Wenn Lautsprache eine Fremdsprache ist

Wie Technologien zur Barrierefreiheit im digitalen Raum beitragen

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von Chiara Binder und cka

Die Schweiz hat sich zur Gleichstellung aller Menschen verpflichtet. Das gilt auch im digitalen Raum. Um Barrieren für Gehörlose abzubauen, arbeiten Forschende an KI-basierten Übersetzungen von Gebärdensprache in Lautsprache und umgekehrt.

(Source: Bilal Ulker / stock.adobe.com)
(Source: Bilal Ulker / stock.adobe.com)

Die Schweiz hat sich mit der Ratifizierung der UNO-Behindertenrechtskonvention (BRK) dazu verpflichtet, allen Menschen die gleichen Menschenrechte und Grundfreiheiten zu bieten. Die Konvention fordert gleichberechtigten Zugang zu Informationen und Dienstleistungen für die Öffentlichkeit. Im digitalen Raum richtet sich die öffentliche Hand deshalb nach dem eCH-0059-Accessibility-Standard. Dieser beschreibt die Vorgaben, die für Entwicklung und Bereitstellung von Informationen und Dienstleistungen auf digitalem Weg einzuhalten sind. Dabei stützt er sich auf den Web-Content-Accessibility-Guidelines-WCAG-2.1-Standard.

Trotz dieser Standards gibt es im öffentlichen Raum jedoch keine einheitliche barrierefreie Lösung für gehörlose Menschen. Punktuell besteht Inklusion mit digitalen Lösungen von verschiedenen Organisationen im öffentlichen Raum zwar - etwa SBB Inclusive -, doch das bietet den Betroffenen keine genügend barrierefreie Lösung.

"Ich möchte mich nicht registrieren, einloggen und separate Apps verwalten müssen und getracked werden, nur um teilzuhaben und über wichtige aktuelle lokale Gegebenheiten informiert zu werden", lässt sich Sibylle Rau im Projektkonzept IFA des Vereins Zugang für alle zitieren. "Ich möchte auditive Informationen genauso immersiv und selbstverständlich erhalten wie alle hörenden Mitmenschen. Ich habe ein Recht dazu." Konkrete Ideen für die Inklusion im öffentlichen Raum bietet die Stiftung Zugang für alle in einer ausführlichen Vision eines Systems, das sich nahtlos in bestehende Infrastrukturen von Organisationen integrieren liesse.

Für Private sind Standards freiwillig

In der Privatwirtschaft werden wenige Apps, Websites und andere Anwendungen auf Gehörlose angepasst. "Die Annahme ist auch häufig fälschlicherweise, dass eine gehörlose Person doch mit den schriftlichen Informationen gut zurechtkommt und deshalb nur eine Untertitelung notwendig ist, wenn es Audioinhalte hat", sagt Maria Timonen, Head of UX Design bei Bitforge. Informationen in Gebärdensprache würden daher als Luxus betrachtet.

Maria Timonen, Head of UX Design bei Bitforge. (Source: zVg)

Maria Timonen, Head of UX Design bei Bitforge. (Source: zVg)

Der WCAG-2.1-Standard unterscheidet drei Stufen: Stufe A enthält Basisanforderungen der Barrierefreiheit mit höchster Priorität, Stufe AA Anforderungen mittlerer Priorität und Stufe AAA wird als zusätzliche Anforderungen niedrigerer Priorität definiert. Übersetzungen in Gebärdensprache werden erst ab Stufe AAA verlangt. "Es wird in Projekten fast ausschliesslich Stufe AA erzielt, weil dies die Stufe ist, die Darbietungen aus der öffentlichen Hand auch erreichen müssten", erklärt Timonen. "Und somit ist AA die Stufe, die auch als ausreichend gesehen wird für die Privatwirtschaft. Nur falls ein Projekt wirklich als Hauptzielgruppe Personen mit einer Behinderung hat, könnte ich für Stufe AAA argumentieren", ergänzt sie.

Es sei schwierig, von Privaten mehr zu verlangen als das, wozu der Staat verpflichtet sei - obwohl es notwendig wäre. "Und somit werden dann sehr schnell die Sonderbedürfnisse der gehörlosen Personen depriorisiert." Doch für viele Erwachsene mit Hörbehinderung, die als Kind keine Lautsprache erlernen konnten, ist die eigene Landessprache eine Fremdsprache.

Möglichkeiten in der Forschung 

Nicht nur über die Gebärdensprache fehle das Wissen, sondern auch über die Gebärdensprachgemeinschaft, erklärt Katja Tissi, Senior Lecturer am Institut für Sprache und Kommunikation (ISK) der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH). Um Barrierefreiheit im digitalen Raum umzusetzen, braucht es laut der Dozentin ein Verständnis dafür, dass Gehörlose eine eigene sprachliche und kulturelle Gemeinschaft haben. Die Sprache zeichnet sich demnach durch eine ganz andere Modalität aus: Gebärdensprache findet räumlich-simultan statt und vermittelt mehrere Informationen zugleich, während Lautsprache Informationen auditiv über einen linearen Kanal Wort für Wort vermittelt.

