143 Einreichungen

Das war der Jurytag von Best of Swiss Apps 2026

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von Joël Orizet und dwi

Die ersten Entscheidungen sind gefallen. Am Jurytag von Best of Swiss Apps 2026 prüften 53 Jurymitglieder insgesamt 143 Einreichungen. Der neue Jury-Chairman Rafael Perez Süess ordnete die aktuellen Entwicklungen der App-Branche ein und würzte seine Premiere mit einer Prise Mathematik.

Premiere am Jurytag: Rafael Perez Süess tritt erstmals als Jury-Chairman von Best of Swiss Apps auf. (Source: Netzmedien)
Premiere am Jurytag: Rafael Perez Süess tritt erstmals als Jury-Chairman von Best of Swiss Apps auf. (Source: Netzmedien)

Je einfacher es wird, Apps zu entwickeln, desto schwieriger wird womöglich die Frage, was eine gute App auszeichnet. KI-Tools schreiben heute Code auf Zuruf, Vibe Coding senkt die Einstiegshürden und gleichzeitig wächst der wirtschaftliche Druck auf die Softwarebranche. Genügend Gesprächsstoff also für die Fachjurys von Best of Swiss Apps 2026, die am Jurytag im Schulungszentrum von Digicomp für die erste grosse Entscheidungsrunde zusammenfanden. 

Durch den Tag führte Rafael Perez Süess in seiner neuen Rolle als Jury-Chairman. Neu ist ihm der Wettbewerb allerdings nicht: Bei der ersten Ausgabe von Best of Swiss Apps 2013 reichte er selbst noch ein Projekt ein. 2016 wechselte er in die Jury, 2020 übernahm er interimistisch das Präsidium einer Fachjury und ein Jahr später definitiv. 

Auch mit der Technik verbindet Perez Süess eine lange Geschichte. Mit 14 begann er zu programmieren - auf dem IBM-kompatiblen PC seiner Eltern, noch mit monochromem Bildschirm, wie er in seiner Begrüssungsrede schmunzelnd erzählte. Später studierte er Mathematik, was er während seiner Präsentation mehrfach aufblitzen liess: Auf der Suche nach Erklärungen für die Entwicklung der Einreichungszahlen rückte er den Daten mit Trendlinien und Polynomen zu Leibe - durchaus mit Humor.

Rafael Perez Süess steht vor einer Leinwand und spricht zu den versammelten Jurymitgliedern. Auf der Präsentation stellt sich der neue Jury-Chairman von Best of Swiss Apps vor.

Rafael Perez Süess stellt sich am Jurytag als neuer Jury-Chairman von Best of Swiss Apps vor. (Source: Netzmedien)

Ein kleines Plus nach dem Minus

Zunächst gab es allerdings eine einfache Zahl: 143. So viele Einreichungen verzeichnet Best of Swiss Apps dieses Jahr - drei mehr als 2025. Nach dem Rückgang im vergangenen Jahr zeigt die Kurve damit zumindest wieder leicht nach oben.

Hinter dem kleinen Plus verbergen sich allerdings grössere Verschiebungen. "Functionality", "Innovation" und "Technology" legten deutlich zu. Weniger Einreichungen gingen dagegen in den Kategorien "Customer Experience", "Design" und "Extended Interaction" ins Rennen.

So verteilen sich die Einreichungen auf die Kategorien (im Vergleich zum Vorjahr):

  • "Business Impact": 10 (+1)
  • "Customer Experience": 5 (-5)
  • "Design": 13 (-5)
  • "Extended Interaction": 4 (-6)
  • "Functionality": 30 (+9)
  • "Innovation": 26 (+7)
  • "Technology": 17 (+8)
  • "User Engagement": 12 (-2)
  • "User Experience": 26 (+2)

Das kleine Plus gelang trotz einer Kategorie weniger. "Accessibility" fehlt dieses Jahr im Wettbewerb. In den vergangenen beiden Jahren führten die Veranstalter Accessibility als Sonderkategorie, um das Thema im Wettbewerb stärker zu etablieren. Dieses Jahr fand sich dafür allerdings kein Sponsor. Der neue Jury-Chairman zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass die Kategorie 2027 zurückkehrt.

Von der Trendlinie zum Schweinezyklus

Warum die Zahl der Einreichungen nicht ans Rekordjahr 2024 anschliesst, lässt sich nicht eindeutig herleiten. Welche Geschichte die Zahlen erzählen, hängt allerdings auch davon ab, wie man die Entwicklung mathematisch modelliert. 

Zunächst legte Perez Süess eine lineare Trendlinie über die bisherige Geschichte von Best of Swiss Apps. Sie zeigt leicht nach oben - trotz des Rückgangs im vergangenen Jahr. Mit einer polynomischen Trendlinie zweiten Grades, also einer an die Daten angepassten quadratischen Funktion, ergibt sich dagegen ein anderes Bild. Die Kurve führt ungefähr zurück auf das Niveau der Anfangsjahre. Perez Süess sprach deshalb von einem möglichen "Schweinezyklus" - einem wiederkehrenden Auf und Ab, bei dem auf starke Jahre wieder schwächere folgen.

