Anlass von Myni Gmeind

Was Open Source in der öffentlichen Verwaltung für Potenziale bringt

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von Seraina Huber und dwi

Open Source ist in den Schweizer Verwaltungen längst kein Fremdwort mehr. Welche möglichen Potenziale damit verbunden sind, hat ein Anlass des Vereins Myni Gmeind anhand aktueller Praxisbeispiele und Strategien beleuchtet. Der Fokus lag dabei auf digitaler Souveränität, Transparenz und föderaler Zusammenarbeit.

Der Anlass zum Thema "Open Source in der öffentlichen Verwaltung" fand an der PH in Zürich statt. (Source: Netzmedien)
Der Anlass zum Thema "Open Source in der öffentlichen Verwaltung" fand an der PH in Zürich statt. (Source: Netzmedien)

Am 26. Januar hat der Verein Myni Gmeind und das Smart City Hub das Thema "Open Source in der öffentlichen Verwaltung" auf die Agenda gesetzt. An der Pädagogischen Hochschule Zürich gaben sechs Referenten Einblicke in aktuelle Projekte und Strategien zu diesem Thema.

Den Auftakt machte Alexander Sollberger, Präsident des Vereins Myni Gmeind. Er erklärte, dass die Auseinandersetzung mit Open Source im Rahmen des Projekts "Gemeinde Connect" entstanden sei. Die Frage "Ist es Open Source oder eine Firma, die es betreibt?" beinhaltet laut Sollberger bereits viele Nuancen. Die Vorträge des Events sollten, wie er weiter ausführte, einige Antworten darauf liefern.

Alexander Sollberger, der Präsident von Myni Gmeind begrüsst die Gäste.

Alexander Sollberger, Präsident vom Verein Myni Gmeind. (Source: Netzmedien)

Digitale Partizipation mit Decidim

Wie Open Source in der städtischen Verwaltung aussehen kann, zeigten Werner Lichtenhan von der Stadt Zürich und Lars Kaiser von Urban Equipe am Beispiel der Partizipationsplattform "Decidim". Lichtenhan, der selbst aus dem Partizipationsbereich und nicht aus der IT komme, erklärte, dass die Plattform in der Stadt Zürich bereits seit 5 Jahren im Einsatz ist. Davor war die Onlinepartizipation dezentral organisiert: Verschiedene Dienstabteilungen hätten separat Plattformen und Beratungsleistungen beschafft - teilweise sogar parallel beim gleichen Anbieter. 

Nach einer zweijährigen Pilotphase sei Decidim im Herbst 2022 vom Stadtrat als Standardlösung eingeführt worden. Im vergangenen Jahr habe die Nutzung dann zugenommen - von kleineren Projekten wie Umfragen zu Quartierparks bis hin zu grossen Vorhaben wie dem Pilotquartier Netto Null, in dem die Stadt Zürich bis 2040 klimaneutral werden möchte.

Lichtenhan wies zugleich auf Chancen und Herausforderungen hin: Open Source bedeute mehr Verantwortung und einen höheren Aufwand im Betrieb. Dafür bestünden keine Lizenzkosten, die Plattform gehöre der Stadt und der Code sei offen - denn "niemand hat Hand darauf".

Lars Kaiser von Urban Equipe (links im Bild) und Werner Lichtenhan der Stadt Zürich (rechts) sprechen zum Publikum.

Lars Kaiser von Urban Equipe (links) und Werner Lichtenhan von der Stadt Zürich haben Decidim vorgestellt. (Source: Netzmedien)

Lars Kaiser, der als Product Owner eine unterstützende Rolle einnimmt und die Schnittstelle zur IT bildet, ging seinerseits auf die internationale Community von Decidim ein. Die Plattform fand demnach seinen Ursprung in Barcelona als "techno-politisches Projekt". Genutzt werde es von knapp 500 Instanzen weltweit - von kleineren NGOs bis zu grossen Ländern. 

"In der Open-Source-Welt ist der Wissenstransfer absolut zentral", betonte Kaiser. "Jeder kann an dem Produkt arbeiten. Das ist ein Vorteil und auch ein Nachteil. Die Dokumentation muss stark sein und Prozesse und Entscheidungen müssen klar definiert sein." Als Product Owner sei man zudem nicht nur Schnittstelle zwischen Auftraggebenden und der technologischen Entwicklung, sondern auch die Brücke zum internationalen Produkt.

