Schweizer Software entsteht mit KI-Hilfe, aber nur selten im Agenten-Orchester
Fast 9 von 10 Schweizer Softwareunternehmen nutzen künstliche Intelligenz für die Softwareentwicklung. Während viele Unternehmen ihre KI-Investitionen erhöhen, haben sie laut dem Swiss Software Industry Survey in Sachen Governance noch viel Nachholbedarf.
Ob für die Entwicklung, das Design, die Analyse oder die Wartung: In der Schweizer Softwareindustrie wird künstliche Intelligenz zunehmend entlang der gesamten Wertschöpfungskette eingesetzt. Zu diesem Schluss kommt der neue Swiss Software Industry Survey (SSIS) der Universität Bern im Auftrag von Swico. Die Studie basiert auf einer Umfrage unter hiesigen Softwareunternehmen, wobei die Autoren pro Frage bis zu 115 Antworten erhielten.
Mensch bleibt im Lead
Über 88 Prozent der Befragten gaben an, KI für die Softwareentwicklung zu nutzen.

Wo KI bei den Unternehmen benutzt wird. (Source: Swiss Software Industry Survey 2026)
Etwas genauer aufgeschlüsselt, setzen Softwareunternehmen KI am häufigsten für die tatsächliche Entwicklung ein, gefolgt von Design und Testing. Am seltensten kommt sie bei der Integration und Planung zum Einsatz.
Dabei bleibt der Mensch in der Verantwortung: 38 Prozent der befragten Unternehmen geben an, Menschen und KI entwickelten Lösungen gemeinsam ("Pair Programming"). Dahinter folgt "Spec-Driven Development" mit 27 Prozent, wobei menschliche Mitarbeitende Anforderungen definieren und danach den von KI generierten Programmcode überprüfen. Weitere 23 Prozent beschreiben ihre KI-Nutzung als "Assisted Coding". Dabei macht die KI den menschlichen Mitarbeitenden Coding-Vorschläge.
Dagegen geben nur 11,8 Prozent der Befragten an, Multi-Agent-Orchestration – also ein Orchester von KI-Agenten – für die Softwareentwicklung einzusetzen. Und den "Dark Factory"-Ansatz – also die komplett KI-gesteuerte Softwareentwicklung – nutzt laut der Studie niemand.
KI abseits des Codings
Hiesige Softwareunternehmen entwickeln nicht nur Lösungen mit KI. Sie setzen die Technologie auch in anderen Bereichen ein. Marketing und Verkauf (68,5 Prozent), Führungsaufgaben (60,4 Prozent) und Vertragsmanagement (48,7 Prozent) gehören zu den häufigsten Einsatzfeldern. KI durchdringe damit sowohl technische als auch betriebswirtschaftliche Prozesse, schreiben die Studienautoren in der Zusammenfassung.

Änderungen der KI-Investitionen. (Source: Swiss Software Industry Survey 2026)
Ebenfalls aus der Umfrage geht hervor, dass Softwareunternehmen ihre KI-Investitionen deutlich erhöhen wollen. 2025 investierten die befragten Unternehmen im Schnitt 119'000 Franken, schreiben die Autoren. 2026 soll dieser Betrag laut Prognosen der befragten Unternehmen auf durchschnittlich 199'000 Franken, 2027 gar auf über 234'000 Franken ansteigen.
Den grössten Anteil der KI-Investitionen machen übrigens KI-Plattformdienste aus, einschliesslich Lizenzkosten, mit über 47 Prozent. Dazu passt, dass die besonders oft genutzten KI-Tools (Claude, ChatGPT und Microsoft Copilot) allesamt proprietäre Lösungen sind. Mit einem Anteil von 23,7 Prozent fliesst knapp halb so viel in unternehmensinterne KI-Entwicklung. Die geringsten Anteile machen Entwicklungen durch Dritte (5,1 Prozent) und spezifische Hardware und Infrastruktur (4,4 Prozent) aus.

Wie KI die Werte von Softwareunternehmen verändert hat. (Source: Swiss Software Industry Survey 2026)
Derweil befinden sich hiesige Softwareunternehmen erst am Anfang der KI-Transformation. Mit über 69 Prozent geben die meisten Befragten an, KI entweder isoliert oder strukturiert für einzelne Prozessschritte zu nutzen. 17,8 Prozent sagen, KI habe bestehende Prozessschritte grundlegend verändert. Knapp unter 9 Prozent geben schliesslich an, KI stehe im Zentrum ihres Geschäftsmodells. Und noch weniger (4 Prozent) sind der Meinung, KI gestalte ihre Beziehungen zu Partnern, Lieferanten und Kunden neu.
Anbieter wollen Effizienzgewinne, Kunden günstigere Lösungen
Von den Investitionen erwarten Schweizer Softwareunternehmen insbesondere Effizienzsteigerungen, Produktivitätsgewinne und eine schnellere Entwicklung, wie aus der Befragung hervorgeht. Kostensenkungen spielen dagegen eine weniger wichtige Rolle.

Erwartungen der Kunden in Bezug auf KI-Veränderungen. (Source: Swiss Software Industry Survey 2026)
Anders sieht es bei den Kunden aus. Die befragten Softwareunternehmen nehmen wahr, dass ihre Kunden dank KI eine schnellere Entwicklung und günstigere Softwarelösungen erwarten. Auch die angebotenen Produkte und Dienstleistungen sollen sich verändern. Weniger eindeutig sind die Ergebnisse bei der fachlichen Expertise, der Datensicherheit und den Abrechnungsmodellen.
Luft nach oben in Sachen Governance
Viele Geschäftsleitungen fördern den KI-Einsatz mit Zielen, Standards und strategischen Vorgaben, wie der Swico in einer Mitteilung zusammenfasst. Weniger konsequent etabliert sind formale Prozesse für die Steuerung von KI-Projekten, Weiterbildungen, Budgetkontrollen und die Messung des Projekterfolgs. Richtlinien, Checklisten und Meldemöglichkeiten für Risiken sind vielerorts vorhanden, greifen aber noch nicht überall zu einem geschlossenen Governance-System ineinander.
Jens Dibbern, Studienleiter des SSIS an der Universität Bern, sagt dazu: "Eine systematische KI-Governance gewinnt für die Schweizer Softwareindustrie an Bedeutung, damit sie den Einsatz von KI langfristig verantwortungsvoll und zielgerichtet gestalten kann."
Margendruck bleibt hoch
Traditionell liefert der SSIS aktuelle Kennzahlen aus der Softwarebranche. Diese lassen 2026 auf eine stabile wirtschaftliche Lage, aber geringe Wachstumserwartungen schliessen. Die durchschnittliche EBIT-Marge stieg von 6,4 Prozent im Jahr 2024 auf 7,2 Prozent im Jahr 2025. Für 2026 erwartet die Studie einen leichten Umsatzrückgang von 0,26 Prozent; für 2027 ein geringes Wachstum von 0,21 Prozent.
Bei der Beschäftigung wird mit einer leichten Abnahme gerechnet. Die Fluktuationsrate der Mitarbeitenden in der gesamten Branche sank von 15,1 auf 13,4 Prozent.
2025 untersuchte der SSIS mit New Work ein weiteres Trend-Thema. Hier sind Schweizer Softwareunternehmen wahre Vorreiter – aber mit Grenzen, wie Sie hier lesen können.
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