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Wie Thomas Boll seine Firma fit für die nächsten 30 Jahre macht

Uhr | Aktualisiert
von Coen Kaat

Vor 30 Jahren hat Boll Engineering den Betrieb aufgenommen. In der Zeit mauserte sich die Firma von einer Software­schmiede zum IT-Security-Distributor. Im Interview spricht CEO Thomas Boll über das Geheimnis seines Erfolges, die Entwicklungen in den letzten 30 Jahren und über die Notwendigkeit, auch mal selbst etwas zu programmieren.

Thomas Boll, CEO von Boll Engineering. (Source: Netzmedien)
Thomas Boll, CEO von Boll Engineering. (Source: Netzmedien)

Wie feierte Boll Engineering das 30-jährige Jubiläum?

Thomas Boll: Wir feierten zweimal. Wir gingen zunächst mit der ganzen Boll-Mannschaft nach Grossbritannien und verbrachten dort ein Wochenende zusammen. Dann feierten wir am Boll Channel Happening mit unseren Kunden und Lieferanten. Dieses Jahr war unser alljährliches Fest um einiges grösser, als es normalerweise ist – um das Jubiläum gebührend zu begehen.

Was heisst "um einiges grösser"?

2017 kamen etwa 200 Besucher zur Party. Dieses Jahr mussten wir die Registrierung nach 380 Anmeldungen abbrechen, weil wir sonst keinen Platz mehr gehabt hätten. Wir sorgten zwar für die gewohnt gute Mischung aus Business und Unterhaltung. Wegen des Jubiläums machten wir dieses Jahr aber etwas mehr Party und verkürzten die Business-Tracks ein wenig. So hatten wir etwa nur einen Gastredner.

Bezog sich das Motto – die 80er-Jahre – auf das Gründungsjahr von Boll Engineering?

Ja, wir wollten zum 30-jährigen Jubiläum zurück zu den Anfangstagen. Wir gründeten die Firma 1988 zu zweit. Weil das Unternehmen damals noch in Gründung war, also noch nicht wirklich existierte, war es sehr schwierig, überhaupt einen Mietvertrag zu bekommen.

Lesen Sie hier den Eventbericht zum Boll Channel Happening 2018 und dem 30-jährigen Jubiläum von Boll Engineering.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Als ich in die Räume hineinlief, die später unser erstes Büro werden sollten, wusste ich es sofort: Das ist ideal für unseren Anfang. Der Vermieter hatte bereits einen grossen Stapel an Bewerbungen und wollte, dass auch wir unsere drauflegten.

Aber das sahen Sie anders?

Ich wollte gleich den Mietvertrag unterschreiben. Glücklicherweise hatte der Vermieter vor, die darauffolgende Woche in die Ferien zu gehen, also war er einverstanden, das Ganze schnell abzuwickeln. Diese Erfahrung zeigte mir, dass man sich manchmal einfach ein bisschen durchsetzen muss.

Wie sahen diese ersten Räumlichkeiten aus?

Wir fingen entsprechend unseren Möglichkeiten an, ohne uns gross zu verschulden. Unser erster Standort war ein entsprechend einfacher und kleiner Shop in einem alten Gebäude. Aber er bot alles, was wir brauchten: ein Lagerraum für die Informatik und genügend Platz für unsere Büros.

Wie hat sich die Branche seitdem verändert?

Drastisch! Als ich 1980 mein Studium an der ETH begann, gab es noch gar keinen Studiengang Informatik. Damals bestand die Branche noch mehrheitlich aus engagierten Autodidakten, die viel Energie und Freude an der Technologie mitbrachten. Auf Aussenstehende wirkten wir wohl wie Exoten – merkwürdige Leute mit ihren komischen Kistchen. Mit der Zeit sahen wir eine ganze IT-Industrie entstehen. Heute ist diese in allen Bereichen unverzichtbar geworden. Leider ist damit auch eine Tendenz zu immer grösseren Strukturen verbunden.