Stärkere Zusammenarbeit für eine gemeinsame Vision

Christian Zosel von Adfinis, einem Dienstleister für Open-Source-Lösungen, stellte "Ebau bei Inosca" vor. Ebau sei eine Open-Source-Weblösung für digitale Baubewilligungsverfahren. Inosca, deren Name laut Zosel "für Innovation, Open Source und Kanton" steht, sei eine Community, in der zurzeit sechs Deutschschweizer Kantone zusammenarbeiten. Diese würden sich regelmässig online treffen, um aktuelle gemeinsame Bedürfnisse zu identifizieren. Werden solche festgestellt, entwickeln sie laut Zosel ein Konzept, das mit Unterstützung von Adfinis umgesetzt wird. Die Ergebnisse stehen schliesslich allen anderen Kantonen zur Verfügung.

Zosel betonte dabei die Wichtigkeit der Zusammenarbeit und verwies auf "Conway's Law": "Wenn eine Organisation Software entwickelt, bildet die entstehende Software die Struktur der Organisation ab." Denn anfangs habe Adfinis als zentraler Kommunikationspunkt agiert, was dazu führte, dass jeder Kanton sein eigenes System hatte. Der Durchbruch kam schliesslich, als man die Kantone "alle an einen Tisch" brachte. Denn das Ziel eines Projekts sei eigentlich immer, dass man "näher zusammenrückt und eine gemeinsame Sprache findet".

Christian Zosel von Adfinis spricht vor einer Leinwand zum Publikum.

Christian Zosel von Adfinis sprach über Inosca. (Source: Netzmedien)

Auf eine Publikumsfrage, wie man sich gegen eine Kommerzialisierung durch grosse Player schützt, wenn man auf Open-Source-Stacks setzt, verwies Zosel auf den "Copyleft-Effekt" der Lizenz. Wer also Änderungen am Quellcode vornimmt, müsse diese unter derselben Lizenz allen Konsumenten wieder zur Verfügung stellen. Es sei auch möglich, das Projektteam aufzukaufen, um die Lösung nachzubauen. Dies werde allerdings teuer und grundsätzlich könne man die Idee "nicht so gut schützen", sagte der Referent.

Die Erfolgsformel für Open Source in der öffentlichen Verwaltung

Fabian Reinhard von der Firma Seantis begann seinen Vortrag mit der Frage: "Gibt es eine geheime Erfolgsformel für den Einsatz von Open Source in der öffentlichen Verwaltung?" Was die Antwort darauf sein könnte, werde er am Schluss verraten - allerdings nicht ganz ernst gemeint und auch nicht wissenschaftlich, wie er hinzufügte.

Seantis sei unter anderem mit "admin.digital" auch in der öffentlichen Hand tätig. Es handelt sich dabei laut Reinhard um eine "umfassende digitale Plattform", die unter anderem den Formulareingang, Reservationssysteme und Verzeichnisse abdeckt. 

Fabian Reinhard von der Seantis.
Fabian Reinhard von der Firma Seantis präsentiert "admin.digital". (Source: Netzmedien)

"Open Source ist mittlerweile überall, auch in der öffentlichen Hand", sagte Reinhard. "Ohne diese funktioniert vieles nicht mehr." Für Seantis biete es ausserdem einen "idealen Werkzeugkasten für die Softwareentwicklung", der wiederum talentierte Entwicklerinnen und Entwickler anziehe.

Und was ist nun die geheime Erfolgsformel? Laut Reinhard lautet sie OSS + SaaS + OGD - eine Kombination aus Open-Source-Software (OSS), Software as a Service (SaaS) und Open Government Data (OGD). Open Source soll Freiheiten und Unabhängigkeit bringen, SaaS mit automatischen Updates und Skalierbarkeit für Sicherheit und Zuverlässigkeit sorgen, während proaktiv bereitgestellte, strukturierte OGD Offenheit und Flexibilität ermöglichen.

Open-Source-Software als Mittel zum Zweck

Andreas Burren von der Digitalen Verwaltung Schweiz (DVS), bezeichnete seinen Vortrag mit einem Augenzwinkern als "Beitrag zur dialektischen Diversität": Er sei Berner, spreche Basler Dialekt und stehe nun in Zürich vor dem Publikum. Laut Burren ist OSS "Mittel zum Zweck" für die digitale Souveränität. Konkret gehe es doch darum, die Kontroll- und Handlungsfähigkeit der Verwaltung zu sichern.

Andreas Burren von der Digitalen Verwaltung Schweiz.

