Vertiv Day 2026

Der KI-Boom fordert die Schweizer Datacenter-Branche heraus

Uhr
von Joël Orizet und rja

Der Bedarf an Rechenleistung für künstliche Intelligenz treibt die Anforderungen an Energiedichte und Kühlung in neue Sphären. Am Vertiv Day diskutierten Fachleute über die Konsequenzen für den Bau von Rechenzentren, die Grenzen der gesellschaftlichen Akzeptanz und die strategische Positionierung der Schweiz im Technologiewettlauf.

Stefano Mozzato, EMEA Marketing Vice President von Vertiv, hat die Podiumsdiskussion am Vertiv Day 2026 moderiert. (Source: zVg)
Stefano Mozzato, EMEA Marketing Vice President von Vertiv, hat die Podiumsdiskussion am Vertiv Day 2026 moderiert. (Source: zVg)

Die Rechenzentrumsbranche steht vor einem Paradigmenwechsel. Die für das Training von KI-Modellen benötigten Hochleistungsprozessoren erfordern eine Infrastruktur, die mit traditionellen Designs kaum noch zu bewältigen ist. Steigende Leistungsdichten pro Rack, der steigende Strombedarf und neue Kühllösungen zwingen Betreiber und Zulieferer, ihre Strategien zu überdenken. Gleichzeitig rücken die physischen Bauten stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. 

Über diese und weitere Herausforderungen diskutierten die Gäste am Vertiv Day 2026, der im Anschluss an die Generalversammlung der Swiss Datacenter Association im Schloss Laufen am Rheinfall über die Bühne ging.

Gesellschaftliche Akzeptanz als grösste Hürde

Für Franz Grüter, SVP-Nationalrat des Kantons Luzern und ehemaliger Verwaltungsratspräsident der Green Group, liegt die grösste Challenge nicht in der Technik, sondern in der gesellschaftlichen Akzeptanz. "Wir sprechen über kritische Infrastrukturen. Keine Gesellschaft kann ohne Rechenzentren funktionieren, aber nur wenige sind sich dessen bewusst", sagte er im Rahmen einer Podiumsdiskussion. 

Um dem entgegenzuwirken, müsse die Industrie sichtbare Beiträge leisten. Als Beispiel nannte er die konsequente Nutzung von Abwärme, um etwa Wohnungen, Gebäude oder öffentliche Einrichtungen im näheren Umfeld von Rechenzentren zu beheizen. Gleichzeitig sieht er die Politik in der Verantwortung. Eine zuverlässige und bezahlbare Stromversorgung sei eine Kernaufgabe des Staates. "In Europa ist der Bau neuer Kraftwerke - ausser Wind- und Solaranlagen - jedoch beinahe ein Tabu", gab Grüter zu bedenken und merkte an: "Allein mit dieser Art der Energieproduktion können wir die Welt jedoch nicht retten."

Die Schweiz am Scheideweg

Roger Süess, CEO der Green Group und frisch gewählter Präsident der Swiss Datacenter Association (SDCA), betonte die ausgezeichnete Ausgangslage der Schweiz. Das Land profitiere von einem stabilen Stromnetz (Swissgrid), seiner zentralen Lage für Daten- und Stromflüsse sowie erstklassigen Bildungsinstitutionen wie der ETH Zürich und der EPF Lausanne. Dennoch dürfe man sich nicht darauf ausruhen. 

Die Coronakrise sowie die aktuelle US-Regierung hätten die Bedeutung von digitaler Souveränität offengelegt, die er nicht als Isolation, sondern als "Wahl- und Kontrollmöglichkeiten über das eigene Schicksal" definiert. Zudem entwickle sich die Branche in einem rasanten Tempo weiter. In den USA und China existieren bereits konkrete Pläne für KI-Rechenzentren mit Anschlussleistungen im Gigawattbereich. "Wir in der Schweiz müssen daher aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verlieren", sagte Süess. 

Dimensionen einer neuen Zeitrechnung

Welche technischen Dimensionen die KI-Revolution erreicht, verdeutlichte Vladimir Prodanovic, Principal Program Manager bei Nvidia. Seine Aufgabe ist es, die Einsatzbereitschaft von Rechenzentren für grossangelegte GPU-Deployments sicherzustellen. "Die Rechenzentren, die von den Hyperscalern gebaut wurden, sind nicht für echte KI-Fabriken ausgelegt", stellte er klar. Während heutige Systeme bereits 140 Kilowatt pro Rack erforderten, werde die nächste Generation 220 Kilowatt erreichen. Zukünftige Systeme sollen sogar über 500 Kilowatt benötigen.

Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen: Das Gewicht eines Racks steigt von heute rund 2 auf bis zu 4 Tonnen. Die Kühlung erfordert pro Rack bis zu 110 Litern Flüssigkeit pro Minute, transportiert durch Schläuche, deren Durchmesser von heute 1 auf künftig 4 Zoll anwachsen wird. Auch die Logistik wird zur Herausforderung: "Zwei dieser Racks können über 10 Millionen US-Dollar wert sein - was wiederum bedeutet, dass der LKW für deren Transport kaum noch versicherbar ist", erklärte Prodanovic. Die Kosten für ein 100-Megawatt-Rechenzentrum bezifferte der Experte auf rund eine Milliarde Dollar für das Gebäude und weitere fünf Milliarden für die IT-Ausrüstung.

Ein Mann in Jackett und Jeans hält einen Vortrag in einem Konferenzraum. Auf der Leinwand hinter ihm geht es um die exponentielle Nachfrage nach KI-Rechenleistung und um Datacenter-Lösungen. Ein Publikum sitzt in Stuhlreihen und blickt nach vorne.

Paul Ryan von Vertiv erläutert die Herausforderungen, die der KI-Boom für die Datacenter-Infrastruktur mit sich bringt. (Source: zVg)

Die Lieferkette unter Druck

Dieser technologische Sprung setzt die gesamte Zulieferindustrie unter Druck. Paul Ryan, EMEA-Präsident von Vertiv, verglich die aktuelle Entwicklung mit dem Übergang vom 3G- zum 5G-Mobilfunknetz: "Es ist kein linearer Wandel, sondern ein Technologiesprung." Die Nachfrage aus Nordamerika beschrieb er als "beispiellos". Um mit diesem Tempo Schritt zu halten, müsse die gesamte Wertschöpfungskette neu gedacht werden.

"Man kann die Zykluszeiten nicht von 18 Monaten auf 6 Monate verkürzen, indem man die Leute einfach auffordert, schneller zu arbeiten", so Ryan. Vertiv habe seine eigenen
Produktentwicklungszyklen bereits verkürzt, in den Ausbau seiner Produktionskapazitäten investiert, seine Präsenz erweitert und Hunderte neuer Arbeitsplätze in der EMEA-Region geschaffen. Die grösste Herausforderung sei nun, die Lieferketten entsprechend zu transformieren. "Wir müssen neu überdenken, wie wir designen, Material beschaffen, bauen, implementieren und in Betrieb nehmen", fasste Ryan die Herkulesaufgabe für die Branche zusammen.
 

Übrigens: Gemäss einer Auswertung der kanadischen Agentur Visual Capitalist gehört die Schweiz zu den weltweiten Top 20 der Datacenter-Standorte - mehr dazu lesen Sie hier

Webcode
rBdoFXsT