Wie der neue Europa3000-CEO nach der Übernahme durch die Selectline Group Kurs hält
Im August 2025 hat Alfonso Panichella die Leitung von Europa3000 übernommen. Weniger als ein halbes Jahr später folgte der Verkauf des Aargauer-ERP-Anbieters an die Selectline Group. Im Interview spricht der CEO über die Akquisition und über die Auswirkungen dieses Schritts auf Partner und Kunden.
Sie leiten nun seit etwa einem halben Jahr das Geschäft von Europa3000. Was waren Ihre Highlights in dieser Zeit?
Alfonso Panichella: Mich hat beeindruckt, wie intuitiv Europa3000 in der Anwendung ist – und gleichzeitig, wie flexibel sich die Lösung parametrisieren und an individuelle Prozesse anpassen lässt. In vielen anderen Systemen ist diese Flexibilität nur mit deutlich mehr Aufwand und entsprechenden Kosten erreichbar. Ein weiteres Highlight ist unser Schweizer Team: Wir arbeiten sehr nah am Markt, entwickeln Ideen schnell weiter und können Verbesserungen zügig umsetzen. Diese Nähe ist zentral – sowohl für die konsequente Ausrichtung auf den Schweizer Markt als auch für die Betreuung unserer Kunden vor Ort.
Wo bestand der grösste Handlungsbedarf, nachdem Sie die Geschäftsführung übernommen hatten?
Ich habe drei zentrale Handlungsfelder priorisiert. Erstens interne Fehlerprozesse optimieren. Wir wollten schneller zu klaren Entscheidungen kommen: Welche Themen sind für Kunden und Partner wirklich kritisch, was hat Priorität und wie stellen wir eine zügige Behebung sicher? Dieses Fokussieren verbessert die Qualität und erhöht die Kundenzufriedenheit messbar. Zweitens Kunden auf aktuelle Versionen bringen. Ein Teil der Kunden arbeitet noch mit älteren Versionen. Das Upgrade auf die aktuelle Version ist wichtig – wegen einer modernen Entwicklungsumgebung, neuer Funktionen und auch mit Blick auf regulatorische Anforderungen im Zahlungsverkehr. Dazu gehört etwa ELM5, die aktuelle Version des Einheitlichen Lohnmeldeverfahrens – Swissdec –, für die Softwareanbieter eine entsprechende Zertifizierung benötigen. Diese ist bei Europa3000 vorhanden. Und drittens den Austausch mit Partnern und Kunden intensivieren. Europa3000 arbeitet sehr eng mit seinen Partnern zusammen. Mir war wichtig, dass unsere Partner jederzeit über den aktuellen Stand informiert sind. Dasselbe gilt auch für unsere Kunden. Es war mir wichtig, in den ersten Monaten auch ihre Sicht einzuholen. Denn am Ende müssen alle zufrieden sein, damit die Partnerschaft gelingt – die Partner, die Kunden und auch Europa3000! Eine transparente Kommunikation reduziert Missverständnisse und stärkt die Zusammenarbeit. Deshalb haben wir einen umfangreichen Partnerevent durchgeführt und den Dialog weiter vertieft.
Zwischen dem Austritt Ihres Vorgängers Thomas Hersche und Ihrem Antritt als CEO liegt doch mehr als ein halbes Jahr. Wieso dauerte es so lange, bis Europa3000 die Führung neu besetzen konnte?
Dazu kann ich keine belastbare Aussage machen, weil ich nicht in den damaligen Entscheidungsprozess eingebunden war. Entscheidend ist aus meiner Sicht jedoch, dass die Führung seit meinem Start klar geregelt ist und wir die wichtigsten Themen konsequent umsetzen – mit einem klaren Fokus auf Kunden, Partner und Produktqualität.
Anfang dieses Jahres fiel die Entscheidung, Europa3000 an die Selectline Group zu verkaufen. Was hat zu diesem Schritt geführt?
Die Integration in die Selectline Group stärkt Europa3000 langfristig. Wir gewinnen Zugang zu zusätzlichem Know-how und Investitionskraft innerhalb einer etablierten europäischen Softwaregruppe und können dadurch die Weiterentwicklung unserer ERP-Lösungen nachhaltiger und schneller vorantreiben, inklusive KI-unterstützter Funktionen. Gleichzeitig profitieren wir vom Erfahrungsaustausch und von Best Practices in Themen wie Produktentwicklung, Technologie, Sicherheit und Prozessen. Die Kontinuität für Kunden und Partner bleibt dabei gewährleistet; das ist mir wichtig.