Wie meinen Sie das?

Der Trend geht hin zu Grosskonzernen, welche die Macht bei sich bündeln wollen. Die Macht über Prozesse und Daten. Das ist eine sehr unschöne Entwicklung. Zugleich findet auch eine Wissensexplosion statt. Alles wird immer komplexer. In den 80er-Jahren hatten wir noch den Überblick. Wenn etwa ein neues Betriebssystem veröffentlicht wurde, las ich zunächst alle Handbücher dazu. Von meinem ersten PC, ein Apple II, las ich sogar die Schaltpläne. Heute ist das gar nicht mehr möglich. Es stecken so viele Mannjahre Entwicklung in der Hardware, dass eine einzelne Person das kaum noch nachvollziehen kann. Man muss aber auch sagen, dass die Branche nun viel professioneller ist als damals und entsprechend sind auch die Produkte viel besser.

Waren dieser Trend zur Grösse und diese Wissensexplosion die Gründe, warum Boll Engineering sich in den 90er-Jahren vom Softwareentwickler zum IT-Security-Distributor mauserte?

Ja, diese Spezialisierung war notwendig. Und ein Fokus auf IT-Security war damals – wie auch heute noch – sehr sinnvoll. In den 90er-Jahren schlossen allerlei Leute ihre Rechner ans Internet an. Die Frage, ob das überhaupt gut ist oder ob man nicht lieber einen Wächter ans Tor stellen sollte, kam erst danach auf. Für uns bedeutete das vor allem viel Business.

Wie wirkt sich dieser Drang zur Grösse auf die Branche aus?

Es gibt immer mehr Fusionen und internationale Konglomerate. Ich sehe auch, wie der Druck auf unsere Partner von Jahr zu Jahr wächst. Ein Reseller mit fünf Mitarbeitern steht heute vor einer schwierigen Frage. Um den Markt effizient zu bearbeiten, braucht er einen Storagespezialisten, einen Sicherheitsspezialisten, einen Softwarespezialisten und noch mehr. So viele Personen kann er aber gar nicht einstellen. Soll er sich stattdessen einen Teil des Markts herauspicken und sich nur darauf konzentrieren? Der klassische Systemintegrator, der die IT ganzheitlich abdeckt, ist oft nicht mehr zeitgemäss. Ausser es handelt sich um eine internationale Bude mit mehr als 50 Mitarbeitern.

Spüren Sie diesen Drang zur Grösse auch?

Den spüren wir durchaus. Vor 30 Jahren kamen wir noch quasi ohne Administration aus. Jeder wusste, was zu tun war. Mittlerweile ist Boll Engineering auf über 40 Mitarbeiter angewachsen und unsere Prozesse brauchen entsprechend etwas mehr Strukturierung. Aber wenn wir uns am Markt durchsetzen und alle unsere Dienstleistungen anbieten wollen, brauche ich auch immer mehr Personal. Was diesen Drang zur Grösse betrifft, sind sich Produkte und Firmen sehr ähnlich.

Inwiefern?

Es hilft, wenn man als Firma oder als Anbieter eines Produkts eine gewisse Marktpräsenz hat. Bevor Kunden ein Produkt kaufen, sehen sie sich zunächst mal Produktvergleiche und Ranglisten an. Die unteren Einträge auf den Listen beachten sie aber gar nicht erst. Auch wir mussten zuweilen darauf achten, dass wir bei grösseren Ausschreibungen und Projekten überhaupt wahrgenommen werden.

Wie bauen Sie die Marktpräsenz mit Boll Engineering auf?

Das machen wir nicht mit spektakulären Aktionen, sondern kontinuierlich Stück für Stück. Alles, was wir tun, bringt die Marke Boll Engineering ein wenig mehr in das Bewusstsein der Leute. So zeigen wir, welche Leistungen wir in Haus haben. Und dass wir noch immer klein genug sind, um schnell agieren können. Das gehört zu den Freiheiten, die uns von damals noch geblieben sind.

