Im Gespräch mit Frits van der Graaff, Green Datacenter AG

«Ich selbst verstehe nichts von IT – ich verstehe etwas von Facility-Management»

Uhr | Aktualisiert
von Marc Landis

Nach seinem plötzlichen Abgang als Geschäftsführer von Equinix ist Frits van der Graaff seit Januar Geschäftsführer der Green Datacenter AG. Dort soll er für Green das Geschäft mit Rechenzentren auf- und ausbauen. Van der Graaff sieht auf das Rechenzentrum-Business rosige Zeiten zukommen.

Frits van der Graaff
Frits van der Graaff

Wie ist Ihnen der Start in die neue Tätigkeit bei der Green Datacenter AG gelungen?

Frits van der Graaff: Ich hatte einen Superstart und es gefällt mir sehr gut. Denn es gab von Anfang an viel zu tun. Wie Sie wissen, hat Green in Lupfig ein neues Data¬center gebaut. Noch im Januar, rund drei Monate vor der Er¬¬öff¬nung, habe ich dort schon einen «Under-Cons¬truction»-Apéro durchgeführt. Damals kamen bereits 200 Leute. Zur Eröffnung waren es dann rund 1000 Besucher.

Ist das der Frits-van-der-Graaff-Effekt?

Wenn Sie so wollen, ja. Ich war fast elf Jahre bei Equinix im Rechenzentrum-Business tätig. Man kennt den «Frits» in der Branche, die Leute wissen, dass Sie sich auf mich verlassen können und haben Vertrauen zu mir. Und das Rechenzentrumsgeschäft beruht ja vor allem auf Vertrauen.

Warum ist das so?

Denken Sie nur an all die vertraulichen, persönlichen und geschäftskritischen Daten, die hier gehostet werden. Und an die verdammt teure Infrastruktur, die uns unsere Kunden zum «Babysitten» übergeben. Das braucht schon einiges an Vertrauen.

Babysitten? Mehr machen Sie nicht?

Wir versorgen die Server, Speicherbänke, Switches etc. von unseren Kunden mit Strom, kühlen und bewachen sie. Das ist das Rechenzentrumsgeschäft.

Sprechen wir über das neue Rechenzentrum in Lupfig. Erfüllt es die Anforderungen, die Ihre Kunden daran haben?

Ja, natürlich. Wir haben das Rechenzentrum in Lupfig als erstes in der Schweiz auf der grünen Wiese nach den neusten Erkenntnissen in puncto Sicherheit, Effizienz und Ökologie erbaut. Es ist erdbebensicher und würde auch den Absturz eines Jumbojets überstehen. Zudem gibt es in der Gegend keine Überschwemmungsgefahr. Eine ETH-Studie, die wir in Auftrag gegeben haben, belegt das.

Wie verdient Green mit dem Rechenzentrum Geld?

Die Green Datacenter AG ist eigentlich nichts anderes als ein Immobilienverwalter. Wir vermieten Platz im Rechenzentrum und stellen sicher, dass immer Strom und Kühlung da und die Anbindung an die Carrier sichergestellt ist.

Also ist Green, eigentlich ein klassischer Internet-Service-Provider, nun ins Immobiliengeschäft eingestiegen.

Ja, das kann man so sehen. Ich selbst verstehe ja auch nichts von IT. Ich verstehe vor allem etwas von Facility-Management. Das ist meine Ausbildung und etwas anderes habe ich nie gemacht.

Wer soll sich bei Ihnen im Rechenzentrum einmieten?

Alle, die ihre IT an einem zentralen und sicheren Ort betreiben wollen.

Zum Beispiel?

Unternehmenskunden, Systemintegratoren, (Internet-)Service-Provider, Cloud-Anbieter. HP zum Beispiel wird in Lupfig sein europäisches Cloud-Zentrum betreiben.

Warum ist es ein Geschäft, ein Rechenzentrum zu betreiben?

Rechenzentrumsinfrastruktur ist teuer. Bis zu 20 000 Franken pro Quadratmeter. Der erste Trakt in Lupfig, den wir vor zwei Monaten eröffnet haben, kostete 50 Millionen Franken. Das rechnet sich nur wegen der 3300 Quadratmeter Fläche, die wir vermieten können.

Welche Wachstumspläne hat Green im Datacenter-Geschäft?

Wir haben im März den ersten von drei Trakten unseres neuen Rechenzentrums fertiggestellt. Der zweite wird Ende 2012 und der dritte ca. 2015 bezugsbereit sein. Ich erwarte, dass wir dieses Jahr noch den Bagger auffahren lassen für Trakt B.

Können Sie so schnell bauen wie die Nachfrage nach Rechenzentrumsfläche steigt?

Nein, im Moment nicht. Die Nachfrage steigt pro Jahr um 20 Prozent. Aber alle Anbieter von Rechenzentren zusammen können weniger als zehn Prozent neu bauen.