War es bereits klar, dass es zu einem Verkauf kommen würde, als Sie die Führung im August übernahmen?
Verhandlungen sind in solchen Phasen verständlicherweise vertraulich. Ich wusste, dass Optionen geprüft werden. Entscheidend ist aber, dass ich die operative Verantwortung übernommen und konsequent an Stabilität, Kundennutzen und Weiterentwicklung gearbeitet habe – und das bleibt auch jetzt der Massstab.
Wie kam die Verbindung zur Selectline Group zustande? Was spricht für diese Gruppe als Käufer?
Der wichtigste Punkt ist die Weiterentwicklung von Europa3000. Unsere Kunden vertrauen uns zentrale Geschäftsprozesse an – dafür braucht es Stabilität, klare Perspektiven und verlässliche Investitionen. Mit der Selectline Group haben wir einen Partner gefunden, der unsere Ausrichtung teilt und bereit ist, gezielt in Produktentwicklung, Mitarbeitende und den Standort Schweiz zu investieren. Es geht nicht um einen kurzfristigen Schritt, sondern um eine nachhaltige Weiterentwicklung. Die Gruppe hat zudem einen klaren Fokus auf ERP-Lösungen und baut ihre Präsenz im europäischen Markt – insbesondere im KMU-Segment – kontinuierlich aus. Es ist durchaus denkbar, dass wir als Teil dieser auf ERP fokussierten Gruppe unser Portfolio ergänzen können, weil andere ERP-Anbieter Produkte haben, die wir aktuell noch nicht anbieten. Und natürlich gilt dies auch in die andere Richtung: So können wir unsere Lösung vielleicht einem noch grösseren Markt zugänglich machen.
Was ändert sich durch die Übernahme für Europa3000?
Für Kunden bleibt sehr viel beim Bewährten: Ansprechpartner, lokale Support- und Beratungsteams in der Schweiz sowie laufende Projekte gehen ohne Unterbrechung weiter. Wir halten an der Nähe zu unseren Kunden und Partnern fest. Und auch die Produktstrategie bleibt verlässlich planbar. Die bisherigen Eigentümer, Beat Mathys und Markus Fuchs, begleiten die Übergabe aktiv und bringen weiterhin ihre Erfahrung ein. Europa3000 bleibt also Europa3000.
Hat dies personelle Auswirkungen auf das Unternehmen?
Die bekannten Ansprechpartner bleiben unverändert, ebenso unsere lokalen Support- und Beratungsteams in der Schweiz. Wir suchen derzeit Mitarbeitende im Sales – die ersten Bewerbungen sind schon eingetroffen. Und durch die Synergien innerhalb der Selectline Group wird unser Team sogar zusätzlich gestärkt.
Inwiefern verliert Europa3000 dadurch seine "Swissness"?
Die Schweiz ist für die Selectline Group ein strategisch wichtiger Markt – und Europa3000 bringt ein tiefes Branchen- und Prozesswissen mit. Genau diese lokale Kompetenz war ein zentraler Grund für die Integration. Swissness bleibt also entscheidend. Die Gruppe legt zudem Wert auf einen lokalen Geschäftsführer. In diesem Zusammenhang wurde meine Position verstärkt. Die operativen Geschäfte werden daher weiterhin von der Schweiz aus geleitet und die Verantwortung für Markt und Kunden bleibt ebenfalls klar hier verankert – mit kurzen Entscheidungswegen und einem starken lokalen Management.
Und was bedeutet dieser Schritt für Ihre Kunden?
Unsere Kunden können sich darauf verlassen, dass sie eine langfristige ERP-Lösung haben, die zukunftsorientiert weiterentwickelt wird. Der grösste Mehrwert liegt in zusätzlichen Investitionen für Europa3000. Wir können schneller und gezielter in die Weiterentwicklung unserer ERP-Lösungen investieren, etwa in Themen wie KI und Automatisierung sowie in die Integration neuer Technologien oder weitere regulatorische Anforderungen. Gleichzeitig profitieren wir vom Know-how und den Erfahrungen innerhalb der Gruppe und sind eigenständig. Für unsere Kunden bedeutet das: mehr Innovationskraft bei verbesserter Stabilität.
Wie passt Europa3000 in die bestehende Produktlandschaft von Selectline?