Andreas Burren von der Geschäftsstelle Digitale Verwaltung Schweiz. (Source: Netzmedien)

Burren verwies in seinem Referat auf die "Second-Source-Studie" der DVS. Diese untersuchte, inwieweit Schweizer Verwaltungen ihre Abhängigkeit von Microsoft-Cloud-Diensten (M365) reduzieren könnten. 

Die Studie habe gemäss Burren einige zentrale Erkenntnisse gebracht:

  • Realistische Alternativen existieren, sind aber keine Eins-zu-Eins-Ersatzlösungen.
  • Die IT-Resilienz kann sich zwar kurzfristig erhöhen, bleibt jedoch strategisch und politisch anspruchsvoll.
  • Alleingänge einzelner Kantone sind "eher auf verlorenem Posten", daher wäre ein koordiniertes Vorgehen zielführender.
  • Der Vendor Lock-in nimmt weiter zu und verstärkt die Abhängigkeit.
  • Die Kosten sollen voraussichtlich nicht sinken, sondern eher steigen.
  • Notfalllösungen sind kurzfristig realisierbar, gestalten sich aber "in the long run" schwierig.

Interessierte finden die gesamte Studie hier.

Um noch offene Fragen zu beantworten, kündigte Burren eine "Anschlussstudie zur Second-Source Studie" an - einen Namen, den er scherzhaft als "fürchterlich" bezeichnet. Die Studie umfasse unter anderem eine systematische Marktuntersuchung von Alternativen, eine Machbarkeitsprüfung im Dienstleistungsmarkt sowie eine prototypische Betrachtung für eine mittelgrosse und eine grosse Verwaltung. Die Veröffentlichung der Anschlussstudie stellte Burren für Juli 2026 in Aussicht. 

Nach einer Publikumsfrage verriet er unter dem Motto "wir sind ja open", welche Kantone der Studie prototypisch zur Verfügung stehen: Solothurn als mittelgrosser Kanton und Aargau als grosser Kanton.

Weg vom Kundendenken hin zur Community

Als Abschluss der Vortragsreihe präsentierte Jürg Kubli vom Verein Myni Gmeind das Projekt "Gemeinde Connect". Diese "neutrale Community für Gemeindeorganisationen" mache "Betroffene zu Beteiligten", sagte Kubli. Sie unterstütze Gemeinden dabei, ihre Dienstleistungen einfacher zu standardisieren.

Den Handlungsbedarf verdeutlichte er mit einer Zahl: In den rund 2115 Schweizer Gemeinden würden heute etwa 2000 unterschiedliche Varianten desselben Service' existieren. Mit dem Projekt soll diese Vielfalt reduziert werden. Der Ansatz basiere dabei auf drei Kernelementen: der organisatorischen Unterstützung beim Aufbau kantonaler Kooperationen, der fachlichen Bereitstellung von Best Practices sowie der technischen Hilfe beim Aufbau von Open-Source-Lösungen. Laut Kubli gibt es nämlich "keinen anderen Bereich, der prädestinierter ist für Open Source, als der Bereich der öffentlichen Hand".

Jürg Kubli, Experte vom Verein Myni Gmeind.
Jürg Kubli vom Verein Myni Gmeind. (Souce: Netzmedien)

Weiter ging Kubli kurz auf zwei laufende Pilotprojekte ein: Nach einer Testphase sollen im Kanton Solothurn demnächst die ersten Services live gehen. Im Kanton Freiburg liege das Interesse hingegen nicht bei der Technik, sondern beim Erfahrungsaustausch zu fachlichen und organisatorischen Themen. Es sei wichtig, "wegzukommen vom Kunden- und Lieferantendenken, hin zu einer Community".

Für den technischen Bereich habe man sich im Rahmen einer Studie für die permissive Open-Source-Lizenz "Apache 2.0" entschieden. Die erste Open-Source-Lösung sei bereits publiziert worden und Kubli hoffe darauf, dass andere kantonalen Verbände diese künftig als Option berücksichtigen. Abschliessend betonte der Referent: "Alle Mitwirkenden müssen sich auf offene Standards und auf Zusammenarbeit committen."

 

Im Dezember hat die Bundeskanzlei übrigens neue Leitlinien zur digitalen Souveränität in der Bundesverwaltung verabschiedet. Ziel ist die Stärkung der Handlungs- und Kontrollfähigkeit der Verwaltung im digitalen Raum. Lesen Sie hier mehr dazu.

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