Was für Freiheiten sind das?

Die Freiheit, alles so zu tun, wie wir es für vernünftig erachten. Darum gründete ich auch meine eigene Firma. Damit wir die Freiheit haben, unsere eigenen Ideen umzusetzen, und nicht nur irgendwelchen Trends hinter her zu laufen. Niemand diktiert uns, was wir wie machen müssen. Wir unterwerfen uns lediglich dem Markt und den Kunden und stecken dort all unsere Energie hinein. Das hat auch nach Aussen eine gute Wirkung.

"Unterwerfen"?

Es geht eigentlich mehr darum, sich selbst immer wieder zu hinterfragen. So stellt man als Firma sicher, dass man wirklich die Leistungen erbringt, die im Markt gefordert sind. Wer sich nur immer selbst versichert, dass seine Firma ja eh die beste ist, wird betriebsblind. So segelt man schnell am eigenen Markt vorbei.

Längst nicht jedes Unternehmen kann seinen 30. Jahrestag feiern. Wie erklären Sie sich den Erfolg von Boll Engineering?

Wir können nur dann erfolgreich sein, wenn wir mit unseren Partnern optimal zusammenarbeiten. Nur so holen wir den maximalen Effekt aus einem Projekt heraus. Und dieser Effekt sorgt wiederum dafür, dass die Kunden unsere Leistungen gerne beziehen.

Gilt das auch für die interne Zusammenarbeit?

Ja, ich will einen möglichst guten, fördernden Arbeitsplatz für meine Mitarbeiter schaffen. Nur wer motiviert ist, erreicht Spitzenleistungen. Deswegen achte ich sehr gut auf meine Mitarbeiter. Ich will ja auch in einem guten Team arbeiten, wo ich Lust habe und es mir Spass macht, zu arbeiten. Die sehr tiefe Fluktuation bei den Mitarbeitern zeigt mir, dass ich das auch umsetzen kann. Einige meiner Mitarbeiter sind seit über 20 Jahren bei Boll Engineering.

Thomas Boll: "Es gibt durchaus Hypes, die man einfach ignorieren kann". (Source: Netzmedien)

Wie halten Sie diese Qualität aufrecht?

Ich kontrolliere sehr viel. So lese ich etwa häufig die Offerten, die das Haus verlassen. Ich laufe aber auch immer wieder durch die verschiedenen Abteilungen und gebe Ratschläge, wo ich kann. Ich schlage meinen Mitarbeitern etwa oft vor, das Projekt von der Kundenseite zu betrachten. Vielleicht will der Kunde etwa, dass das Projekt möglichst schnell umgesetzt wird. In dem Fall müssen wir darauf achten, dass wir die benötigten Teile an Lager haben.

Wie reagieren Ihre Mitarbeiter darauf, wenn Sie durch die Gänge schlendern und ihnen über die Schultern schauen?

Sie verstehen, dass es mir nicht darum geht, auf Fehler hinzuweisen, sondern die Qualität zu steigern. Natürlich stauche ich auch keine Mitarbeiter zusammen. Ich weise lediglich darauf hin, wie man etwas meiner Meinung nach noch effizienter machen könnte. Ich mache ja selbst auch Fehler. Das gebe ich dann immer zu. Nur so kann man daraus lernen. Wenn wir das nicht tun würden, wäre das Leben ekelhaft langweilig. Ein wenig ehrgeizig sind wir hier allerdings schon. Schliesslich wollen wir besser sein als die Konkurrenz.

Wie wollen Sie das erreichen?

Wir setzen auf unser technisches Know-how, etwa mit unserem eigenen Support-Team. Diese Expertise wollen wir aber nicht horten. Wir bauen das Know-how auf und geben es an unsere Partner über unser Schulungszentrum weiter. In diesem Punkt unterscheiden wir uns wohl von unseren Mitbewerbern.

