Bechtle mahnt Europa zu mehr Mut und Eigenständigkeit
Digitale Souveränität ist zur strategischen Notwendigkeit geworden. Europa muss aber noch den Mut finden, entschlossener zu handeln. Was Donald Trumps Weckruf für die Schweiz bedeutet, erklärte Bechtle an einem Medien-Roundtable zur digitalen Souveränität.
Sich mit der digitalen Souveränität zu befassen, ist zu einer strategischen Notwendigkeit geworden. So lautet wohl die Kernaussage eines Medien-Roundtables des IT-Systemhauses Bechtle. "Heute ist die digitale Souveränität eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit und vor allem der unternehmerischen Handlungsfreiheit", sagte Martin Kull, Vice President Switzerland bei Bechtle.
Ein wichtiger Punkt, den Kull gleich zu Beginn der Veranstaltung hervorhob: Digitale Souveränität bedeute für ihn weder eine Abschottung von internationalen Technologieanbietern noch einen Verzicht auf globale Innovationen. Vielmehr gehe es darum, "Kontrolle über eigene Daten und Systeme zu behalten und technologische Entscheidungen selbst zu bestimmen", wie er erklärte. "Oder anders gesagt: Wer seine Abhängigkeiten nicht kennt, kann sie auch nicht steuern; wer keine Alternativen hat, ist nicht handlungsfähig."
"Plötzlich kommt der Hammer"
Am Roundtable nahm auch Andreas Danuser, Chairman der Inalp Group, teil. Die beiden Unternehmen verbindet eine Partnerschaft, die Ende Juni verkündet wurde. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, die Netzwerk- und Datenspeicherlösungen von Inalp in das Lösungsangebot von Bechtle zu integrieren. Damit wollen die Unternehmen angesichts zunehmender regulatorischer Anforderungen die digitale Souveränität stärken. Lesen Sie hier mehr dazu.
"Wir haben ein schönes Leben geführt in der IT. Wir konnten geniessen, was andere in Ost und West erfanden", sagte Danuser. "Wir haben uns jahrzehntelang - das möchte ich wirklich betonen - bedienen lassen." Aus Bequemlichkeit habe Europa die geopolitischen Machtblöcke und deren Verschiebungen zu wenig ernst genommen.
Die aktuelle Lage in Europa verglich er mit derjenigen von unselbstständigen Kindern, die alles von ihren Eltern erhalten, bis sie erwachsen werden. "Plötzlich kommt der Hammer", sagte Danuser - dann müssen die Kinder ihr eigenes Geld verdienen, die eigene Wohnung putzen und sich selbst versorgen.
Dieser Hammer war der US-amerikanische Präsident Donald Trump. "Das ist es, was ich am aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten am meisten schätze: Obwohl er es nicht wollte, hat er uns alle aufgeweckt. Er hat gezeigt, dass alles, was wir für unmöglich halten, nicht unmöglich ist", sagte Danuser. Die Vorsignale habe man bereits bei Trumps erster Amtsperiode gesehen, ergänzte Kull - es sei "sonnenklar" gewesen "und man hat es ignoriert". Einerseits habe man nicht erwartet, dass er wieder an die Macht kommen würde, und andererseits habe man geschlafen, sagte Kull.
Rückkehr zur MAD-Doktrin
Was es nun brauche, sei ein "Gleichgewicht des Schreckens", sagte Danuser - obwohl er diesen Ausdruck nach eigenen Angaben hasse. Gemeint sind Druckmittel, um die Androhung der Druckmittel der Gegenseite zu neutralisieren. Der durch den Kalten Krieg geprägte Ausdruck "Gleichgewicht des Schreckens" ist im englischsprachigen Raum übrigens auch als "MAD-Doktrin" bekannt; die Abkürzung steht für "mutual assured destruction", also die "gegenseitige gesicherte Zerstörung".
Man müsse dann aber auch den Mut haben, Handelsgüter tatsächlich zu verwehren, wenn andere Länder versuchen, Druck auszuüben. Ein mögliches Druckmittel seien Pharmaprodukte - in diesem Bereich sei Europa "massiv stärker" als beispielsweise die USA.
Aber auch auf technologischer Ebene stehe Europa nicht so schlecht da, wie es manchmal dargestellt werde, erklärte Kull. Es werde kein Chip von Nvidia produziert, ohne dass diverse europäische Hersteller involviert seien. "Davon sitzen zwei in der Schweiz: ABB und Neovac", ergänzte er. "Die Europäer müssen lernen, die Stirn zu bieten und 'Nein' zu sagen", sagte er.