Katja Tissi, Senior Lecturer am Institut für Sprache und Kommunikation (ISK) der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH). (Source: zVg)

Katja Tissi, Senior Lecturer am Institut für Sprache und Kommunikation der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. (Source: zVg)

Einhergehend mit dem fehlenden Wissen gibt es wenig Forschung an Apps und Diensten, die Gehörlose in den Prozess miteinbeziehen. "Das Wichtigste ist, dass man nicht ohne uns arbeiten darf", sagt Tissi. Beispiele, in denen Gehörlose in die Forschung miteinbezogen werden, sind die Studien und Entwicklungen von Sarah Ebling, Professorin für Sprache, Technologie und Barrierefreiheit am Institut für Computerlinguistik der Universität Zürich. Sie begründet den mangelnden Einbezug der Gehörlosen unter anderem mit Technik-Enthusiasmus: "Es ist oft Technologiebegeisterung, die überhandnimmt. Das ist dann an der Zielgruppe vorbei." Entsprechend sei dann die Qualität der Applikation und folglich auch die Akzeptanz aus der Community ungenügend.

In Eblings Forschungsteam arbeiten ausser Doktorierenden, Post-Docs und wissenschaftlichen Mitarbeitenden auch gehörlose Mitarbeitende mit Verbindungen zur Gehörlosencommunity. Zudem arbeite das Team mit dem Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB) und der HfH zusammen. In dieser Kombination werde Wissen zur Gebärdensprache schon beim Aufgleisen von Projekten und in der Ideenentwicklung hoch gewichtet. Die gehörlosen Mitarbeitenden fungieren dabei unter anderem als Outreach-Partner und -Partnerinnen, die aus der Community Feedback und Ideen einholen.

Aktuelle Forschungsprojekte von Ebling und ihrem Team arbeiten an der automatischen Übersetzung von Gebärdensprache in Lautsprache und umgekehrt - basierend auf künstlicher Intelligenz (KI). Praxisreife haben die Projekte noch nicht. "Die Übersetzung in beide Richtungen scheitert noch - primär an der Datenmenge. Zudem handelt es sich oft um Daten von hörenden Gebärdenden wie Dolmetschenden, also um nicht ideales Datenmaterial, da diese Gebärdensprache als Fremdsprache oder Zweitsprache erlernt haben", lässt sich Ebling dazu zitieren.

Es gebe jedoch bereits Teilschritte für die Übersetzung, die in der Praxis angewendet werden. So etwa ein automatisches Feedbackprogramm, das Lernenden der Gebärdensprache automatisches Feedback zur Ausführung von etwa 100 Gebärden geben kann und in der Lernplattform "Signwise" vom SGB implementiert wurde. Muttersprachlich Gebärdende beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) werden durch KI unterstützt: Die KI erstellt automatisch Drehbücher, damit sie die Inhalte schneller in Gebärden vermitteln können.

KI ist noch nicht so weit

Aber in der KI lauern auch Risiken. "Man kann noch nicht über weitere Risiken wie Bias reden, es gibt noch gar nicht genug Daten für sinnvolle Ausgaben", erklärt Ebling. Doch die Risiken stecken laut der Forscherin in der Überschätzung der KI. Die Technologien seien noch nicht in der Lage, Qualität einzuschätzen, es gebe noch kein Quality-Estimation-Modell. Durch den KI-Hype könnte demnach Entscheidungsträgerinnen und -trägern suggeriert werden, dass KI bereits menschliche Dienstleistungen ersetzen könne, obwohl die Technik noch nicht so weit sei. "Man will Humandienstleistende auch gar nicht ersetzen. Gehörlose haben lange für diverse IV-Leistungen gekämpft." Forschung für Gehörlose soll ihnen nicht zur Last werden. 

Sarah Ebling, Professorin für Sprache, Technologie und Barrierefreiheit am Institut für Computerlinguistik der Universität Zürich. (Source: zVg)

Sarah Ebling, Professorin für Sprache, Technologie und Barrierefreiheit am Institut für Computerlinguistik der Universität Zürich. (Source: zVg)

Es gibt auch Forschung an KI-Avataren. Doch diese finden derzeit laut Tissi nicht immer Akzeptanz. Gründe sind gemäss ihr, dass gehörlose Personen wenig oder gar nicht in die Entwicklung eingebunden sind. Weitere ungeklärte Punkte sind Misstrauen, die Ethik des Einsatzes von Avataren sowie die mangelnde Genauigkeit der inhaltlichen und sprachlichen Botschaft.

"Es wird immer mehr Avatare und KI-Anwendungen geben, die unterstützend wirken, gerade für die Onlinekommunikation", schreibt der SGB über das Thema. Der Gehörlosenbund geht aber nicht davon aus, dass KI-Avatare menschliche Dolmetschende ersetzen werden. "Für wichtige, intime und professionelle Gespräche wird es aber immer Gebärdensprachdolmetschende brauchen, um schwerwiegende Fehler zu vermeiden und genauer zu sein."

 

Lautsprache ist für viele Gehörlose eine Fremdsprache. So auch für Yuliia Bovt. Im Interview erklärt sie, wo sie im digitalen Raum Barrieren trifft und wie man diese überwinden kann.

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