Support und Schulungen sind doch kein Alleinstellungsmerkmal.

Wir verkaufen unseren Tech-Support aber nicht. Wir bieten ihn als kostenlosen Service für unsere Partner an. Deshalb sind wir auch nicht darauf bedacht, möglichst viele Support-Aufträge zu übernehmen. Wir freuen uns darüber, wenn wir unser Fachwissen an unsere Partner weitervermitteln können. Dann wissen sie selbst, wie es geht und wir können uns dem nächsten Partner widmen und auch ihm dieses Wissen vermitteln. Das ist unser Konzept.

Können Sie dieses Konzept noch etwas näher erläutern?

Wir haben zwar ein Warenhaus, aber wir sind keins – und wir sind auch keine Logistiker. Wir verstehen uns nach wie vor als eine IT-Firma und als Partner unserer Reseller. Logistik alleine reicht heute auch nicht mehr aus. Die Produkte, die wir im Channel verkaufen, sind enorm komplex geworden. Wenn der Distributor keine sinnvolle Tätigkeit im Channel übernimmt, könnte ja genauso gut DHL die Aufgabe übernehmen. Wir versuchen deshalb, einen Teil der Last der Projekte unserer Partner zu übernehmen. Nur so kann die Distribution überleben, in einer Zeit, in der Logistik nicht mehr das primäre Problem ist.

Böse Zungen behaupten immer wieder, den Channel gibt’s nicht mehr lange.

Hersteller arbeiten in der Regel aus personellen Gründen nicht direkt mit den Endkunden zusammen. Die Frage ist daher eher, welche Aufgaben übernimmt der Channel. Wenn wir nur Bestellungen und Rechnungen entgegennehmen und weiterleiten, braucht es den Channel wirklich nicht mehr. Neben Schulungen bietet Boll Engineering diverse andere Dienstleistungen an, darunter etwa auch Reparatur- und Marketing-Services sowie technische Unterstützung und Support. So wollen wir beiden Seiten, Hersteller und Reseller, einen Teil der Arbeit abnehmen. So hat auch ein Distributor eine Zukunft.

Boll wird also auch die nächsten 30 Jahre bestehen bleiben?

So weit kann ich nicht in die Zukunft sehen. Aber als wir die Firma gegründet haben, ahnte ich auch nicht, dass wir heute sind wo wir sind. Damals waren wir noch kein Distributor, sondern ein Softwareentwickler. Wer weiss, was wir in 30 Jahren sein werden. Die nächsten Jahre sind jedoch klar: Wir gehen den Weg weiter, den wir begonnen haben. Wir wollen mehr Tools und Geschäftsmöglichkeiten für unsere Partner schaffen. Zu diesem Zweck sehen wir uns permanent nach neuen Produkten um, die unser Sortiment sinnvoll ergänzen.

Wohin bewegt sich die IT-Security-Branche derzeit?

Die IT-Security-Branche wird derzeit von einer Ausdehnung geprägt. In den vergangenen Jahren konzentrierten sich Sicherheitslösungen vor allem auf den Perimeter. Man verkaufte also in erster Linie Firewalls, die sozusagen als Ventil zwischen dem Kunden und dem grossen bösen Internet dienten. Heute erstreckt sich die IT-Security vom Client über das Netzwerk bis hin zum Rechenzentrum und auch dem Internet der Dinge. Und in all diesen Bereichen wird nun IT-Security hinzugemischt. Für die Branche bedeutet dies neue Geschäftsmöglichkeiten. Wir sehen uns derzeit viele spannende neue Technologien an, die das Feld noch weiter ausdehnen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Es gibt etwa eine Software, die den Stack einer Maschine so verändert, dass ein Virus gar nicht mehr weiss, wo er ist. Die Idee ist ganz witzig. Aber für sich ist das noch kein Produkt. Irgendwann wird die Technologie wohl in eine Lösung integriert. Aber dafür muss zunächst ein grosser Hersteller dahinter stehen, der die Technologie die nächsten Jahre weiter entwickelt.

