Schweizer Arbeitsmarkt unter KI-Druck

KI drängt Nachwuchskräfte aus Bürojobs

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von Joël Orizet und NetzKI Bot und ahu

Die ersten Folgen des KI-Booms zeigen sich am unteren Ende der Karriereleiter. In Marketing, IT, Finanzen und Administration schreiben Unternehmen deutlich weniger Stellen für Nachwuchskräfte aus als noch vor wenigen Jahren.

(Source: Din Nasahrudin / stock.adobe.com)
(Source: Din Nasahrudin / stock.adobe.com)

Der Einstieg in viele Büro- und Wissensberufe ist schwieriger geworden. In Bereichen wie IT, Marketing, Administration und Finanzen ist der Anteil von Junior-Stellen im Vergleich zur Phase vor der breiten Verfügbarkeit generativer KI um 32 Prozent gesunken, wie der erste KI-Report (PDF) des Schweizer Stellenportals jobs.ch zeigt. 

Die Analyse beruht auf 7,3 Millionen Stelleninseraten auf jobs.ch, jobup.ch und JobScout24.ch sowie auf Befragungen von rund 3600 Arbeitnehmenden und 850 Unternehmen in der Schweiz.

Liniendiagramm zur Entwicklung von Junior- und Senior-Stellen zwischen 2019 und 2025. Der Anteil von Junior-Stellen liegt bis 2023 über dem Durchschnitt der Jahre 2019 bis 2022, bricht danach jedoch deutlich ein. Senior-Stellen entwickeln sich vergleichsweise stabil und schwanken nur leicht.

Der Anteil von Junior-Stellen ist seit 2023 deutlich zurückgegangen. Besonders betroffen sind Bereiche wie IT, Marketing, Administration und Finanzen: Dort ist der Anteil von Einstiegspositionen seit der breiten Verfügbarkeit generativer KI um 32 Prozent gesunken. (Source: jobs.ch)

Unternehmen bevorzugen erfahrene Fachkräfte

Besonders betroffen sind Tätigkeiten, bei denen künstliche Intelligenz administrative, analytische oder kommunikative Aufgaben unterstützt oder teilweise automatisiert. Dazu zählen etwa Recherchen, Dokumentation, einfache Auswertungen oder das Erstellen erster Textentwürfe. Während die Zahl der Einstiegspositionen zurückgeht, setzen Unternehmen verstärkt auf Mitarbeitende mit Praxiserfahrung, die rasch produktiv arbeiten können.

Jobcloud-CEO Marco Bertoli spricht von einem grundlegenden Wandel. "Wer heute ins Berufsleben einsteigt, trifft auf einen anderen Arbeitsmarkt als noch vor wenigen Jahren."

Porträt eines Mannes mit schulterlangen dunklen Haaren sowie Schnurr- und Kinnbart. Er blickt direkt in die Kamera und trägt ein helles Hemd. Der Hintergrund ist unscharf und zeigt eine Backsteinwand.

Marco Bertoli, CEO von Jobcloud. (Source: zVg) 

KI-Kompetenzen sind längst kein IT-Thema mehr

Know-how im Umgang mit KI-Tools ist zunehmend auch ausserhalb klassischer Technologieberufe gefragt. Am stärksten wächst die Nachfrage laut Report in Bereichen wie Bau, Architektur und Engineering sowie in Finanz- und Immobiliendienstleistungen. 

Gleichzeitig berichten 34 Prozent der befragten Unternehmen von Schwierigkeiten bei der Rekrutierung geeigneter KI-Fachkräfte. Nach Einschätzung der Verfasser des Reports steigen die Erwartungen an konkrete Anwendungserfahrung mit KI vielerorts schneller als die Verfügbarkeit entsprechender Profile.

Fachkräftemangel verlagert sich

Der Report widerspricht zugleich der Vorstellung, KI könnte den Fachkräftemangel grundsätzlich entschärfen. In zahlreichen Berufsfeldern bleibt die Personalknappheit hoch.

Besonders gesucht sind demnach weiterhin Fachkräfte im Gesundheitswesen, im Bau, im Handwerk und in technischen Berufen. Laut der Analyse gestaltet sich die Rekrutierung von Pflegefachpersonen heute achtmal schwieriger als noch 2023.

Die Entwicklung zeigt, dass sich der Arbeitsmarkt zunehmend aufspaltet: Während die Nachfrage nach bestimmten Büro- und Wissensberufen nachlässt, gewinnen Tätigkeiten an Bedeutung, die praktische Erfahrung, menschliche Interaktion oder spezialisiertes Fachwissen erfordern.

Balkendiagramm zum Fachkräftemangel nach Berufsgruppen zwischen 2023 und 2025. Links stehen Wissensberufe wie Marketing, HR, Finanzen und IT, die leichter zu besetzen sind. Rechts finden sich Gastronomie, Handwerk, Pflege und technische Berufe, bei denen die Rekrutierung schwieriger geworden ist.

Während sich Stellen in Marketing, HR, Finanzen oder IT heute einfacher besetzen lassen, verschärft sich der Fachkräftemangel in Gastronomie, Handwerk, Pflege und technischen Berufen. Die Grafik zeigt die Entwicklung des sogenannten Scarcity Index - des Verhältnisses zwischen Stellenangeboten und verfügbaren Fachkräften - zwischen 2023 und 2025. (Source: jobs.ch)

Junge Arbeitnehmende blicken skeptisch auf KI

Die Umfrage unter Arbeitnehmenden in der Schweiz deutet auf eine wachsende Verunsicherung hin - insbesondere unter den jüngeren Befragten.  

41 Prozent der unter 25-Jährigen befürchten, durch KI beruflich an Bedeutung zu verlieren. Die Autoren des Reports sprechen in diesem Zusammenhang von "AI FOBO" ("Fear of Becoming Obsolete"), also der Angst, durch technologische Entwicklungen beruflich an Relevanz zu verlieren.

Horizontales Balkendiagramm zu Sorgen über KI nach Alter und Sprache. Die höchsten Werte zeigen Personen unter 25 Jahren, gefolgt von den 25- bis 34-Jährigen. Mit zunehmendem Alter sinkt die Sorge.

Jüngere Arbeitnehmende sorgen sich deutlich häufiger um ihre berufliche Zukunft im KI-Zeitalter als ältere Generationen. Besonders ausgeprägt ist die Verunsicherung bei den unter 25-Jährigen: 41 Prozent der Befragten befürchten, durch KI beruflich an Bedeutung zu verlieren. (Source: jobs.ch)

Trotz dieser Sorgen fällt die generelle Einschätzung von KI differenziert aus. Viele Befragte nutzen entsprechende Werkzeuge bereits im Arbeitsalltag und schätzen ihre eigenen KI-Kenntnisse als gut ein. Gleichzeitig empfinden 76 Prozent die Anforderungen in Stelleninseraten heute als höher als noch vor wenigen Jahren.


Wie sich KI auf den Schweizer Arbeitsmarkt auswirkt, hat übrigens auch die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich untersucht. Die wissenschaftliche Analyse zeigt ebenfalls deutliche Veränderungen - mehr dazu lesen Sie hier.

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