Focus on Future

Wer am Fachkräftemangel leidet, sollte an seiner Sexyness arbeiten

Uhr | Aktualisiert
von Coen Kaat

In Baden hat die zehnte Ausgabe der Focus-on-Future-Eventreihe stattgefunden. Referent Benedikt Kisner stellte sein Unternehmen vor und zeigte, wie man die richtigen Fachkräfte anziehen kann, indem man einfach ein bisschen anders ist.

In der historischen Villa Boveri in Baden blickten die Gäste diese Woche in die Zukunft. Dort fand am 18. September die jüngste Ausgabe der Eventreihe Focus on Future statt. Die 10. Ausgabe, wie Urs Prantl bei der Eröffnung sagte. Seit fünf Jahren schon organisiert Prantl zwei solcher Events pro Jahr – zusammen mit Julius Thomann, Damian Suter und Oliver Wegner.

Dieses Mal lautete das Thema: Es gibt keinen Fachkräftemangel, nur einen Mangel an Attraktivität. "Ein sehr aktuelles Thema", sagte Prantl. Ein Thema, das schon sehr stark bewirtschaftet, vielleicht sogar schon plattgetreten sei. "Aber es ist noch nicht gelöst." Mit diesem Event wolle er und das Team hinter den Focus-on-Future-Events einen Teil zur Lösung beitragen.

Urs Prantl, Inhaber von KMU Mentor und Mitorganisator der Focus-on-Future-Events. (Source: Netzmedien)

Das Herzstück des Events war ein Referat von Benedikt Kisner, Mitgründer und Mitinhaber der Netgo-Unternehmensgruppe. Rund 40 Besucher kamen dafür nach Baden. Getreu dem Motto der Veranstaltung wollte Kisner zeigen, wie ein nach aussen hin attraktiv wirkendes Unternehmen keinen Mangel an guten Fachkräften zu beklagen hat.

Was sein Unternehmen so attraktiv macht? Es sei "anomal sexy", wie Kisner es definierte. Für Kundenevents seien Unternehmen schnell bereit, Ausgaben in Kauf zu nehmen. Solche Events dürften aber auch mal "rocken", sagte er. Das sei gut für die Kundenbindung, aber auch sehr wichtig, um die Bande zu den Mitarbeitern zu stärken.

Keine Angst davor, auch mal albern zu sein

"Unser Ziel ist es, dass jeder Mitarbeiter ein Foto seines Arbeitsplatzes daheim aufhängt", sagte Kisner. Ein hochgestecktes Ziel. Kisner jedoch schien zuversichtlich, dass er es erreichen könne. Unternehmen sollten sich fragen, ob das, was sie gerade planen, nur kundenbindend ist, oder ob es nicht auch mitarbeiterbindend sein könnte und dann vielleicht auch mal etwas Verrücktes tun. Ein bisschen Selbstironie sei nicht schlecht.

"Das wirkt erst mal albern", sagte Kisner und gab zu, dass er sich zunächst selbst leicht davor fürchtete. "Aber solche Auftritte kommen gut an." Sein Rat ans Publikum lautete daher: Falls ein Mitarbeiter mal etwas Ausgefallenes vorschlägt, dann sollte man einfach mal mitmachen.

So kam Netgo auch in den Besitz einer Loge in der Veltins-Arena – der Heimat von Schalke 04. Der Vorschlag – und die Umsetzung – kam von einem Vertriebsmitarbeiter.

Jetzt hat Netgo dafür einen prima Ort für Kundenevents, von dem auch die Mitarbeiter profitieren. "Wenn ein Mitarbeiter mal mit seinen Kumpels ein Fifa-Turnier auf der Playstation in der Loge spielen will, dann kriegt er natürlich auch den Schlüssel", sagte Kisner.

Azubi-Schleuder für 42'000 Euro

Aus dem gleichen Grund unterhält Netgo auch die sogenannte Azubi-Schleuder. Ein Chevrolet Camaro. Kostenpunkt: 42'000 Euro. Wenn sich Auszubildende durch einen besonderen Einsatz auszeichnen, dürfen sie eine Woche damit herumfahren.

"Der Azubi ist dann der Held seiner Klasse, wenn er mit dem Wagen zur Berufsschule fährt und wir haben nie Mühe, irgendwen für Wochenendeinsätze zu finden", sagte Kisner. Ferner gehe Netgo auch regelmässig segeln mit seinen Mitarbeitern oder gemeinsam in die Ferien.

Solche Massnahmen bringen natürlich auch Kosten mit sich. Diese seien aber nur geringfügig höher als die normalen Ausgaben, und im Gegenzug erhalte man dafür deutlich motiviertere Mitarbeiter. Es muss aber nicht immer etwas kosten.

Ein bisschen niederländischer

Eine andere Möglichkeit, die Mitarbeiter zu binden, sei es, sie einzubeziehen. Hierfür brachte Kisner ein Konzept aus den Niederlanden in sein Unternehmen. Dieses nennt sich "overleg", das niederländische Wort für "Überlegung".