Geht es darum, auf den richtigen Hype zu setzen? Oder sollte man abwarten, bis man sieht, was funktioniert und was nicht?

Grundsätzlich kann man eigentlich nur zu früh oder zu spät sein, wenn es um neue Themen geht. In der Regel ist zu früh besser. Es gibt durchaus Hypes, die man einfach ignorieren kann. Es gab etwa mal einen wahnsinnigen XML-Hype. Ich habe absolut nichts gegen XML – aber so grossartig ist es nun auch wieder nicht. Viele Technologien kommen auch erst lange nach dem Hype, wie etwa VoIP. Die Technologie wurde vor 10 Jahren gehypt, ist aber erst jetzt wirklich hier. Da hat also niemand etwas verpasst.

Was machen Sie im Cloud-Bereich?

Die Cloud gehört sicher zu den Trends, welche die IT-Landschaft unumkehrbar verändert haben. Wer da nicht mitmacht, fliegt aus dem Spiel raus. Auch wir nehmen vermehrt Cloud-Produkte auf. Wir nehmen aber nur Cloud-Lösungen auf, wenn der Hersteller eine klare Channel-Strategie fährt. Dies ist im Cloud-Geschäft nicht selbstverständlich. Gefährlich sind vor allem Unternehmen, die etwa in der Schweiz über den Channel verkaufen und in England Direktgeschäfte machen. Bei diesen Firmen ist es absehbar, dass die Partnerschaft nicht lange währen kann.

Einige Distributoren versuchen derzeit, zum Cloud-License-Broker zu werden.

Das ist ein sehr gefährliches Geschäft. Man muss viel Geld und Energie hineinstecken und folgt trotzdem einem ungewissen Pfad. Einige Firmen warben in den vergangenen Jahren etwa stark damit, dass sie im Gegensatz zu den grossen Anbietern eine Schweizer Cloud im Sortiment haben. Und nun baut Microsoft eine eigene Cloud in der Schweiz auf. Für unsere Partner ist das nicht einfach. Sie stehen nun im direkten Konkurrenzverhältnis mit den riesigen Anbietern, die dank grossem Volumen ihre Lösungen viel günstiger anbieten können.

Reizt es Sie, wieder zu den alten Entwicklertagen zurückzukehren, wenn Sie eine Idee sehen, die noch darauf wartet, zur Softwarelösung zu werden?

Selbstverständlich reizt mich das. Aber dafür ist Boll Engineering zu klein. Die meisten Entwicklungen kommen von grossen Firmen, die tausende Jahre an Arbeitsstunden investieren können. Es kommt zwar schon vor, dass ein einfacher Algorithmus die Welt bewegt. Aber so eine Entwicklung zu warten und international zu vertreiben, ist ebenfalls sehr aufwändig. Wir sind jedoch nach wie vor aktiv an der Entwicklerfront.

Was entwickeln Sie denn?

Alles, was wir betreiben, von unserem ERP bis zu unserer Website, sind Eigenentwicklungen. Und daran halten wir auch fest. Nur so können wir unsere Prozessabläufe und unsere Arbeitsabläufe optimal aneinander anpassen und automatisieren. Dies ist aufgrund des Preiszerfalls auf den Produkten essenziell geworden. Wir müssen heute mehr Projekte umsetzen, um gleich viel zu verdienen wie früher.

Welche Prozesse haben Sie automatisiert?

Das ist ein laufender Reengineering-Prozess. Wenn wir sehen, dass eine einzelne Aufgabe viele Leute beschäftigt, prüfen wir das. Wir passen etwa unsere IT-Mittel an oder versuchen, die Aufgabe anders umzusetzen. Früher druckten wir etwa unsere Lizenzblätter aus und tippten die Lizenznummern händisch ab. Mittlerweile holt unser ERP die Informationen aus den E-Mails und weist sie vollautomatisch den richtigen Kunden zu.

