Mobile Payment

Twint nimmt Fahrt auf und steht besonders bei Jungen hoch im Kurs

Uhr | Aktualisiert
von Thomas Häusermann, Werbewoche

Einst belächelt, heute gefragt: Die Schweizer Bezahllösung Twint ist erwachsen geworden und gewinnt in Rekordtempo neue Nutzer.

(Source: Twint)
(Source: Twint)

Es steht gut um die mobile Bezahllösung, welche im April 2017 den operativen Betrieb aufgenommen hat und mittlerweile von 73 Banken angeboten wird. Wie Geschäftsführer Markus Kilb gegenüber der "Schweiz am Wochenende" ausführt, soll Twint "bald 1,2 Millionen Nutzer" zählen. Und noch bemerkenswerter: Seit Dezember sei die Nachfrage "mit 15'000 Neukunden pro Woche regelrecht explodiert".

Bei einem anhaltenden Wachstum dieser Grössenordnung könnte die App Ende Jahr gegen 2 Millionen Nutzer vorweisen. Um dies zu ermöglichen, werde aktuell nicht nur an der Stabilität des Systems gearbeitet, sondern auch die Menge der Bezahlstellen ausgebaut – selbst in Hofläden soll Twint als Bezahlungslösung akzeptiert werden, so Kilb.

Wie die Zeitung schreibt, ist die App inzwischen besonders auch bei jungen Leuten hoch im Kurs. Teenager überweisen sich in der Mittagspause die Essenkosten, Eltern überweisen ihren Kindern das Taschengeld (oder andere Zustupfe) per Twint.

Wer die Geschichte und Entwicklung von Twint von Beginn weg mitverfolgt hat, weiss: Positive Nachrichten in Zusammenhang mit der Schweizer Bezahllösung Marke Eigenbau waren bisher Mangelware. Sie wurde 2014 initiiert, um eine schlagfertige Alternative zur schnell wachsenden ausländischen Konkurrenz – besonders Apple Pay – bieten zu können. Fuhren die Schweizer Banken zu Beginn noch unkoordiniert und mehrgleisig, einigte man sich 2016 auf eine gemeinsame Plattform und fusionierte die UBS-Lösung Paymit mit Twint: Die fünf grössten Banken, Six, und die Detailhändler Coop und Migros sowie Swisscom hatten sich Ende Mai 2016 auf eine gemeinsame Lösung für ein Schweizer Mobile-Payment-System verständigt.

Harziger Start

Dennoch gestaltete sich der Start schwierig. Der Launch zögerte sich hinaus, der wichtigste Partner Coop beklagte mangelnde interne Kommunikation, die Nutzer blieben skeptisch und vertrauten auch nach dem Start im Frühjahr 2017 (statt wie angekündigt im Herbst 2016) vermehrt auf die ausgereiften Systeme von Apple und Samsung. Dass die Migros im Oktober 2017 verkündete, auch weiterhin lieber auf die eigenen App zu setzen und Twint lediglich in diese zu integrieren, verbesserten die Prognosen für die schwächelnde Bezahllösung nicht. Payment-Experte Andreas Dietrich bezeichnete die Migros damals gegenüber der Handelszeitung als "kritisches Element" bei der Verbreitung von Twint. "Wenn der grösste Detailhändler das Zahlungsmittel nicht akzeptiert, bedeutet das eine grosse Hürde." Viele Konsumenten liessen sich erst dann auf ein Zahlungsmittel ein, wenn es bei allen wichtigen Läden akzeptiert werde, so Dietrich.

Vielerorts bereits abgeschrieben und nicht selten als Rohrkrepierer bezeichnet, scheint Twint die Kurve also doch noch zu kriegen. Das zeigen nicht nur die neusten Nutzerzahlen, sondern auch die Tatsache, dass sich in der Jugend- und Alltagssprache sogar das Wort "twinten" etabliert hat. Dabei spielt Twint auch einen entscheidenden USP gegenüber der ausländischen Konkurrenz aus: Im Gegensatz zu Apple Pay oder Samsung Pay kann die Schweizer Eigenkreation mit normalen Bankkonten betrieben werden und setzt keine Kreditkarte voraus. Das senkt die Eintrittsbarriere, trifft den Schweizer Nerv und stärkt das Vertrauen – auch einer älteren Nutzergruppe, die immer stärker auf den Mobile-Payment-Zug aufzuspringen scheint.

Nicht verstummen dürften hingegen die kritischen Stimmen, die durch die immer populärer werdenden digitalen Bezahllösungen eine ernsthafte, mittelfristige Bedrohung für das Bargeld sehen.

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DPF8_121384

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