ICT-Berufsbildung Schweiz schlägt Alarm

Mangel an ICT-Fachkräften in der Schweiz verschärft sich

Uhr

Die Schweiz braucht bis 2028 insgesamt 117'900 neue ICT-Fachkräfte. Der Verband ICT-Berufsbildung Schweiz fordert mehr Ausbildungsplätze, um diesen Bedarf zu decken. Unter aktuellen Bedingungen können nur 70 Prozent der benötigten Spezialisten ausgebildet werden.

(Source: Kamaga / Fotolia.com)
(Source: Kamaga / Fotolia.com)

Die Schweiz muss dringend Massnahmen ergreifen, um den Bedarf an ICT-Fachkräften zu decken. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsstudien Basel (IWSB) im Auftrag des Verbandes ICT-Berufsbildung Schweiz. Den Ergebnissen zufolge nahm die Anzahl im ICT-Bereich beschäftigter Personen binnen neun Jahren um 52 Prozent zu. Das Wachstum in diesem Bereich sei viermal so gross wie das durchschnittliche Wachstum aller Beschäftigten. 2019 arbeiteten 242'600 Personen in den Bereichen IT und Kommunikation.

Softwareingenieure (Plus 29'100) und Systemanalytiker (Plus 19'000) trieben den Anstieg besonders an, heisst es in der Studie. Der Bedarf an Mediamatikern verzeichnete das grösste jährliche Wachstum von Plus 13,5 Prozent. "Das beobachtete Wachstum des Berufsfelds ICT übersteigt auch die konservativen Erwartungen der Bildungsbedarfsprognose, welche seit 2010 alle zwei Jahre zuhanden von ICT-Berufsbildung Schweiz erstellt wird", schreiben die Autoren.

In acht Jahren fehlen 35'800 Fachkräfte

Auch in den kommenden Jahren nimmt der Bedarf an ICT-Fachkräften weiter zu. Laut der IWSB-Studie werden bis zum Jahr 2028 54'300 neue Stellen im ICT-Bereich geschaffen – 48 Prozent aufgrund des Strukturwandels und 52 Prozent aufgrund des wirtschaftlichen Wachstums. Zudem gehen die Autoren davon aus, dass 63'600 aktuelle Stellen neu besetzt werden müssen, aufgrund von Pensionierungen (44 Prozent) oder Abwanderung ins Ausland (56 Prozent). Insgesamt brauche es also bis 2028 117'900 neue ICT-Spezialisten.

(Source: IWSB / ICT-Berufsbildung Schweiz)

Gemäss der Studie könnte dies zum Problem werden, denn das heutige Bildungssystem sei nicht in der Lage, so viele Fachkräfte auszubilden. "Tatsächlich sind nur rund 38'100 Arbeitsmarkteintritte von Neuabsolventinnen und Neuabsolventen zu erwarten. Ferner reicht auch eine mit anderen Berufsfeldern vergleichbare Zuwanderung nicht aus, da so nur weitere 37 Prozent (44'000 Personen) der zusätzlich benötigten Fachkräfte rekrutiert werden können."

Somit würden nur 70 Prozent des Fachkräftebedarfs gedeckt – es fehlen noch 35'800 Spezialisten. "Sie könnten bis 2028 zusätzlich ausgebildet werden und hätten sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt", schreiben die Studienautoren.

Alle Branchen sind gefordert

In der Mitteilung spricht der Verband ICT-Berufsbildung Schweiz von einer "enormen bildungspolitischen und gesamtwirtschaftlichen Herausforderung, die nach ausserordentlichen Massnahmen verlangt". Serge Frech, Geschäftsführer des Verbandes, betonte an der Präsentation der Studie, es müssten signifikant mehr Lehrstellen geschaffen werden, um das Fundament für die höhere Berufsbildung zu schaffen.

Die Präsentation der Studienergebnisse im Video.

Dabei reiche es nicht, wenn sich nur die ICT-Branche des Problems annehme, heisst es in der Mitteilung weiter, denn: "Nur 40 Prozent der ICT-Beschäftigten sind in der ICT-Kernbranche tätig. Das heisst, dass die Mehrheit der ICT-Fachkräfte in ganz unterschiedlichen Zweigen der Wirtschaft und in der öffentlichen Verwaltung zu finden sind." Unternehmen aller Branchen und die öffentliche Verwaltung müssten Verantwortung für einen ausreichenden ICT-Nachwuchs übernehmen, fordert Frech in der Mitteilung.

Zwei Drittel der ICT-Beschäftigten arbeiten nicht bei einem ICT-Unternehmen. (Source: IWSB / ICT-Berufsbildung Schweiz)

Unkomplizierte Zuwanderung

Die breite Streuung von ICT-Fachkräften in alle Branchen stellt ein Problem für die Finanzierung der Ausbildung dar, erläutert Frech auf Anfrage. Gesetzlich sei es derzeit nicht möglich, einen obligatorischen Ausbildungsfonds für den ICT-Bereich zu schaffen, denn dafür müssten mindestens ein Drittel der Fachkräfte und Unternehmen in einem Branchenverband organisiert sein. "Mit 60 Prozent Fachkräften in Nicht-ICT-Branchen sind wir eine typische Querschnittsbranche", sagt Frech. Würden mehr Lehrstellen geschaffen, würden natürlich auch mehr Gelder von den Kantonen an den Verband zurück fliessen. Zudem sei sein Verband bestrebt, die Zusammenarbeit mit anderen Branchenverbänden zu stärken.

Serge Frech, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz. (Source: zVg)

Er halte die Schaffung neuer Lehrstellen für die nachhaltigste Methode, dem Fachkräftemangel zu begegnen, sagt Frech. Gleichzeitig sei es aber wichtig, der Zuwanderung ausländischer Fachkräfte keine Steine in den Weg zu legen: "Die Zuwanderung muss so unkompliziert wie möglich bleiben", sagt er, zumal der Bedarf an ICT-Fachkräften zu 37 Prozent durch zugewanderte Spezialisten gedeckt werde.

Kürzlich befragte der Verband ICT-Berufsbildung Schweiz Lernende und Lehrabgänger zu ihrer Situation während Corona. Die angehenden Informatiker und Mediamatiker fühlten sich während der Krise von ihren Lehrbetrieben gut betreut und waren zuversichtlich, was die Zukunft angeht.

Gemäss der aktuellen Salärstudie von SwissICT sind die Löhne in der IT-Branche dieses Jahr leicht gestiegen. Doch innerhalb vergleichbarer Funktionen gibt es deutliche Unterschiede. Was die meistgesuchten Berufsprofile angeht, hat sich einiges verändert.

Webcode
DPF8_189929

Kommentare

« Mehr