Besuch am Zürich HB

Digitaltag: Alain Berset warnt, Unternehmen pushen Projekte

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Zum zweiten Mal ist der Digitaltag über die Bühne gegangen. Sein Epizentrum lag im Zürcher Hauptbahnhof. Unternehmen und Politik zeigten den Besuchern dort, wohin die digitale Reise gehen könnte.

Bundespräsident Alain Berset stellt sich den Fragen des Publikums. (Source: Netzmedien)
Bundespräsident Alain Berset stellt sich den Fragen des Publikums. (Source: Netzmedien)

"Die Chancen der Digitalisierung aufzeigen, ohne die Herausforderungen und offenen Fragen zu verschweigen." Mit diesem Credo hat Digitalswitzerland mit seinen Partnern aus Wirtschaft, Bildung und Politik den zweiten Digitaltag durchgeführt. Zentraler Begegnungsort war der Hauptbahnhof Zürich, wo zahlreiche Unternehmen Digitalisierungs-Projekte zeigten und sich Bundespräsident Alain Berset den Fragen der Besucher stellte.

Digitalisierung inner- und ausserhalb des Bundeshauses

Mit der Digitalisierung kämen einige Veränderungen auf die Schweiz zu, das könne niemand verhindern, sagte Berset. Wichtig sei es, Lösungen für alle Bewohner des Landes zu finden, etwa durch Investitionen in die Ausbildung. "Einige Jobs werden sicher verschwinden", gab Berset zu bedenken, digitale Innovation schaffe aber auch neue Arbeitsplätze.

Alain Berset warb im Gespräch mit Blick-Chefredaktor Christian Dorer für eine sozialverträgliche Digitalisierung. (Source: Netzmedien).

Die Schweizer Wirtschaft habe bereits mehrere technische Revolutionen erfolgreich gemeistert. Die Chancen stünden gut, dass sie es auch dieses Mal schaffe. Dabei dürfe man aber nicht vergessen, die Risiken zu minimieren. So müssten die Sozialsysteme auch in einer Arbeitswelt funktionieren, in der die Grenze zwischen Anstellung und Selbstständigkeit nicht mehr so klar sei wie heute.

Digitale Technik müsse in den Dienst des sozialen Zusammenhalts gestellt werden, fuhr Berset fort. So dürfe sie nicht dazu führen, dass ältere Generationen abgehängt werden, sondern diese dem Rest der Gesellschaft näher bringen. "Wir müssen alles tun, damit uns die Digitalisierung nicht spaltet", forderte der Bundesrat.

Auf Gleis 9 stand der "Digitalzug" der SBB. (Source: Netzmedien)

Wo er die Digitalisierung im Alltag am stärksten spüre, wollte jemand aus dem Publikum von Berset wissen. "Im Bundesrats-Zimmer hat sich nicht viel verändert", antwortete er. Es gebe dort weder Handy, noch Computer. Anders sehe es in der Kommunikation aus. Digitale Medien erlaubten es heute jedem, Informationen in der Welt zu verbreiten. Das sei für die demokratische Debatte grundsätzlich ein Gewinn, sagte Berset. Mehr denn je brauche es aber Mechanismen, um Qualität und Wahrheitsgehalt von Informationen sicherzustellen.

Am Stand des Kantons St. Gallen wurde gespielt. (Source: Netzmedien).

Wo muss die Schweiz bei der Digitalisierung noch aufholen? Zum Beispiel im Gesundheitswesen, sagte Berset. Das elektronische Patientendossier (EPD) sei für die koordinierte Versorgung unerlässlich, angesichts verschiedener Widerstände aber nicht ganz leicht umzusetzen. Am ersten Digitaltag hatte Taavi Kotka, der ehemalige CIO von Estland, die Schweiz zu mehr Tempo bei der Digitalisierung angehalten.

Der Idee einer selbstfahrenden Bundesrats-Limousine stand Berset skeptisch gegenüber. Zum einen müssten hier noch technische und - nicht zuletzt - gesetzliche Fragen geklärt werden. Zum anderen merkte er an: "Ich fahre sehr gerne selber Auto."

Swiss-ID nimmt Fahrt auf

Das Konsortium um Swisssign nahm den Digitaltag zum Anlass, über die digitale Identität Swiss-ID eine erste Bilanz zu ziehen und einen Blick auf die Zukunft zu geben. Rund eine halbe Million Swiss-IDs seien bislang vergeben worden, sagte Markus Naef, CEO von Swisssign. 20 Mitglieder umfasse die Kooperation aktuell, die der Schweiz eine einfache, sichere und praktische ID zur Authentifizierung im Internet zur Verfügung stellen will.

Von links: Andreas Meyer, Markus Naef, Xiaoqun Clever, Reto Dahinden, Claudia Pletscher. (Source: Netzmedien).