Was treibt die Nachfrage so extrem an?

Die Finanzkrise hat dazu beigetragen, dass sich die Unternehmen immer mehr auf ihre Kerngeschäfte konzentrieren müssen.¬ Sie sourcen ihre IT aus. Die IT-Outsourcer ihrerseits möchten nicht in teure Rechenzentrumsin¬frastruktur investieren, denn sie wollen flexibel auf die Nachfrage ihrer Kunden reagieren können. Also suchen sie einen Anbieter wie uns, der das «Housing» für sie übernimmt. Neben dem Outsourcing ist Cloud Computing ein wichtiger Treiber des Rechenzentrumsgeschäfts. Irgendwo müssen diese Cloud-Services betrieben werden. Im Normalfall in einem Rechenzentrum.

Wie grün ist das neue Green-Datacenter? Ist es ein Must-have oder ein Nice-to-have, grün zu sein? Ist es ein USP, grün zu sein? Wollen Kunden das?

Unser Datacenter ist auf dem neusten Stand, sowohl in technischer als auch in ökologischer Hinsicht. Wir betreiben das Gebäude teilweise mit Ökostrom und haben vor, die im Rechenzentrum produzierte Abwärme für die Warmwasseraufbereitung und die Heizung in unseren eigenen und den umliegenden Gebäuden des Rechenzentrums in Lupfig zu verwenden. Wir haben einen Wärmetauscher im Dachgeschoss. Mit der damit zurückgewonnenen Energie werden wir dann den Büroturm heizen, den wir noch bauen. Und ja, es ist ein USP, grün zu sein. Vor allem, wenn grün auch effizient und kostengünstig bedeutet. Denn natürlich wollen unsere Kunden möglichst wenig für das Housing ihrer IT-Infrastruktur bezahlen. Auch der PUE-Wert unseres Rechenzentrums ist mit 1,4 top.

Wie bearbeiten Sie den Markt?

Ich bin für die Marktentwicklung verantwortlich und kann über zwölf Personen im Sales verfügen, die mir bei der Marktbearbeitung helfen. Ich funktioniere dabei als Türöffner. Denn nach fast elf Jahren bei Equinix kenne ich den Markt wie meine Westentasche. Eine eigene Sales-Organisation habe ich noch nicht, die werde ich aber in den nächsten Monaten aufbauen.

Wie kann der Channel mit dem Rechenzentrum von Green Geld verdienen?

Die Systemintegratoren, die unser Angebot weiterverkaufen, erhalten eine interessante Marge.

Ihre Message an die Branche?

Unsere Kunden können von uns erwarten, dass wir ein verlässlicher Partner sind. Wir können «Housing-Probleme» nachhaltig lösen.

Welche Prognosen geben Sie für das «IT-Jahr 2011» ab? Trends, Chancen, Gefahren, Konjunktur?

Im Datacenter-Geschäft sehe ich keine Probleme. Die treibenden Faktoren Outsourcing und Cloud Computing habe ich Ihnen genannt. Auch hat sich die Schweizer Wirtschaft in den vergangenen turbulenten zwei, drei Jahren gut gehalten. Zudem ist IT ein Wachstumsmarkt. Ich sehe mehr Kunden und mehr Rechenzentrumsanbieter kommen. Weiter glaube ich, dass die Konsolidierung auf Kundenseite weitergehen wird. Zudem dürften wir auch auf Anbieterseite im Datacenter-Geschäft noch die eine oder andere Fusion erleben. Echte Gefahren sehe ich momentan nicht für unser Business.

Zum Schluss noch etwas anderes: Wir treffen uns hier an der Aiciti-Messe in Zürich zu diesem Gespräch. Was halten Sie von der Messe?

Meiner Meinung nach braucht die Schweizer IT-Branche eine nationale Plattform, eine ICT-Messe in der Schweiz. Es ist schade, dass es nur so wenige Besucher hat. Doch dafür haben wir mehr Zeit, um untereinander zu networken. Wir müssen den Veranstaltern noch etwas Zeit geben, mit der Messe zu wachsen. Wir sind mit unserer Green-Bar hier und sind zufrieden mit den Kontakten. Ich glaube, das wird nicht die letzte Aiciti gewesen sein.

Sind Messen nicht tot?

Nein, aber Messen sind teuer. Wenn man einen Stand mietet, ist man ziemlich viel Geld los. Man kann sich fragen, ob sich der hohe Preis lohnt, ob der Messestandort Zürich der richtige ist. Es gibt ja neben der Aiciti auch noch weitere Messeveranstalter, wie Expogate in Bern und die Telenetfair in Luzern. Vielleicht könnten sie ja gemeinsam etwas Grosses für die ganze Schweizer ICT-Branche auf die Beine stellen? Für mich ist eine Messe einfach der perfekte Networking-Marktplatz.

Webcode
q8gxiK2F

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