Quantencomputer soll ab 2028 in der AWS-Cloud rechnen
Quera Computing will bis 2028 einen fehlertoleranten Quantencomputer in Betrieb nehmen und über AWS als Cloud-Dienst anbieten. Das System namens Libra soll Berechnungen ermöglichen, an denen heutige Quantencomputer wegen ihrer Fehleranfälligkeit scheitern. Ob der ambitionierte Zeitplan aufgeht, muss sich allerdings noch zeigen.
Der US-Quantencomputerhersteller Quera Computing plant, ab 2028 ein fehlertolerantes Quantensystem namens Libra über die Cloud-Plattform Amazon Braket zugänglich zu machen. Libra soll mit mehr als 256 logischen Qubits arbeiten und rund eine Million logische Quantenoperationen ausführen können, wie Quera und AWS mitteilen.
Fehlerkorrektur soll längere Rechnungen ermöglichen
Fehlertoleranz zählt zu den zentralen Zielen der Quanteninformatik. Heutige Quantencomputer können zwar bereits anspruchsvolle Experimente ausführen, verlieren aber bei längeren Berechnungen rasch an Zuverlässigkeit. Denn Quantenbits reagieren empfindlich auf Störungen; Fehler schleichen sich deswegen deutlich schneller ein als bei klassischen Computern.
Libra soll dieses Problem mit sogenannten logischen Qubits entschärfen. Das System soll mehrere physische Qubits zu einer robusteren Recheneinheit zusammenfassen und Fehler laufend korrigieren. Quera spricht von einer logischen Fehlerrate von 10 hoch minus 6 - also von einem Fehler pro eine Million logische Operationen.
AWS baut Braket weiter aus
Amazon Web Services (AWS) will Libra in Amazon Braket integrieren. Über diese Plattform können Unternehmen und Forschungseinrichtungen bereits heute mit Quantenanwendungen experimentieren und dabei auf Quantencomputer verschiedener Hersteller zugreifen.
Die Partnerschaft zwischen AWS und Quera reicht zurück bis 2022. Damals nahm AWS den Quera-Rechner Aquila in Braket auf. Aquila arbeitete mit bis zu 256 Qubits und erfüllte damit eine frühere Ankündigung des Start-ups. Allerdings handelte es sich bei Aquila nicht um einen universellen Quantencomputer, sondern um ein analoges Spezialgerät für bestimmte Simulationen.
Forschung liefert Fortschritte, aber noch keinen Beweis
Dass Quera den Zeitplan nicht völlig aus der Luft greift, zeigen wissenschaftliche Fortschritte der vergangenen Jahre. Forschende von Harvard und dem MIT demonstrierten 2025 in der Fachzeitschrift "Nature" wesentliche Bausteine eines fehlertoleranten Quantencomputers auf Basis von 448 Neutralatomen. Bei diesem Ansatz dienen einzelne, elektrisch ungeladene Atome als Qubits - also als Recheneinheiten eines Quantencomputers -, die sich mithilfe von Lasern präzise steuern lassen. Das Experiment zeigte, dass sich Fehler während einer Berechnung wiederholt erkennen und korrigieren lassen.
Das ist zwar ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu praktisch nutzbaren Quantensystemen, aber noch kein Beleg für einen kommerziell einsetzbaren Quantencomputer. Auch die in "Nature" vorgestellte Studie selbst hält fest, dass fehlertolerantes Quantencomputing im grossen Massstab weiterhin zu den grössten Herausforderungen der Disziplin zählt. Entsprechend markiert Libra vorerst eine ambitionierte Roadmap - und keinen bereits erreichten Meilenstein.
Andere Anbieter verfolgen ähnliche Ziele
Quera steht mit seinen Plänen nicht allein da. IBM, Google und weitere Unternehmen arbeiten ebenfalls an fehlertoleranten Quantensystemen. Der Quanteninformatiker Scott Aaronson schrieb Ende 2024 in einem Blogbeitrag, der Wettlauf um skalierbare fehlertolerante Quantencomputer habe inzwischen tatsächlich begonnen. Noch ist allerdings offen, welche Technologie sich am Ende durchsetzen wird. Abgesehen von Neutralatomen gelten derzeit auch supraleitende Qubits, Ionenfallen und photonische Systeme als vielversprechende Ansätze.
Mit Libra peilt Quera den Übergang vom experimentellen zum fehlertoleranten Quantencomputing an. Ob das Unternehmen seine ehrgeizigen Ziele bis 2028 erreicht und ob Quantencomputer damit erstmals einen praktischen Nutzen gegenüber klassischen Supercomputern nachweisen können, bleibt offen.
Übrigens: Cloud-Zugang zu Quantencomputern gibt es bereits heute: Anfang Juni stellte die EPFL eine Plattform vor, über die Forschende und Unternehmen verschiedene Quantensysteme über die Cloud nutzen können. Wie das Angebot funktioniert und welche Rolle die Schweiz im Quantencomputing spielen will, erfahren Sie hier.
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