Arbeitswelten-Konferenz von SwissICT

Wer Talente will, muss sich bewegen

Uhr | Aktualisiert

Wie finden Unternehmen Spezialisten für ihre IT-Projekte? Was erwarten Mitarbeiter heute von ihrem Arbeitgeber und ihrem Arbeitsplatz? Und liegt die Ursache für den Fachkräftemangel vielleicht bei den Firmen? Antworten auf diese und weitere Fragen gab es an der Arbeitswelten-Konferenz von SwissICT in Zürich.

Wenn heute von IT-Herausforderungen die Rede ist, stehen sie ganz oben auf der Sorgenliste der Schweizer CIOs: Fachkräftemangel und digitale Transformation. Wie beides zusammenhängt und wie Unternehmen aus der Not eine Tugend machen können, erfuhren die Besucher der gestrigen Arbeitswelten-Konferenz von SwissICT. Bei strahlend schönem Wetter versammelten sie sich im Sitz von Organisation und Informatik Zürich (OIZ), um Referenten zu lauschen, Cases kennenzulernen und sich auszutauschen.

Christian Hunziker, Geschäftsführer von SwissICT, stimmte das Publikum auf die Arbeitswelten-Konferenz ein. (Source: Netzmedien)

Wieso, agil, warum?

Nach der Begrüssung durch Christian Hunziker, Präsident von SwissICT, ging es Schlag auf Schlag. Der Blogger und selbsterklärte Nerd Eckhard Klockhaus gab dem Publikum einen Crashkurs in Sachen Agilität. Los ging es mit einem Daily Scrum Meeting. Dabei musste jeder im Publikum seinem Nachbarn kurz erzählen, was er gestern alles erreicht hatte, wie es ihm gerade gehe und was er heute zu erreichen gedenke.

Klockhaus entzauberte einige Mythen rund um das Hype-Thema Agilität und stellte seine Sicht auf das Thema dar. Für ihn gehe es dabei um die Unternehmenskultur, nicht nur um die Management-Methode. Agilität bedeute, sich auf den Kunden auszurichten, mit Kreativität an ein Projekt heranzugehen und sich vor allem nicht mit einem langen Lastenheft die Sicht auf das Wesentliche zu vernageln. Gerade digitale Projekte liessen sich nicht mehr mit traditionellem Denken realisieren. Es brauche die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, Fehler zu machen und sich zu verändern.

Reinhard Riedl zeigte, wie sich Wirtschaft und Arbeit durch die Digitalisierung verändern. (Source: Netzmedien)

Unterschätzen dürfe man agile Methoden allerdings nicht, sagte Klockhaus. Missverständnisse müssten vermieden werden, bevor sie grösseren Schaden anrichteten. Ausserdem bleibe die Regel gültig, dass viele Probleme erst in der letzten Phase eines Projekts deutlich würden. "Ich bin fast fertig", sei das schlimmste, was ein Projektleiter von seinen Mitarbeitern hören müsse. Am Ende müssten die Unternehmen aufhören, Anforderungen hinterher zu rennen, sondern sich stattdessen darauf konzentrieren, was machbar sei. So könne Agilität nicht nur zur erfolgreichen Realisierung von Projekten, sondern auch zur höheren Zufriedenheit der Mitarbeiter beitragen.

Lord Adair Turner hat am Gottlieb Duttweiler Institut über Automatisierung, Produktivität und die Arbeitswelt von morgen gesprochen, wie Sie hier lesen können. Der britische Ökonom ging der Frage nach, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft durch die Digitalisierung verändern.

Überleben in der Todeszone

Eckhard Klockhaus sprach auch die Herausforderungen an, die durch den drohenden Verlust von Arbeitsplätzen im Zuge der Automatisierung auf die Gesellschaft zu kommen. Hier seien die Unternehmen gefragt, die Menschen auf Jobs umzuschulen, die Kreativität und Einzigartigkeit ins Zentrum setzten. Diesen Wandel der Arbeitswelt behandelte auch Reinhard Riedl, Professor an der Berner Fachhochschule und Präsident der Schweizer Informatik Gesellschaft, in seinem Referat.

SFS-CIO Reto Buchli: "Ein Zürcher käme nie ins Rheintal und ein Rheintaler nie nach Zürich." (Source: Netzmedien)

Riedl zeigte, wie digitale Technik die Wirtschaft und Arbeit verändert. Sie führe nicht nur zu höherer Produktivität und stetiger Innovation, sondern ermögliche es Unternehmen auch, in sogenannten "Todeszonen" zu existieren. Dabei handle es sich um betirebswirtschaftliche Zustände, die früher zum Untergang einer Firma geführt hätten, sich heute aber zumindest temporär erfolgreich bewirtschaften liessen.