Noch optimistischer wird es mit einer polynomischen Trendlinie sechsten Grades. Dann ergibt sich eine Wellenbewegung, die zuletzt wieder kräftig nach oben zeigt. Folgt man diesem Modell, müsste die Zahl der Einreichungen im kommenden Jahr deutlich steigen, sagte Perez Süess augenzwinkernd.

Eine "KI-generierte Zwischenphase"

Die Kurvenspiele sind freilich keine Antwort auf die Ausgangsfrage. Einen möglichen Grund für die Entwicklung sieht Perez Süess vielmehr im aktuellen KI-Boom. Dieser führe zu einem Paradoxon: Einerseits entstehen mit Vibe Coding deutlich mehr Apps und Prototypen. Andererseits schlägt sich das bislang nicht in mehr Einreichungen bei Best of Swiss Apps nieder.

Der Jury-Chairman verwies dazu auf den Reviewprozess bei Apple, der derzeit teilweise dreimal so lange dauere, weil mehr Apps in den Store drängen. "Ich habe das Gefühl, wir erleben gerade eine KI-generierte Zwischenphase", sagte er. Viele mit Vibe Coding entstandene Anwendungen seien zwar schnell gebaut, aber längst nicht automatisch preiswürdig. 

Hinzu komme eine insbesondere für Web- und App-Agenturen schwierige wirtschaftliche Lage. Perez Süess verwies auf den aktuellen Swico-ICT-Index, dem zufolge sich die Softwarebranche derzeit an der Grenze zwischen rentablem und unrentablem Wachstum bewege. Gleichzeitig nehme der Preisdruck zu.

Zuversicht ohne Heilsversprechen

Trotzdem rechnet Perez Süess mit neuen Impulsen für die Branche. Sein derzeitiges Lieblingsmotto bringt diese Haltung auf den Punkt: "Zukunft kommt von Zuversicht." Neue Geräteklassen wie Smart Glasses oder KI-Gadgets bräuchten wiederum neue Software und Apps.

Im Gespräch zeigte sich der neue Jury-Chairman auch beim Thema KI ausgesprochen pragmatisch. Überzogenen Heilsversprechen steht er ebenso skeptisch gegenüber wie Szenarien, wonach der Softwarebranche die Arbeit ausgeht. "KI ist einfach das nächste Werkzeug", sagte er. Entscheidend sei nun, zu lernen, wie sich dieses Werkzeug professionell einsetzen lässt.

Porträt von Rafael Perez Süess. Der Jury-Chairman von Best of Swiss Apps trägt eine dunkle Brille, ein graues Sakko und ein schwarzes Shirt und lächelt in die Kamera.

Rafael Perez Süess will als neuer Jury-Chairman zunächst auf Stabilität setzen. (Source: Netzmedien)

Als neuer Jury-Chairman setzt Perez Süess zunächst auf Stabilität statt auf einen Kurswechsel. Mit der "grossen Kelle" wolle er jedenfalls noch nicht anrühren, sagte er mit einem Lachen. Danach will er die Zahl der Einreichungen wieder steigern und die Jury breiter aufstellen. Der Anteil der Auftraggeberseite liegt dieses Jahr bereits bei über 25 Prozent, der Frauenanteil bei knapp 28 Prozent. Gerade hier will Perez Süess schneller in Richtung Parität kommen.

Ausstand, Schweigen und die Drittelregel

Bei den Grundregeln der Jurierung ändert der Chairman-Wechsel nichts. Wer selbst an einem eingereichten Projekt beteiligt ist, muss dies offenlegen und während der Besprechung in den Ausstand treten. Auch die Ergebnisse der Beratungen bleiben bis zur Bekanntgabe vertraulich - selbst gegenüber den anderen Fachjurys.

Für die Entscheidungen gilt weiterhin die Drittelregel: Rund ein Drittel der Projekte erhält eine Auszeichnung, ein weiteres Drittel schafft es auf die Shortlist und für das letzte Drittel heisst es "leider nein". Zudem braucht jede Kategorie ein Siegerprojekt. Perez Süess verglich das mit einem Skirennen: Selbst wenn alle anderen stürzen und nur eine Person im Stemmbogen die Ziellinie erreicht, gewinnt sie trotzdem.

So geht's weiter: 

  • Die Shortlist erscheint am Donnerstag, 1. Oktober. Die Ergebnisse finden Sie auf netzwoche.ch.
  • Die Ankündigung der Kandidaten für den "Master of Swiss Apps" erfolgt am Montag, 5. Oktober, auf netzwoche.ch.
  • Die Netzmedien-Leserwahl für den "Master of Swiss Apps" startet am Montag, 19. Oktober. Hier geht's zur Anmeldung. 
  • Die Award Night geht am Mittwoch, 11. November, im Kongresshaus Zürich über die Bühne.

 

Übrigens: Welche Apps und Softwareprojekte 2025 Gold holten und wie knapp das Rennen um den Master of Swiss Apps ausging, lesen Sie hier.

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