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Ein Zenturio mit Sneakers und Sonnenbrille? KI-Bildgeneratoren können Geschichte ganz schön verdrehen. Altertumswissenschaftler entwickeln ein Tool, das antike Szenen historisch fundiert visualisiert und damit neue Perspektiven eröffnet.

Ein Klick, und da sind sie, die drei Soldaten beim Würfelspiel. Doch Moment – müssten die Würfel nicht anders aussehen und aus Knochen bestehen? Felix K. Maier, Professor für Alte Geschichte, wirft einen Blick zu Computerlinguist Phillip Ströbel. "Ich passe die LoRA-Scale an und ändere den Prompt", sagt Ströbel. LoRA-Scale? Prompt? Begriffe, die man in einem Geschichtsseminar eher nicht erwartet. Aber sie fallen dort jetzt häufiger.
Maier und Ströbel haben gemeinsam die Plattform Re-Experiencing History entwickelt, mit der sich Bilder aus der Welt der antiken Griechen und Römer generieren lassen, unterstützt von künstlicher Intelligenz. Drei KI-Modelle haben sie dafür miteinander kombiniert und mit Forschungsliteratur sowie antiken Quellen trainiert. Ziel ist es, wissenschaftlich fundierte Darstellungen zu schaffen. Denn gängige Bildgeneratoren der KI orientieren sich meist an modernen Vorlagen und Bildern mit Hochglanz-Ästhetik – das führt zu absurden Ergebnissen: Bei einem frühen Versuch zeigte das System zwar einen römischen Triumphzug, doch die Zuschauer hielten Handys in die Höhe.
Geschichte visuell erleben
"Womöglich hat die KI auf Fotos moderner Papstprozessionen zurückgegriffen", vermutet Maier. Ausserdem sahen alle Menschen "wie fünfmal Fitnessstudio" aus und die Stadt Rom wirkte viel zu sauber. "Es war gar nicht so einfach, die Stadt dreckiger und die Menschen etwas durchschnittlicher zu machen", sagt Ströbel. Mit der neuen Plattform, bei der die KI mit präzisen Rekonstruktionen aus der Forschung gefüttert wird, könnten nun viel authentischere und präzisere Bilder erstellt werden.
Die Plattform erinnert in ihrer Bedienung an ChatGPT, bietet aber zusätzliche Optionen: Die Nutzer:innen können aus drei verschiedenen Modellen wählen, die jeweils unterschiedliche Vorteile haben. Der sogenannte Prompt, also die Texteingabe mit den Bildanweisungen, lässt sich darüber hinaus automatisch optimieren. Das Projekt hat laut Maier drei zentrale Einsatzbereiche: Forschung, Bildung und Museen. Für Historiker:innen biete es die Möglichkeit, neue Perspektiven zu entwickeln. "Wenn wir ein Bild eines Triumphzugs erzeugen, müssen wir uns plötzlich konkrete Fragen stellen: Wie gut erkannte man damals den Triumphator in der jubelnden Menge? Wie wurde der Sieg möglichst anschaulich inszeniert? Welche Route nahm die Prozession?", erläutert Maier.
Schon die detailgetreue TV-Serie "Rome" hat vor rund zwanzig Jahren neue historische Fragestellungen über das Leben und den Alltag in den ärmeren Vierteln Roms angestossen. Maier zitiert den Historiker R. G. Collingwood, der die Meinung vertrat, dass historisches Verständnis ein "Nacherleben" – auf Englisch "re-enactment" – vergangener Erfahrungen erfordere. Daran knüpft das Projekt an. "Je intensiver wir uns mit KI-generierten Bildern auseinandersetzen, desto stärker wird unsere historische Vorstellungskraft stimuliert", sagt der Althistoriker. Eine Gefahr für die menschliche Imagination sieht er hierbei nicht: "Im steuernden Umgang mit der KI werden wir stets neu herausgefordert, die möglichen Ergebnisse auf Plausibilität zu überprüfen. Die KI bietet visuelle Hypothesen, die der Mensch weiterdenkt."
