42 Zürich Campus

Vom Sprung ins kalte Wasser zur IT-Ausbildung

Uhr
von Elia Ferrari und dwi

Das Auswahlverfahren für die kostenlose IT-Ausbildung von 42 Zürich ist in vollem Gange. Die Programmierschule hat Partnerunternehmen und Interessierte auf ihren neu eröffneten Campus in Zürich-Oerlikon eingeladen. Studierende und Alumni gaben dabei Einblick in das Lernmodell, das ohne Lehrpersonen und Vorlesungen auskommt.

42 Zürich lädt zur Eröffnung des Campus in Zürich-Oerlikon ein. (Source: zVg)
42 Zürich lädt zur Eröffnung des Campus in Zürich-Oerlikon ein. (Source: zVg)

Ob früher Vogel oder Nachteule - an der Programmierschule 42 Zürich kann man zu jeder Tageszeit Studierende antreffen. Präsenzzeiten gibt es keine, alle lernen im eigenen Rhythmus. Wie dieses Lernmodell funktioniert und warum es im KI-Zeitalter besonders gefragt ist, zeigte 42 Zürich am 29. September 2026 im Rahmen eines Eröffnungsanlasses auf seinem neuen Campus in Zürich-Oerlikon. Ab Januar sollen dort bis zu 150 IT-Interessierte kostenlos lernen zu programmieren und Software zu entwickeln.

Auf dem Programm des Abends standen eine Keynote, ein Erfahrungsbericht von Groupe Mutuel sowie ein Panel mit Stimmen von Studierenden und Alumni. Anschliessend erhielten die Gäste einen Einblick in den Campus und konnten sich mit Absolvierenden des Auswahlverfahrens austauschen.

Urteilsvermögen gewinnt an Gewicht

KI ist gekommen, um zu bleiben, sagte Cristina Bucher, CEO von 42 Zürich. Sie verwies dabei auf Zahlen des World Economic Forum (WEF): Demnach erwarten 96 Prozent der befragten Schweizer Unternehmen, dass KI und Informationsverarbeitung ihre Geschäftstätigkeit bis 2030 umkrempeln. Zudem rechnet das WEF damit, dass sich 39 Prozent der Kernkompetenzen der Mitarbeitenden wandeln.

Cristina Bucher, CEO von 42 Zürich

Cristina Bucher, CEO von 42 Zürich. (Source: zVg)

Neben Fachwissen zählen laut Bucher zunehmend kritisches Denken, Problemlösungskompetenz und Anpassungsfähigkeit. Denn KI zu nutzen, sei das eine; zu erkennen, ob ihr Ergebnis tauge, das andere. "Je leistungsfähiger die Technologie wird, desto wichtiger wird das menschliche Urteilsvermögen", sagte die CEO. Die Ausbildung müsse deshalb weniger einzelne Tools vermitteln als die Fähigkeit, sich Neues anzueignen. "Bereit ist nicht, wer ein Tool kennt, sondern wer weiss, was zu tun ist, wenn sich das Tool ändert."

Lernen, scheitern, weitermachen

Gleichzeitig stellt KI die Bildung vor ein Problem: Sie erklärt Aufgaben, schreibt Code und findet Fehler. Erfahrene Fachleute erkennen den fehlerhaften KI-Code sofort, Einsteigende oft nicht. Das nötige Urteilsvermögen entstehe erst im Lernprozess durch Ausprobieren, Scheitern und erneutes Versuchen, erläuterte Bucher. Hier setze 42 an. Vorlesungen gebe es keine, die Studierenden arbeiteten an Projekten und bewerten ihre Arbeiten gegenseitig. Wer die Arbeit anderer beurteile, müsse erklären können, was der Code tut und weshalb.

Dass das Modell funktioniert, zeigt laut Bucher der Standort Lausanne: Über 80 Prozent der Partnerunternehmen möchten die Talente nach dem Praktikum behalten. Groupe Mutuel habe zudem bereits über 20 Talente von 42 eingestellt. 

Vier Wochen im kalten Wasser

Seit Mitte September 2026 absolvieren IT-Interessierte die sogenannte "Piscine", das vierwöchige Auswahlverfahren, das entscheidet, wer im Januar 2027 kostenlos bei 42 Zürich studieren darf. Am aktuellen Auswahlverfahren in Zürich nehmen 107 Personen teil, wie die Programmierschule mitteilt. Rund 40 Prozent davon seien Frauen. Gemäss Bucher zeigt diese Quote, dass es in der IT nicht an interessierten Frauen fehlt, sondern an den passenden Zugängen und Lernmöglichkeiten.

Wie sich das Lernmodell anfühlt, schilderten Studierende und Alumni in einem Panel unter der Leitung von Serge Reymond, Präsident von 42 Schweiz. Der ehemalige 42-Student Ralf absolvierte 42 in Wolfsburg und wechselte so von der Wirtschaft in die IT. Heute arbeite er in der Robotik, sagte er, und ergänzte: "42 hat mein Leben verändert". Salma durchläuft derzeit die Piscine und ist laut eigenen Angaben bereits seit 16 Jahren ohne entsprechenden Abschluss in der IT tätig. Weil der Einstieg ohne Diplom schwieriger geworden sei, habe sie sich für das Programm bei 42 entschieden. 

Serge Reymond, Präsident von 42 Schweiz, im Gespräch mit Studierenden und Alumni

Serge Reymond, Präsident von 42 Schweiz, im Gespräch mit Studierenden und Alumni. (Source: zVg)

Während der Piscine stehe am Ende jeder Woche eine Prüfung an. Gelernt würden technische Grundlagen sowie die Programmiersprache C. Laut Reymond haben rund 80 Prozent der Teilnehmenden vor dem Programm nie eine Zeile Code geschrieben. Für die Aufnahme seien deshalb nicht das erreichte Niveau, sondern der beobachtete Lernfortschritt und die Sozialkompetenz entscheidend. Wer im Alleingang durch den Lehrplan eilt, ohne anderen zu helfen, wird nicht aufgenommen, wie Ralf aus Erfahrung berichtete. "Ohne Motivation und Leidenschaft wird man bei 42 keinen Erfolg haben", sagte Reymond. 

Die Räumlichkeit des Campus die Platz für rund 150 Studierende bietet.

Die Räumlichkeit des Campus, die Platz für rund 150 Studierende bieten. (Source: zVg)

Nach dem Panel und Fragen aus dem Publikum gab es einen Rundgang über den Campus von 42 Zürich. Hier konnten Unternehmen und Interessierte einen Einblick in das "Schwimmbecken" der IT-Talentschmiede erhalten. Der Raum mit rund 150 eng aneinandergereihten Bildschirmen bildet dabei das Herzstück und soll die Studierenden zur Zusammenarbeit anregen. Zwischen den konzentriert Lernenden waren dort auch Absolvierende des vierwöchigen Auswahlverfahrens anzutreffen. Diese gaben Auskunft über ihre Erlebnisse und Eindrücke aus dem Programm. 

 

Übrigens: Das KI-Zeitalter fordert Cybersecurity-Fachkräfte zunehmend - um KI-gestützte Angriffe abzuwehren, sind KI-Kenntnisse auch in der Verteidigung unerlässlich. Gerade bei Berufseinsteigern mangelt es jedoch an diesen Kompetenzen. Mehr zum KI-Kompetenzmangel lesen Sie hier.

Webcode
CHpCZRRx