Die Grundlagen hierfür seien gelegt, nun brauche es konkrete Anwendungsmöglichkeiten. Diese seien unterwegs, kündigte Naef an. Der Kanton Jura wolle die Swiss-ID bei der Steuererklärung einsetzen. Versicherungen wollten sie ab den ersten Halbjahr 2019 beim Onboarding unterstützen. Eine Mobile-ID, die auf die Sicherheitsfunktionen von Smartphones zurückgreife, komme noch bis Ende 2018. Mit dem E-ID-Gesetz sei das Projekt auch legislativ auf gutem Weg.

Aus dem Kreis der Swiss-ID-Unterstützer traten die Krankenversicherung Swica, die Schweizerische Post, die SBB sowie Ringier auf. Xiaoqun Clever, CTO des Verlagshauses Ringier, kündigte an, dass die Swiss-ID ab heute als Login für die Beta-Version der neuen Website "Blick.ch" diene. Weitere Medien sollen folgen. Swica wolle die E-ID ab nächstem Jahr unterstützen, sagte CEO Reto Dahinden, was Erleichterungen für Kunde und Versicherung bedeute.

Ein Mitarbeiter der SBB erklärt die Technik im Funküberwachungs-Wagon. (Source: Netzmedien)

Die Post wolle alle ihre Dienstleistungen per Swiss-ID zugänglich machen, sagte Innovationschefin Claudia Pletscher. Sie rief dazu auf, die digitale Identität bekannter zu machen und weitere Partner an Bord zu holen. Denn je mehr Firmen die Swiss-ID unterstützten, umso grösser sei ihr Mehrwert. "Es wird sich zeigen, ob die Schweizer die Swiss-ID akzeptieren werden", sagte Pletscher.

SBB-CEO Andreas Meyer riet zu mehr Tempo, um gegenüber dem Ausland nicht in Rückstand zu geraten. Dies gelte zum einen für die Bundespolitik, die das entsprechende Gesetz fertigstellen müsse. Zum anderen seien auch die SBB selbst gefordert. Der Grund, warum die Post eine Anmeldung per Swiss-ID unterstütze, die SBB-App aber noch nicht, sei schnell erklärt. Es brauche Zeit, Kunden und Technik auf die Swiss-ID zu migrieren. In einem Jahr will aber auch die SBB so weit sein.

Hypothekenmarkt wird transformiert

Swisscom, Banken und Versicherungen stellten am Digitaltag die neu gegründete B2B-Hypothekenbörse Credit Exchange (Credex) vor. Die Plattform habe das Potenzial, den Schweizer Hypothekenmarkt digital zu erneuern, stellte deren CEO Hanspeter Ackermann in Aussicht.

Von links: Hanspeter Ackermann, Marcel Stalder, Urs Schäppi, Markus Hongler, Philippe Hebeisen, Rolf Zaugg. (Source: Netzmedien)

Auf der Credex könnten Vertriebspartner (Banken, Versicherungen, Broker) mit Kreditfinanzierern in Kontakt treten und in einer Echtzeit-Auktion die beste Offerte für ihre Kunden finden, sagte Ackermann. Das senke die Kosten bis zum Abschluss der Hypothek und erhöhe die Transparenz im Markt. Die Partner könnten sich so auf die Beratung konzentrieren.

Marcel Stalder, CEO von EY Switzerland, nannte die Credex ein gelungenes Beispiel für die digitale Transformation eines angestammten Marktes. Mobiliar-CEO Markus Hongler sagte, sie verheirate die persönliche Beratung mit der digitalen Welt. Als "Win, win & win" (für Versicherungen, Banken und Kunden) bezeichnete sie Philippe Hebeisen, CEO der Vaudoise. Dafür sei er auch bereit, zusammen mit Mitbewerbern ein Ökosystem aufzubauen.

Als Technologieanbieter steht Swisscom hinter der Credex. Deren Chef Urs Schaeppi gab in der Runde der Finanzdienstleister Entwarnung. Der Grund für die Teilnahme des Unternehmens sei die Technik. "Wir steigen nicht ins Finanzgeschäft ein", sagte Schaeppi.

Der Digitaltag im Zürich HB. (Source: Netzmedien)

Zum Abschluss betonte Hanspeter Ackermann die breite Unterstützung für die Plattform. Dass so viele nahmhafte Unternehmen aus der Finanzbranche mitmachen, habe er noch nie erlebt. Nun sei ein guter Start wichtig. Die Aufnahme weiterer Partner stehe aktuell nicht auf der Agenda, Möglichkeiten dazu werden sich aber später ergeben.

Wie Digitalswitzerland mitteilt, zog der zweite Digitaltag über 200'000 Besucher an. Neben den Hauptpartnern Google, Ringier, SBB, SRG und Swisscom sowie dem strategischen Partner Innosuisse hätten rund 70 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Bildung teilgenommen. Für den 3. September 2019 sei der dritte Digitaltag geplant, kündigte Ringier-CEO Marc Walder an.

Auch "Pepper" war wieder da. (Source: Netzmedien)

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