Der Begriff beschreibt eine spezielle Form von Meeting, für das es gemäss Kisner kein spezifisches deutsches Wort gebe. Diese Sitzungen dienen dazu, dass sich die Geschäftsleitung gemeinsam mit den Mitarbeitern neue Strategien überlegt und dass sie zusammen eine Entscheidung treffen, wie er erklärte.

Die Villa Boveri in Baden. (Source:Netzmedien)

"So bringt man ein bisschen Demokratie ins Unternehmen", sagte Kisner. Als Folge davon stünden alle hinter der Entscheidung und würden solche Massnahmen deshalb zügig umsetzen.

"Zudem ist ein ehrliches Dankeschön viel mehr Wert als ein Bonus von 200 Euro auf den Monatslohn", sagte Kisner. Wichtig sei einfach, dass man authentisch dabei sei. Dazu gehöre, dass ein Unternehmer gegenüber seinen Technikern auch mal zugebe, dass er davon nichts verstehe. Das sollte ihn nicht daran hindern, ein Lob auszusprechen.

Lieber in die Ferien schicken, als Überstunden auszahlen

Generell scheint das Ausbezahlen von Boni oder Überstunden nicht in Kisners Konzept zu passen. Wohl aufgrund der Vergänglichkeit derartiger Massnahmen. Wenn einer seiner Mitarbeiter mal ein Wochenende durcharbeite und deswegen nicht bei seiner Familie sein könne, schicke er ihn lieber mal auf Firmenkosten in den Familienurlaub.

Vergleiche man die Ausgaben mit den Kosten, die Überstunden auszubezahlen, seien diese wohl etwa gleich. Dem Mitarbeiter würden solche Ferien jedoch deutlich länger in Erinnerung bleiben als ausbezahlte Überstunden.

Und wie lockt ein für Mitarbeiter attraktives Unternehmen externe Bewerber an? Social Media. So könne man klarmachen, dass man diese Werte nicht einfach auf seine Website schreibe, sondern dass man sie auch lebe. "Diese Massnahmen sind bescheuert, keine Frage, aber sie gehen viral", sagte Kisner.

Und es funktioniert, davon ist Kisner überzeugt. "Wir erhalten Bewerbungen ohne Ende". Netgo erhalte etwa 80 Bewerbungen pro Woche. Das erlaube der Gruppe, wirklich nur "die Crème de la Crème herauszufiltern", sagte Kisner.

Technische Anforderungen und Arbeitsklima wichtiger als Lohn

Anschliessend wurde das Thema noch in einer Podiumsdiskussion vertieft. Hierfür kamen Oliver Wegner, Hermann Schweizer und Alexander Weinbeck mit auf die Bühne. Schweizer und Weinbeck vertraten die Fachkräfte der Generation Y und Z, zu der auch Kisner gehört.

Schweizer, der unlängst zu Kistler Instrumente gewechselt war, sagte etwa, dass seine Wahl nicht durch das angebotene Salär definiert worden sei. "Der technische Aspekt war ausschlaggebend", sagte der junge Informatiker.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion (v.l.): Hermann Schweizer, Kistler Instrumente, Benedikt Kisner, Netgo, Oliver Wegner, Evolutionplan und Alexander Weinbeck, "frisch von der Uni" gemäss Wegner. (Source: Netzmedien)

Er wechselte zu Kistler, gerade weil die Stelle nicht komplett definiert gewesen sei und er nicht alle geforderten Fähigkeiten erfüllt habe. Auf diese Weise sei er sicher, dass er bei dem Arbeitgeber auch noch etwas lernen könne.

Weinbeck bekräftigte dies. Das Arbeitsklima sei das Wichtigste bei der Wahl eines Arbeitgebers. "Aber das bedeutet natürlich schon nicht, dass der Lohn unterirdisch sein darf", fügte er hinzu. Der Arbeitgeber sollte teamorientiert sein, sodass man wisse, was man vom Chef zu erwarten habe. "Dann macht es auch Spass, in dem Büro zu arbeiten."

Für Arbeitgeber sei es deshalb beim Vorstellungsgespräch sinnvoller, zu fragen "Wo willst du hin?" statt "Was hast du bisher gemacht?", ergänzte Kisner. Aber auch hier gelte es, ehrlich zu sein. Es bringe nichts, dem potenziellen Arbeitnehmer etwas zu versprechen, das man als Arbeitgeber nicht einhalten könne. "Denn dann sind sie spätestens in zwei Jahren wieder weg."

Der Focus-on-Future-Event vermochte das Problem des Fachkräftemangels, beziehungsweise des Mangels, Fachkräfte anziehen zu können, zwar nicht lösen. "Aber mit Netgo und Benedikt Kisner haben wir nun ein Beispiel gesehen, wie man es anpacken kann", sagte Urs Prantl anschliessend im Gespräch mit der Redaktion.

"Ich glaube nicht, dass das die einzig funktionierende Methode ist", sagte er. "Wer anders tickt, muss es auch anders anpacken." Wichtig sei einfach, dass man es anpacke und dass man dabei authentisch sei.

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