Weshalb RZ-Betreiber endlich unter die Farmer gehen sollten
Wo Rechenzentren (RZ) gebaut werden, da wird auch protestiert. Insbesondere der Strom- und Wasserverbrauch steht mit unvorteilhaften Vergleichen rasch in der Kritik – so etwa in Schaffhausen. Vor drei Jahren machten Schlagzeilen die Runde, dass ein sich im Bau befindliches Rechenzentrum bis zu 350 Gigawattstunden pro Jahr verbrauchen werde. Dies entspricht knapp drei Viertel des damaligen kantonalen Strombedarfs. Im gleichen Jahr regte sich Widerstand durch die lokale Bevölkerung und Pro Natura gegen ein RZ-Projekt im Waadtländer Dorf Saint-Triphon; das Projekt geriet dermassen ins Stocken, dass es auch drei Jahre später wohl noch nicht vom Fleck gekommen ist.
Alles nur ein Imageproblem? Denn Rechenzentren und Nachhaltigkeit sind keineswegs unvereinbar. Lange vor Schaffhausen und Saint-Triphon zeigte ein Projekt in Nordfriesland, wie grün Rechenzentren sein können – beziehungsweise wie blaugrün. Der deutsche Cloud-Hoster Windcloud eröffnete schon vor fast sechs Jahren ein Rechenzentrum, das zugleich eine Spirulina-Farm ist. Diese blaugrünen Mikroalgen sind ein beliebtes, proteinreiches Nahrungsergänzungsmittel und finden auch in der Naturkosmetik sowie zur Herstellung von blauen Farbstoffen Verwendung. Sie können aber noch etwas ganz Wichtiges: Sie binden CO2. Während sich andere Rechenzentren bemühen, möglichst CO2-neutral zu arbeiten, soll das Windcloud-RZ gemäss dem Betreiber sogar mehr CO2 binden als ausstossen! Aber auch Jahre später scheint dieser Ansatz nicht über die Proof-of-Concept-Phase hinauszuwachsen. So nahm im vergangenen Jahr der RZ-Betreiber Data4 in Frankreich sein erstes "biozirkuläres RZ" in Betrieb. Wie das Windcloud-RZ nutzt auch dasjenige von Data4 die Abwärme der Server zur Zucht von Mikroalgen. Obwohl deutlich grösser als das Windcloud-RZ, stuft auch Data4 seinen Campus mit Algenfarm bloss als Machbarkeitsnachweis ein. Die Pilotanlage in Marcoussis soll zeigen, wie ein Rechenzentrum als aktiver Teil des lokalen Ökosystems dienen kann, heisst es. Die erwartete Leistung: eine tägliche CO2-Absorption von bis zu 36 Kilogramm und eine Produktion von 20 Kilogramm Biomasse. Die nächsten Skalierungsstufen sind aktuell nur in Planung.
Vielleicht sollten also auch hiesige RZ-Betreiber vermehrt unter die Farmer gehen. Denn das Versprechen, dass RZs nicht nur klimaneutral, sondern sogar klimapositiv sein können, steht seit Jahren im Raum. Und im Ausland gehen die ersten Anbieter bereits in diese Richtung.
Ich wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre der aktuellen Ausgabe des "IT-Markt" mit einem Special zum Schweizer Datacenter-Geschäft.
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