Sehr gut. Europa3000 ergänzt die Gruppe mit starker ERP-Kompetenz und einem klaren Fokus auf den Schweizer Markt – inklusive lokaler Anforderungen, Branchenwissen und Prozesskompetenz. Gleichzeitig entstehen sinnvolle Anschlussmöglichkeiten: Wir können ausgewählte Lösungen und Komponenten innerhalb der Gruppe prüfen, die für unsere Kunden einen echten Mehrwert schaffen – und das ohne Brüche in Betreuung und Verantwortung.
Wie stark wird Selectline nun die Produktentwicklung und Geschäftsentscheide von Europa3000 diktieren?
Unser Anspruch sind weiterhin kurze, klare Entscheidungswege. Die Selectline Group unterstützt uns mit Erfahrung aus anderen ERP-Umfeldern und kann die Roadmap wirkungsvoll ergänzen, etwa durch Austausch, Technologieimpulse und gemeinsame Standards. Zusätzlich ergeben sich neue Optionen: Wir können Produkte und Integrationen aus der Gruppe prüfen, die zwar bisher nicht Teil unserer Strategie waren, aber für Kunden interessant sein könnten. Das bewerten wir sorgfältig und gemeinsam.
Welche Rolle spielt KI in Ihren Plänen? Sowohl in ihrer Produktstrategie als auch wenn es um einen potenziellen Einsatz in Ihrem Unternehmen geht?
KI spielt eine wichtige Rolle. Wir haben als Europa3000 bereits zahlreiche Weiterentwicklungen umgesetzt. Der Nutzen davon zeigt sich etwa in einer sehr einfachen Anwendung unseres ERPs. So sparen User Zeit bei der Auswertung und Interpretation von Zahlen, sie erhalten wertvolle Einblicke, die helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen. So ist man immer einen Schritt voraus und erkennt Chancen und Risiken frühzeitig. Unser nächstes Ziel ist eine KI, die als persönlicher Berater fungiert und mit der man alles bezüglich Finanzen besprechen kann. An unserem Partner-Event haben wir diese Features bereits gezeigt.
Vor fünf Jahren sprach ich mit Sandra Peier, damals Geschäftsführerin von Europa3000, über die Herausforderungen im Channel. Für Sandra Peier war klar, dass das
Unternehmen sein Direktgeschäft ausbauen muss, da die Partnerlandschaft schwindet. Wo stehen Sie heute, wenn es um den direkten und indirekten Vertrieb geht?
Europa3000 betreut seit jeher auch Direktkunden – und das bleibt so. Dieses Geschäftsfeld werden wir weiter ausbauen, weil es für Kunden je nach Situation die passende Betreuungsform ist. Gleichzeitig bleibt der Partnerkanal sehr wichtig. Mit der Selectline Group können wir unseren Partnern zusätzliche Chancen bieten: mehr Sicherheit, mehr Entwicklungsdynamik und auch zusätzliche Produkte. Der Blick auf Selectline zeigt, wie tragfähig das ist: Die Gruppe arbeitet mit einem grossen Partnernetzwerk zusammen – das passt zu unserer Ausrichtung.
Suchen Sie aktiv neue Partner?
Ja, das ist auch einer der Gründe, weshalb ich neue Sales-Mitarbeitende suche. Sie sollen den direkten und den indirekten Vertrieb verantworten.
Inwiefern hat das Channelmodell im ERP-Geschäft eine Zukunft?
ERP lebt stark vom Know-how in den Bereichen Implementierung, Support und Anpassung – und genau darin liegen die Stärken vieler Partner. Das Partnermodell bleibt daher relevant und wird von uns weiterentwickelt. Zudem sehen wir, dass Partner heute häufiger mehrere Lösungen im Portfolio haben. Das eröffnet neue Möglichkeiten, je nach Kundenbedarf passende Lösungen anzubieten – auch innerhalb der Selectline Group.
Zur Person
Anfang August 2025 hat Alfonso Panichella die Geschäftsführung bei Europa3000 übernommen. Er bringt über 28 Jahre Erfahrung in der Softwarebranche mit, davon rund 20 Jahre in leitenden Funktionen. Vor seinem Eintritt bei Europa3000 war er 16 Jahre lang Geschäftsführer bei Cenit Schweiz. Im Laufe seiner Karriere leitete Panichella internationale Teams, entwickelte innovative Geschäftsmodelle und baute leistungsfähige Partnernetzwerke auf. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Neben seiner beruflichen Leidenschaft für Software und Geschäftsprozesse ist Panichella begeisterter Golfer, Padel-Tennis-Spieler, kocht leidenschaftlich gern (er hat selbst einen Kochclub), reist gerne und spricht fünf Sprachen.
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