Mitten ins Geschehen versetzt
Die KI erzeugt keine definitive Visualisierung, sondern lädt dazu ein, verschiedene Szenarien spielerisch auszuprobieren. Dies kann auch bei der Anwendung im schulischen Kontext von essenzieller Bedeutung sein: "Wenn Schülerinnen und Schüler ein Bild von der Krönung Karls des Grossen gestalten sollen, versetzt die Plattform sie als Bildgestalter:innen mitten ins Geschehen und löst wichtige Fragen aus: Wie inszenierte sich beispielsweise der Papst, um grösser zu wirken als der Kaiser?", sagt Maier. Solche Auseinandersetzungen führten zu tieferem Verständnis für historische Prozesse – und für die Interessen, die ihnen zugrunde lagen. Die Schülerinnen und Schüler lernten so, eigene Vorstellungen zu entwickeln, Annahmen zu überprüfen und zu reflektieren. Natürlich müsse der Einsatz der Plattform didaktisch begleitet werden. Doch richtig genutzt, könne sie helfen zu erkennen, dass Geschichtsschreibung immer auch Interpretation und Deutung ist.
Dass die KI beim Erstellen von Bildern aus einem historischen Kontext – trotz der nun verfeinerten Modelle – immer wieder Fehler begeht, sehen Maier und Ströbel nicht als Mangel, sondern als Ansporn zu lernen. Selbst wenn die erzeugten Bilder nicht in allen Details historisch präzise seien, könnten sie gerade durch ihre Unschärfen und Ungenauigkeiten wertvolle Lerneffekte bieten. "Mit unserer Methode entstehen neue Fragestellungen, auch wenn eine römische Sandale nicht ganz korrekt dargestellt ist", erklärt Ströbel.
Dass dies funktionieren könnte, zeigte sich bereits bei Studierenden der Alten Geschichte, die verschiedene KI-Modelle testeten. Der Triumphzug erscheine ihnen nun in einem ganz neuen Licht, war das Feedback. Einen vergleichbaren Effekt erhoffen sich Maier und Ströbel auch von einer geplanten Kooperation mit Museen: Besucherinnen und Besucher könnten mithilfe der neuen Plattform eigene Bilder zu ausgewählten Ausstellungsthemen erstellen und so, ganz im Sinne eines partizipativen Konzepts, sogar kleine "Ausstellungen innerhalb der Ausstellung" gestalten.
Notwendige Grenzüberschreitungen
In Maier und Ströbels Forschungsprojekt treffen zwei sehr unterschiedliche Disziplinen aufeinander: Alte Geschichte und Computerlinguistik. "Natürlich braucht es viel Kommunikation", sagt Maier. "Manchmal muss mir Phillip zehnmal erklären, wie diese KI-Modelle funktionieren." Doch genau die unkonventionelle Zusammenarbeit ermögliche einen entscheidenden Schritt über die bisherigen Formen interdisziplinärer Kooperation hinaus. In ihrer Forschung erleben beide täglich, dass neue Erkenntnisse häufig dort entstehen, wo scheinbar unverbundene Wissensgebiete aufeinandertreffen. Im digitalen Zeitalter seien solche Grenzüberschreitungen unerlässlich, um komplexe historische Fragestellungen umfassend zu erforschen, sagt Maier.
Die Plattform Re-Experiencing History, die allen Angehörigen der Universität Zürich offensteht, ist dabei nur eines von mehreren digitalen Projekten. Im AIncient Studies Lab am Lehrstuhl von Felix Maier arbeiten mehrere Mitarbeiter an einer KI-gestützten Datenbank zur Übersetzung klassischer Texte und produzieren einen KI-Podcast zu antiken Themen. Maier und Ströbel sind sich sicher: Die Geisteswissenschaften müssen sich aktiv mit KI auseinandersetzen – oder sie riskieren, von ihr überrollt zu werden. Mit Re-Experiencing History öffnen sie die Tür zu einer neuen, bildstarken Art und Weise, Geschichte zu denken und zu erleben.

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