Demografischer Druck auf den Arbeitsmarkt

Generative KI kann die Pensionierungswelle nicht abfedern

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von Julia Meyer und jor

In den kommenden zehn Jahren erreichen in der Schweiz rund 900’000 Beschäftigte das Rentenalter. Generative KI kann den demografisch bedingten Ersatzbedarf laut Deloitte nicht auffangen. In ICT-Berufen ist der demografische Druck geringer, das KI-Transformationspotenzial dagegen hoch.

(Source: Vitaly Gariev / Unsplash.com)
(Source: Vitaly Gariev / Unsplash.com)

900’000 Beschäftigte in der Schweiz erreichen in den kommenden 10 Jahren das Rentenalter. Das entspricht rund 20 Prozent der derzeit Erwerbstätigen, wie Deloitte mitteilt. KI könne die dadurch fehlenden Arbeitskräfte nur begrenzt ersetzen.

Deloitte untersucht in einer Analyse 279 Berufe in der Schweiz. In Pflegeberufen, im Handwerk, im Transport und in der Bildung ist der Anteil der über 55-Jährigen besonders hoch. Zugleich ist bei diesen Berufen das Automatisierungspotenzial durch heutige KI-Technologie vergleichsweise gering. KI könne beim Dokumentieren, Planen und bei administrativen Tätigkeiten entlasten, doch auf absehbare Zeit kaum kranke Menschen pflegen, Kinder unterrichten oder körperliche Arbeiten übernehmen. Für die nächsten Jahre prognostiziert Deloitte deshalb in diesen Berufen einen verstärkten Arbeitskräftemangel trotz KI.

Hohe "KI-Hotness" und tiefer Ersatzbedarf in der ICT-Branche

Bei Berufen in der ICT-Branche wie der Softwareentwicklung sowie im Marketing sei genau das Gegenteil der Fall. Bei diesen Berufen sei der Ersatzbedarf klein, das Automatisierungspotenzial durch KI jedoch hoch. 

Spiderweb, bei dem ersichtlich ist, ob der Ersatzbedarf oder das KI-Transformationspotenzial überwiegt.
Die Grafik zeigt die "AI Hotness", das heisst das KI-Transformationspotenzial, sowie den Ersatzbedarf in den genannten Berufen. (Source: Deloitte)

 

Schlüsselt man die Analyse nach einzelnen Berufen innerhalb der ICT-Branche auf, dürfte Routinekodierung durch KI an Bedeutung verlieren. Im Ranking zum KI-Transformationspotenzial belegen Tätigkeiten in der Programmierung, Softwareentwicklung sowie Web- und Multimediaentwicklung die Plätze 1, 2 und 3. KI führe gleichzeitig aber zu einer höheren Nachfrage nach KI-gestützten Softwarelösungen. Dafür brauche es Fachkräfte, die KI-Modelle in bestehende Software integrieren, Software an fachbezogene Anforderungen anpassen und Herausforderungen in den Bereichen Daten, Sicherheit und Regulierung angehen können. Da gleichzeitig Routinekodierung zurückgehen und die Nachfrage nach spezifischem Fachwissen im Bereich der KI-Infrastruktur und Modelloptimierung steigen werde, sei schwer zu sagen, wie die Nettoauswirkungen auf die Beschäftigung in der Programmierung aussehen werden.

Für die Analyse kombinierte Deloitte Daten zum demografisch bedingten Ersatzbedarf mit einem Index zum KI-Transformationspotenzial. Der Index soll zeigen, in welchen Berufen KI heute Aufgaben übernehmen könnte. 

Mögliche Kombinationen aus Pensionierungswelle und Transformationspotenzial

KI könne in gewissen Berufen wie Softwareentwicklung und Marketing zu einem Umbruch und dadurch zu Arbeitslosigkeit führen, stellt Deloitte fest. Gleichzeitig verschärfe die demografische Alterung den Arbeitskräftemangel in anderen Berufen wie der Pflege oder dem Handwerk. 

"Die grösste Gefahr ist nicht, dass KI Arbeitsplätze ersetzt. Die grössere Gefahr ist, dass Unternehmen ihre Arbeitsweisen unverändert lassen und einfach KI darüberlegen", sagt Marc Beierschoder, Leiter KI und Daten bei Deloitte Schweiz. "Die eigentliche Chance liegt darin, ganze Geschäftsprozesse neu zu gestalten und grundlegend zu hinterfragen, welche Aufgaben künftig überhaupt noch von Menschen erledigt werden müssen. Gerade angesichts des Fachkräftemangels sollten wir nicht nur darüber sprechen, wie Menschen effizienter arbeiten können, sondern wie Unternehmen mit KI deutlich mehr Wert schaffen."

Gleichzeitig könne KI einen bestehenden Arbeitskräftemangel in einigen Berufsgruppen lindern, indem sie Aufgaben wie Informationsverarbeitung, Textproduktion, Koordination, Analyse und Kommunikation automatisiert. Daneben gebe es Berufsgruppen, in denen weder ein überdurchschnittlich hoher Anteil an über 55-Jährigen arbeite noch ein hohes KI-Transformationspotenzial bestehe. Dazu zählten verschiedene handwerkliche, dienstleistungsorientierte und technische Berufe.

Was KI für Unternehmen bedeutet

Unternehmen sollten analysieren, welche Aufgaben KI automatisieren könnte, und dabei die künftige Pensionierungswelle berücksichtigen. In Berufen mit Fachkräftemangel sollten Unternehmen administrative Tätigkeiten mit KI automatisieren, um die vorhandenen Fachkräfte zu entlasten. In Büro- und Wissensberufen brauche es Weiterbildung und eine grundlegende Weiterentwicklung der Rollen. Bei der Nachwuchsförderung sei es besonders wichtig, den Einsteigerinnen und Einsteigern die Möglichkeit zum Lernen zu geben. Bisher sammelten Fachkräfte in diesen Bereichen Erfahrung durch einfache Routinearbeiten, die KI heute weitgehend automatisieren könnte.  

"Für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz kommt es darauf an, wie schnell und wie wirksam Unternehmen generative KI in ihren Arbeitsalltag integrieren", sagt Michael Grampp, Chefökonom von Deloitte Schweiz. "Sie müssen damit produktiver werden und ihre Mitarbeitenden für veränderte Aufgaben qualifizieren. Gleichzeitig braucht es genügend Nachwuchs für Berufe, in denen persönliche Betreuung, praktische Fähigkeiten und menschliche Präsenz zentral bleiben."

 

Übrigens: Vom Januar bis im Juni 2026 ist die Zahl der registrierten Arbeitslosen in ICT-Berufen von 6958 auf 7186 gestiegen. Mehr zur Arbeitsmarktentwicklung in der ICT-Branche lesen Sie hier.

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