schon während der Produktionsphase Bauteile auf Schadstellen untersuchen und aussondern. Die Fehlerquote sinke. Verläuft alles nach Plan gehen die Blechgesellen in Augsburg Ende dieses Jahres in den produktiven Einsatz.

Webcode
DPF8_68001

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