SBB starten Gratis-Internet in Zügen

Den faradayschen Käfig für die SBB-Kunden durchbrechen

Uhr | Aktualisiert

Unter der Bezeichnung "SBB Free Surf" testen die SBB momentan in 44 Intercity-Zügen Gratis-Internet. In einer Zughalle in Zürich Altstetten erklärten die SBB die Vorteile von funkdurchlässigen Fensterscheiben im Vergleich zu WLAN und wie das Internet den Nutzern zugänglich gemacht werden soll.

Die SBB haben am 18. Oktober zu einem Presseanlass geladen, um ihre Pläne betreffend Gratis-Internet in Zügen zu präsentieren. Dabei erklärten die SBB die Gründe für die Realisierung des Projekts "SBB Free Surf". Ferner informierte das Unternehmen darüber, wie es seinen Kunden Gratis-Internet anbieten will und warum WLAN in Schweizer Zügen nicht die beste Wahl sein soll.

Der Event begann mit einem kurzen Referat über den aktuellen Stand und die Zukunftsaussichten der SBB in puncto Gratis-Internet in Zügen. Peter Kummer, CIO und Mitglied der Konzernleitung der SBB, erläuterte die Ausgangslage und nannte die Voraussetzungen für eine flächendeckende Internetabdeckung in der Schweiz. Die Internetversorung über Mobilfunk mittels funkdurchlässigen Fensterscheiben in den Zügen biete einerseits an praktisch allen Orten eine einfachere Internetabdeckung als per WLAN. Einzig schwierige Passagen wie etwa Tunnels müssten mit Funkanlagen ausgestattet werden. Andererseits bestehe bei Zügen das Problem, dass diese wie ein faradayscher Käfig funkdicht von innen und aussen abgeschirmt seien, weshalb man einen Weg finden müsse, das Signal in den Zug zu leiten oder das Signal im Zug zu verstärken. Die SBB wollten bei allen neuen Zügen laserperforierte Fenster verwenden und die aktuell in Zügen noch genutzten Repeater, das heisst Signalverstärker, somit sukzessive ablösen. Die neuen Fensterscheiben besässen den Vorteil, dass diese auch mit 5G-Netzen funktionierten, während Repeater immer auf den neuesten Stand gebracht werden müssten. Da in der Schweiz sowieso ein flächendeckendes Mobilfunknetz bestehe, seien die funkdurchlässigen Fenster die bessere Wahl. Ausserdem könnten Reisende die Angebote ihres Mobilfunkanbieters nutzen und nach einer einmaligen Registrierung in der SBB-App funktioniere das ganze reibungslos, versprach Kummer. Alles was der Kunde brauche, sei eine Sim-Karte.

In der Schweiz herrschen Mobilfunk-Monsune

Im Anschluss gab es eine Führung durch die SBB-Zughalle in Altstetten mit drei kurzen Einführungen zur Implementierung und Anwendung der neuen Technologie.

Anhand einer "Regen-Analogie" erklärte ein Angestellter, warum WLAN in Schweizer Zügen nur begrenzt Sinn mache, denn in der Schweiz herrsche so gut wie überall starker Regen, wenn der Regen für die Mobilfunkversorgung und Internetbandbreite stehe. Dadurch fungiere ein WLAN nur als Trichter, der die Verteilung des Wassers, ergo des Internets, an die Nutzer im Zug verzögere.

Der Mobilfunk in der Schweiz, dargestellt mit Wasser. (Source: Netzmedien)

Die neuen funkdurchlässigen Fenster liessen zum einen den Funk direkt durch und seien auch so konzipiert, dass die Wärme oder Kälte von draussen wie bei herkömmlichen, metallbeschichteten Fenstern vom klimatisierten Zug abgestrahlt werde. Bei den Fenstern werde aus der Metallbeschichtung ein feines, kaum sichtbares Linienmuster herausgelasert, wodurch der faradaysche Käfig durchbrochen werde und mindestens ein ebenso starker Empfang erzielt werde, wie dies mit Signalverstärkern möglich sei. Auch der Wartungsaufwand minimiere sich. Die SBB würden derzeit verschiedene Angebote für die Fensterscheiben und für die Mobilfunknetze prüfen. Bei der Modernisierung der IC2000-Flotte im nächsten Jahr solle die Technologie in 341 Reisezugwagen zum Einsatz kommen, wofür mehr als 13'000 funkdurchlässige Scheiben verbaut würden. In einem Zug konnten die Anwesenden die Gläser begutachten. Nur beim Blick in einem spezifischen Winkel und gegen das Licht ist das Gittermuster ersichtlich.

