Interview mit Nobelpreisträger Kostya Novoselov

"Die Leute denken, Bill Gates hätte den Transistor erfunden"

Uhr | Aktualisiert

Am Dienstag hat der CSEM Business Day zum vierten Mal stattgefunden. Einer der Hauptredner war Physik-Nobelpreisträger Kostya Novoselov. Im Interview spricht er über Hauptthemen der IT, Materialien der Zukunft und die Bedeutung von Firmen wie Samsung und LG.

Kostya Novoselov am CSEM Business Day 2017 (Source: Netzmedien)
Kostya Novoselov am CSEM Business Day 2017 (Source: Netzmedien)

Welches Thema im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie wird in den nächsten Jahren am meisten an Bedeutung gewinnen?

Kostya Novoselov: Ich denke, dass die künstliche Intelligenz das wichtigste Thema ist und seine Bedeutung in den nächsten Jahren noch zunehmen wird.

Sie schildern, wie ihre PhD-Studenten an der Universität Manchester in mühseliger, langweiliger Laborarbeit die ein-atomaren Graphen-Schichten aufeinander stapeln, um neue Materialien zu gewinnen. Könnten Industrieroboter diese Arbeit übernehmen?

Tatsächlich gibt es viele Publikationen dazu, viele Forscher schlagen dies vor. Es gibt aber eine weitere Alternative. Man kann die neuartigen Materialien auch als Kristalle wachsen lassen.

Sie gewannen 2010 den Physik-Nobelpreis für Erforschung und Synthese von Graphen. Wie kamen Sie dazu, mit Graphen zu arbeiten?

Das war mehr oder weniger Zufall. Mein damaliger Supervisor arbeitete damit. Ursprünglich hatten wir mit Graphit angefangen.

Digitalisierung, digitale Wirtschaft, digitale Revolution-davon reden alle. Mir scheint, dass den Leuten nicht bewusst ist, dass die Grundlage dafür immer noch Materialien sind – Materialien mit der Fähigkeit, Daten zu verarbeiten.

Da stimme ich Ihnen zu – die meisten Leute denken, Bill Gates hätte den Transistor erfunden. Sie denken nicht gross über die Materialien nach, die das Fundament für die gesamte Elektronik und damit Datenverarbeitung bilden.

Unsere Industrie beruht momentan auf sehr wenigen Materialien, sagen Sie. Silizium für die Elektronik, Stahl für Bauten, Aluminium für die Luftfahrt. Was sind die Materialien der Zukunft?

Ich mache nicht gerne Vorhersagen über die Zukunft. Denn solche Aussagen sind schwierig. Die Entwicklungszyklen umfassen eine lange Zeit. Bis neue Materialien aus der Hochschulforschung in der Elektronik-Industrie landen, kann es sehr lange dauern. Aber ich glaube, dass wir bald auf eine grössere Vielfalt an Materialien zurückgreifen können. Dass nicht mehr ausschliesslich Silizium die Elektronik beherrscht.

Viele Materialien der Elektronikindustrie, insbesondere Metalle, sind begrenzte Ressourcen, die sich nur unter grossem Energieaufwand zutage fördern lassen. Nachhaltigkeit in allen Facetten sollte vermehrt Thema sein. Wie denken Sie darüber?

In Bezug auf Nachhaltigkeit glaube ich, dass der Energieverbrauch das Hauptproblem ist, nicht die Materialien.

Unternehmen wie Samsung und LG mischen bei der Forschung im Bereich Elektronik ganz vorne mit. Finden Sie das positiv oder sehen Sie da auch Probleme?

Grosse Probleme sehe ich darin, dass diese Unternehmen wahnsinnig viele Leute beschäftigen und deswegen die Entwicklung auf sehr viele Bereiche aufteilen. Niemand könnte mehr ein ganzes Produkt alleine herstellen beziehungsweise das dafür notwendige Wissen zusammenfassen. Die Komplexität ist zu hoch geworden. Das ist der Preis für modulares Design. Was ausserdem auffällt, ist die Verlagerung nach Asien. Vor 50 Jahren war Europa führend, Firmen wie IBM und Philips an der Forschungsspitze. Jetzt sind es China und Korea.

Das Interview fand während des CSEM Business Day 2017 in Luzern statt. Der Bericht zum Anlass findet sich hier.

Kostya Novoselov und IT-Markt-Redaktionspraktikantin Anna Julia Schlegel. (Source: Netzmedien)

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