Für die Arbeitskräfte habe all das 10 Konsequenzen:

  1. Permanentes, und nicht nur lebenslanges Lernen wird in allen Positionen nötig

  2. Aufgaben müssen regelmässig verändert werden

  3. Arbeitsplätze werden durch Unternehmerplätze, also 1-Mann-Firmen, ersetzt

  4. Arbeitsplätze werden prinzipiendominiert, wobei sich die Prinzipien je nach Unternehmen stark unterscheiden

  5. Die Community der Fachexperten bietet den zwangsflexiblen Arbeitskräften Identität

  6. Basic Digital Skills werden elementare Voraussetzungen für den beruflichen Erfolg in allen Branchen

  7. Advanced Digital Skills werden für alle Fachberufe zentral

  8. True Computational Thinking wird für alle akademischen Berufe eine kritische Kompetenz

  9. Mathematik und Geisteswissenschaften werden die Fundamente beruflichen Erfolgs

  10. Ethische Reflexion wird eine Kernkompetenz für Experten und Führungskräfte

Weiterbildungsstrategien von IBM, M&F Engineering und SFS

Drei Unternehmen boten an der Arbeitswelten-Konferenz Einblicke in ihre Weiterbildungsstrategien. Pascale Lenz, Head HR & Member of the Management Board bei IBM Schweiz, stellte die firmeneigene Karriere-Beraterin "Myca" und eine Schulungs-Plattform vor, auf der Mitarbeiter Kurse absolvieren und somit Punkte und Abzeichen sammeln können. Der digitale Fussabdruck, den jeder Mitarbeiter bei IBM besitze, werde etwa dazu genutzt, um die richtigen Leute für Projekte zu finden.

Filiz Scarcella empfahl mehr Gefühl auch im Business-Kontext. (Source: Netzmedien)

Reto Bättig, CEO des Softwareherstellers M&F Engineering, zeigte, dass der Mangel an Fachkräften oftmals mit überzogenen Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt zusammenhängt. M&F habe das Problem quasi auf den Kopf gestellt und sich entschieden, nicht mehr perfekt ausgebildete Spezialisten mit Berufserfahrung zu suchen, sondern Studienabgänger einzustellen und diese dann mit den nötigen Fertigkeiten auszustatten. Wenn man bereit sei, Zeit zu investieren und mit Partnern zu arbeiten, steige das Potenzial an Fachkräften stark an.

SFS aus dem St. Galler Rheintal macht sich das Know-how am anderen Ende des Karrierespektrums zu nutze. Das Industrieunternehmen sucht gezielt nach erfahrenen Mitarbeitern mit Wissen über Legacy-Systeme, wie CIO Reto Buchli berichtete. Diese Neuzugänge machten nicht nur einen "super Job", sondern blieben im Vergleich mit jüngeren Kollegen auch länger. Als international tätiges Unternehmen müsse sich SFS aber schon die Frage stellen, ob man noch selbst ausbilden oder offshoren wolle, sagte Buchli.

Von Andri Silberschmidt, Präsident der jungen FDP, erhielt das Publikum eine Lektion in Sachen Digitalisierung. (Source: Netzmedien)

Organisation, Ergonomie, Design

Ob es einem Unternehmen gelingt, gute Mitarbeiter zu finden und zu halten, hängt von vielen Faktoren ab. Viele davon kamen an der Konferenz zur Sprache. Stephan Schmid, Geschäftsführer von 3L Informatik, stellte ein Zertifikat vor, mit dem Informatiker ihre Kompetenzen gegenüber potenziellen Arbeitgebern sichtbar machen können. Tipps für mehr Leichtigkeit, Gefühl und Mut im Job gab es von Management-Coach Filiz Scarcella. Bernadette Höller von Neustarter warb für ein Start-up-Praktikum, das sich an die Generation 49+ richtet. Viele Menschen würden heute gerne auch nach 65 noch arbeiten, sagte Höller. Sie suchten aber nach neuen Herausforderungen.

Bernadette Höller ist Chefin einer Firma, die erfahrene Arbeitskräfte zu Start-ups ins Praktikum schickt. (Source: Netzmedien)

Auch die Politik war im OIZ präsent. Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen, diskutierte mit dem Publikum Ansätze zur Revision des Arbeitsrechts. Er wünscht sich mehr Informationsaustausch. Entwickler Michael Moor berichtete von seinen Erfahrungen als Mitglied des ersten selbstorganisierten Teams der SBB. Und Claudio Amoroso, Head Projects & Strategic Development bei Swiss Re, zeigte neue Formen von Kollaboration, Organisation und Arbeitsplatz-Design bei der Versicherung.

Wer Talente will, muss sich bewegen

Bevor die Arbeitswelten-Konferenz mit einem Apéro ausklang, fasste ein Podium die wichtigsten Erkenntnisse des Tages zusammen. Eine davon lautete, dass Unternehmen nicht darum herum kommen, vielversprechende Talente zu suchen und diese "on the job" auszubilden. Der perfekte Mann oder die perfekte Frau für eine Aufgabe fielen eben nicht vom Himmel. Dabei dürften auch die "alten Hasen" nicht vergessen werden. "Wir müssen die Leute dort abholen, wo sie sind, und dort hin bringen, wo wir sie brauchen", sagte Reto Bättig.

Zum Abschluss diskutieren Eckhard Klockhaus, Reto Bättig, Claudio Amoroso, Pascale Lenz und Fabiola Eyholzer Fragen aus dem Publikum (v.l.). (Source: Netzmedien)

Von den Unternehmen verlange dies den Mut, Experimente zu wagen, sich zu bewegen und in ihre Workforce zu investieren, waren sich die Referenten einig. Gleichzeitig müssten sie sich aber bei aller Digitalisierung auch auf ihre bestehenden Tugenden besinnen. Die Arbeitnehmer auf der anderen Seite müssten mit der Arbeitswelt mitgehen. Die persönliche Weiterentwicklung solle man nicht als lästige Pflicht, sondern als Abenteuer verstehen, sagte Eckhard Klockhaus.

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