Mensch vs. Maschine

Die anthropophile Technik und wir

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von Kevin Liggieri, DFG-Forschungsstipendiat an der Professur für Wissenschaftsforschung der ETH Zürich

Wichtiger als die Frage, ob man für oder gegen bestimmte technische Entwicklungen ist, ist im ersten Schritt die Reflexion darüber, wie Mensch und Maschine sich konkret gegenseitig beeinflussen, sagt Kevin Liggieri.

(Source: Pixabay / geralt / CC0 Creative Commons)
(Source: Pixabay / geralt / CC0 Creative Commons)

Werden wir bald von transhumanen Maschinen ersetzt? Werden wir durch neue Biotechnologie alle zu Cyborgs? Also: Mensch vs. Maschine, Leben vs. Technik? Sind neue Technologien das Sinnbild einer technikeuphorischen Verschmelzung oder Startschuss zum Untergang der Menschheit?

Technologischer Fortschritt löste schon immer solche Hoffnungen und Ängste aus, doch stelle ich mir die Frage, ob diese emotional geführten Debatten mit Blick auf gegenwärtige Technologien den Kern der Sache treffen. Technologien, die wir doch selber gestalten und eigentlich tagtäglich im wahrsten Sinne des Wortes im Griff haben.

Neben den beiden klassischen Narrativen von Dystopie oder Utopie schlage ich daher eine andere Richtung ein. Das Problem liegt meiner Meinung nach nicht mehr in einer apokalyptischen Angst, einer Entfremdung oder einer technologischen Scham, wie wir sie aus früheren Tagen kennen und wie sie bis heute medial aufbereitet wird. Ganz im Gegenteil, Technik ist heute anthropophil, sprich an den Menschen angepasst. Die mobilen Endgeräte schmeicheln uns. Sie umgarnen unseren Körper, unseren Geist und unser Ego. In gewisser Weise komplementieren sie uns sogar.

Neue Beziehung zur Technik

Die herkömmlichen Beschreibungsversuche von Technik (als Verfahren, um naturwissenschaftliche Erkenntnisse nutz- und anwendbar zu machen oder als Beschaffenheit eines Gerätes) treffen unseren heutigen Umgang mit Technik demzufolge nicht mehr ganz. Denn trotz aller Untergangs­szenarien und einem immer wiederkehrenden Technologiepessimismus stellt die Anwendung der Technik in unserm Alltag gerade kein Problem mehr dar. Wir bedienen unsere Handys, Smart-TV, Laptops; wir scrollen, tippen, drücken oder streicheln. Wir sind mit der Technik immer relational verbunden – und nicht selten emotional. Heutige Technik prägt uns durch soziokulturelle, private und öffentliche Kontexte sowie massgeblich durch ihr benutzerfreundliches Design. Die Interaktion mit Technik funktioniert, weil wir ihr gerade nicht neutral gegenübertreten können.

Doch wie kam es dazu, dass wir einer eigentlich radikal menschlich-fremden Existenz, heute fühlend und streichelnd begegnen? In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wurde Technik erkenntnistheoretisch wie praktisch vermenschlicht, das heisst in die menschliche Lebenswelt integriert (1). Damit verschwammen die Grenzen und die Distanz zwischen Mensch und Maschine verringerte sich: Das Technische wurde für uns praktisch unsichtbar.

Technik prägt Menschen

Die technischen Möglichkeiten wirken normativ auf den Menschen, wie beispielsweise das Smartphone verdeutlicht. Die ständige Erreichbarkeit, die Routenplanung per Google Maps, oder unser digitales Selbstbild auf unzähligen sozialen Netzwerken verbinden uns scheinbar unmittelbar mit der Wirklichkeit. Doch brauchen all diese Applikationen das unbemerkt wirkende, kleine Endgerät, welches so leicht in unseren Händen liegt. Hiermit wird die Umwelt, erst zu "unserer" Mitwelt.

Zweifelsohne verändern also neue Maschinen, technische Milieus und digitale Arbeitsumwelten das Bild des Menschen sowie der Maschine diskursiv und praktisch. Der Tramfahrer der 1920er oder der Pilot der 1960er Jahre agierten in anderen technischen Systemen als der total vernetze User heute.