Ärmel hochkrempeln und 60 Stunden arbeiten
Diese geopolitischen Abhängigkeiten und die technologischen Ökosysteme, die daraus wuchsen, lassen sich nun aber nicht so einfach entflechten, warnte Kull zugleich. "Das wird mehr als 5 Jahre dauern". Diese ganze Konstellation soll laut dem Bechtle-Schweiz-Chef zudem nicht einfacher werden, sondern komplexer.
Sowohl Kull als auch Danuser betonten, dass digitale Souveränität vor allem entschlossenes Handeln erfordere. "Es braucht Leute, die die Ärmel hochkrempeln", sagte Kull. Und zwar nicht nur in der Schweiz. "Alleine werden wir das nicht schaffen." Die Schweiz und Europa müssten deshalb zusammenarbeiten.
Dieser Meinung war auch Danuser. "Es braucht nicht mehr Geld für die Forschung, sondern für die Umsetzung", sagte er. Ebenso brauche es Menschen, die bereit seien, Verantwortung zu übernehmen und ambitionierte Projekte mit entsprechendem Einsatz voranzutreiben. Also Personen, "die nicht eine Vier-Tage-Woche im Kopf haben, sondern sich sagen, es ist so spannend, dass ich gerne 60 Stunden arbeite, weil ich dieses und jenes Resultat noch produzieren will".
Ein Index und eine Plattform von Bechtle
"Ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns nicht von den amerikanischen Technologien verabschieden können." Stattdessen müsse man sich hierzulande bewusst werden, wie man sich bezüglich der eigenen Daten souverän aufstellt.
Viele Unternehmen hätten die Bedeutung des Themas unterdessen erkannt, sagt Kull. Es fehle jedoch oft an Transparenz darüber, wie souverän die eigene IT-Landschaft tatsächlich sei. Aus diesem Grund entwickelte der Systemintegrator den "Bechtle Index of Sovereignty". Er soll den Unternehmen helfen, digitale Souveränität messbar zu machen und fundierte Entscheidungen für ihre zukünftige IT-Strategie zu ermöglichen, wie Kull während des Roundtables erklärte.
Mehr zu dem softwarebasierten Analyseinstrument, dem Bechtle Index of Sovereignty, erfahren Sie hier.
Der Systemintegrator arbeitet nun daran, eine "echte souveräne Plattform aufzubauen", sagte Kull. Diese soll Alternativen zu Microsoft und Co. enthalten. An dieser Stelle betonte Kull erneut, dass es jedoch nicht darum gehe Google oder andere internationale Anbieter auszuschliessen, sondern darum, die eigenen Daten nicht preiszugeben. Orchestriert werde die Plattform von Bechtle selbst.
Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Bechtle erklärt das Darknet, KI-Alleskönner und den Weg zur Unsterblichkeit. Ende 2025 hatte der Systemintegrator zur Xperience 2025 in Aarau geladen. Zu den Highlights zählte auch der erste Auftritt des neuen Schweiz-Chefs Martin Kull, wie Sie hier nachlesen können.
Abonnieren Sie jetzt den Newsletter des "IT-Markt", der Info-Drehscheibe für den Schweizer IT-Channel und verpassen Sie keine News mehr. Der Newsletter liefert Ihnen täglich die relevanten Meldungen für die Entscheider im Schweizer IT-Channel - vom Reseller über den Systemintegrator bis zum Disti.
Wenn Sie mehr zu Cybercrime und Cybersecurity lesen möchten, melden Sie sich hier für den Newsletter von Swisscybersecurity.net an. Auf dem Portal lesen Sie täglich News über aktuelle Bedrohungen und neue Abwehrstrategien.
Cyberkriminelle tarnen Ransomware als Interpol-Beweismaterial
Aveniq ernennt erstmals einen Leiter für KI und Daten
Zürichs RZ-Kapazität verdoppelt sich in den kommenden vier Jahren
Bechtle mahnt Europa zu mehr Mut und Eigenständigkeit
Das sind die umsatzstärksten Onlineshops der Schweiz
Angreifer nehmen Sharepoint-Server ins Visier
TD Synnex lanciert Innovationszentrum "Secure AI Factory"
CCRAFT baut Produktion photonischer Chips aus
Angreifer überfordern IT-Abteilungen mit Warnmeldungen