Mit dem Messwagen auf Funklochsuche

In einer zweiten Veranschaulichung zeigten die SBB einen Signalverstärker im Zugwagon, ohne den die Empfangsqualität stark vermindert sei. Die SBB investiere gemeinsam mit Mobilfunkanbietern rund 100 Millionen Franken in Signalverstärker. In mehr als 1300 Wagen sowie 150 Triebzügen seien aktuell 4G-Verstärker verbaut, das heisst es brauche mehrere Verstärker pro Zug. Bis 2024 solle die gesamte Flotte der SBB mit Signalverstärkern oder Spezialscheiben ausgerüstet sein. Ausserdem würden die SBB 1165 eigene Mobilfunkstandorte nach GSM-R-Standard betreiben. Insgesamt müsste eine Tunnelstrecke von 270 Kilometern mit Funkanlagen aufgerüstet werden.

Mobilfunkverstärker im Zugwagon. (Source: Netzmedien)

Mobilfunkkabel, das in Tunneln nötig ist. (Source: Netzmedien)

Ein speziell ausgerüsteter SBB-Messwagen evaluiert auf den Strecken die Mobilfunkversorgung, um bestehende Lücken zu lokalisieren. Bis 2022 sollen die bestehenden Tunnelfunkanlagen mit neuen digitalen Anlagen ausgetauscht werden, die auch 5G-kompatibel seien. In Fernverkehrszügen ins Ausland sollen die Züge dafür mit WLAN versehen werden, da dies international vorzuziehen sei, weil im Ausland das Mobilfunknetz viele Funklöcher habe sowie die Bandbreite niedriger sei und deshalb Signalverstärker oder funkdurchlässige Scheiben umsonst wären. Auch das Internet per WLAN soll gratis für alle Reisenden sein.

900 Beacons in 44 ICN-Zügen

In der letzten Kurzpräsentation zeigte ein Angestellter, wie der Kunde sich in der neuen Gratis-Internet-App der SBB einloggen könne und wie die Nutzererkennung im Zug funktioniere. Mittels sogenannter Beacons, die via Bluetooth Low Energy (BLE) eine Nachricht an das Smartphone des Reisenden senden, sei die Erkennung der Smartphones möglich, wobei die Minisender einzig Nachrichten senden und keine Nachrichten empfangen könnten. Damit der Sender den Reisenden kontaktieren könne, müsse dieser eine App auf seinem Handy installieren und sich einmalig mit seiner Mobilfunknummer registrieren, worauf er eine SMS mit einem Code zugesandt bekäme. Sobald der Nutzer in einen Zug steige und auf seiner App das Gartisinternet starte, aktiviere der Beacon die Gratis-Internetfunktion. Beim Verlassen des Zuges geschehe dies hingegen automatisch und der Nutzer surfe wieder auf eigene Kosten. Der Vorteil der Beacons sei das günstigere Aufrüsten in den Zügen im Vergleich zur Installation eines WLANs. Zudem könne der Einbau von etwa 900 Beacons in 44 ICN-Zügen innert rund 4 Wochen erfolgen. Da das Internet über Mobilfunk verbreitet wird, braucht es für den Empfang jedoch einen Mobilfunkempfänger und eine SIM-Karte, den viele Laptops oder Notebooks nicht verbaut haben.

Für Salt- und Sunrise-Kunden ist das Internet gratis zugänglich, nicht aber für diejenigen von Swisscom. Auf Anfrage von "20 Minuten", erklärte Swisscom-Sprecher Armin Schädeli: "Die meisten Swisscom-Kunden haben ein Flatrate-Abo. Dadurch surfen sie auch in SBB-Zügen zum gleichen Pauschaltarif." Bis 2020 wollen die SBB 99 Prozent der Schweizer Zugstrecken mit 4G abgedeckt haben.

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