Der Erfolg von Boll zeigt, dass der Schritt in Richtung Distribution wohl richtig war. Trauern Sie trotzdem manchmal den Anfangszeiten im Unix-Umfeld nach?

Rückblickend kann man sagen, dass es der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt war. Ob man aus der Softwarefirma, die wir damals waren, auch etwas hätte machen können, vermag ich jedoch nicht zu beurteilen. Aber ich bin noch immer ein Systemingenieur. Manchmal muss ich daheim übers Wochenende zur Erholung etwas programmieren. Als ehemaliger Präsident von CH Open habe ich nach wie vor eine Affinität für offene Systeme wie Linux. Mit Ausnahme des Active Directory und dem Exchange-Server sind alle Server von Boll Engineering immer noch Linux-Systeme. Ich finde, Technologie darf nicht von Konzernen hinter Patenten verbarrikadiert werden. Sie muss offen bleiben, damit die jungen Ingenieure davon lernen können. Daher ist die Open-Source-Bewegung für die Industrie als Ganzes sehr wichtig.

Was programmieren Sie am Wochenende?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich programmiere aber immer wieder an unserem ERP-System herum. Über Jahre hinweg schrieb ich etwa eine File-Datenbank für das System. Ich wollte das selbst machen. Derzeit experimentiere ich mit Handhelds. Die Idee ist, dass die Mitarbeiter sie ins Lager mitnehmen, um Waren zu scannen und sogleich alle notwendigen Informationen zum Produkt haben.

Was für Massnahmen ergreifen Sie, damit Boll auch die nächsten 30 Jahre noch besteht?

Das ist eine Kombination von verschiedenen Plänen. Wir werden weiterhin bei all den Trends mitmachen, die für uns Sinn machen und jede Geschäftsmöglichkeit ergreifen, die wir als vernünftig identifizieren. Wir werden auch weiterhin auf unser technisches Know-how setzen. Das garantiert, dass wir nie ersetzt werden können – ausser die KI überrollt uns. Aber davon gehe ich momentan noch nicht aus.

Wir haben sehr viel über die Zukunft von Boll Engineering gesprochen. Aber wie sieht die Zukunft für Thomas Boll aus?

Ich habe noch keine Pläne, das Steuer aus den Händen zu geben. Vielleicht sieht das in fünf Jahren anders aus, schliesslich werde ich nächstes Jahr 60. Aber momentan befasse ich mich noch mit vielen Aufbauarbeiten. Ich passe Arbeitsabläufe an, verbessere hie und da etwas, setze neue Kundenverträge auf. Daran will ich nichts ändern.

Wie lautet Ihre persönliche Botschaft an den Channel?

Für unsere Channelpartner gilt das Gleiche wie für uns: Sie müssen aufpassen, dass sie keine Kurve verpassen. Das grosse Kunststück ist, die Anforderungen des Marktes zu erfühlen und zu spüren, wenn die Kunden nicht mehr zufrieden sind. Ein Patentrezept gibt es dafür leider nicht. Aber es ist wichtig, auch mal etwas abzulehnen. So bringt man sich nicht in eine Situation, in der man Ressourcen in unrentable Aufträge steckt und deswegen keine förderlichen Aufträge mehr annehmen kann.

Persönlich: Thomas Boll, 1959 in Zürich geboren mit Wohnsitz in Baden, gründete 1988 die heutige Boll Engineering AG. Das damalige Softwareentwicklungsunternehmen hat sich unter seiner Leitung im Laufe der Zeit zu einem der führenden IT-Security-Distributoren in der Schweiz entwickelt. Der Geschäftsführer und Inhaber des in Wettingen und Lausanne domizilierten Unternehmens ist diplomierter Elektroingenieur ETH, Vater von zwei erwachsenen Kindern und in seiner Freizeit oft auf dem Wasser anzutreffen. (Quelle: Boll Engineering)

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DPF8_104172

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