Menschen prägen Technik

Aber ebenso wirkmächtig ist die conditio humana auf die technische Realisierung. Besonders spannend finde ich daher die Frage, wie und warum Mensch-Technik-Interaktionen nach dem Vorbild von zwischenmenschlichen Interaktionen und anthropologisch-humanistischen Vorstellungen gedacht und konstruiert wird. Die verschiedenen Akteure der Industrie 4.0 oder des Affective Computing versuchen, die Technik nach menschlichen Masstäben zu gestalten, um sie weniger fremdartig erscheinen zu lassen und den Umgang mit ihr zu erleichtern (2). Die große Befürchtung, der Mensch werde technisiert, wird abgelöst von der vermeintlich beruhigenden Tatsache, dass die Technik sich naturalisiert. Aufbau von Benutzer­freundlichkeit ist damit auch Abbau von Angst.

Die neuen Technologien werden hierfür rhetorisch anthropologisiert, linearisiert und finalisiert, wie dies zum Beispiel eine Begrifflichkeit wie "Industrie 1.0 bis 4.0" sehr schön zeigt. Interessanterweise werden damit im technikwissenschaftlichen Diskurs der Moderne nicht mehr dystopische post-, trans-, oder antihumanistische Bilder aufgerufen, sondern geradezu klassische humanistisch-anthropologische. Eine anthropophile Schnitt­stellen-Gestaltung – man denke da nur an Siri oder Alexis – ist deshalb erfolgreich, weil sie Akzeptanz, Vertrauen und Effizienz in der Mensch-Maschine-Interaktion generiert. Michel Foucault fordert zu recht, dass die Wissenschaften aus dem "anthropologischen Schlaf" erwachen und aufhören sollen, "vom Menschen, von seiner Herrschaft und von seiner Befreiung [zu] sprechen". Derselbe anthropologische Schlaf ist aber rhetorisch und praktisch in der Mensch-Maschine-Gestaltung bedeutend geworden. (3)

Debatte trifft nicht den Kern der Sache

Anthropologie, Humanismus und Anthropozentrismus sind wirtschaftlich und designtechnisch effizient. Das Design ist ganz auf das Subjekt, den lebendig, psychophysischen Menschen, sprich den User, ausgerichtet. Durch diese anthropologische Signatur des Technischen können wir Technik erst handhaben, mit ihr umgehen und leben. Das Problem der anthropophilen Technik könnte damit gerade darin liegen, dass es in der Anwendung (meist) kein Problem mehr gibt. Technische Applikationen vermitteln damit eine Natürlichkeit, die in ihren Strukturen, Argumentationen und Praktiken hinterfragt und analysiert werden muss. Natürlich werden die Debatten über eine technische Ersetzung oder Optimierung des Menschen, die Mensch und Maschine entweder gegeneinander ausspielt oder aber zu verschmelzen versucht, weitergeführt. Mir scheint aber die konkrete technikanthropologische Reflexion umso wichtiger, da das subtile Problem der Technik als intuitive Anwendung in unserer Lebenswelt sonst zwischen abstraktem Pro und Contra zu schnell verdeckt wird.

Referenzen

(1) Vgl. Michael Hagner, 2016. "Kybernetik". In: Sprache, Kultur, Kommunikation. ed. Ludwig Jäger, Werner Holly, Peter Krapp, Samuel Weber, Simone Heekeren. Berlin: de Gruyter, 253-261.

(2) Kevin Liggieri, 2018. "Verstehen und Gestalten. Zur produktiven Problematik des Mensch-Maschine-Interface". In: "Das Wunder des Verstehens". Ein interdisziplinärer Blick auf ein "außer-ordentliches" Phänomen. ed. Kevin Liggieri / Hans-Ulrich Lessing. Freiburg: Karl Alber, 305-332.

(3) Michel Foucault, Ordnung der Dinge, Frankfurt a. M. 1974, S. 410, 412.

Dieser Beitrag erschien erstmals im ETH-Zukunftsblog.

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DPF8_147415

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