Hintergrund

Wie sich die Schweiz eine ausgewogene KI-Zukunft sichern kann

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KI ist aktuell in aller Munde, doch nicht alle stellen sich die Zukunft mit der Technologie gleich vor. Unternehmen und Bevölkerung haben teils unterschiedliche Vorstellungen davon, welchen Stellenwert künstliche Intelligenz im Alltag haben sollte. Drei Experten ordnen ein, wie sie sich miteinander vereinbaren lassen.

(Source: 69 - stock.adobe.com)
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Künstliche Intelligenz hat sich mittlerweile sowohl in der Arbeitswelt als auch im Privatalltag vieler Leute fest eingenistet. Unternehmen wittern in der neuen Technologie ein Produktivitätswachstum bei den Mitarbeitenden, wovon sie sich höhere Profite erhoffen - dementsprechend rechnet Gartner 2026 mit weltweiten KI-Investitionen über 2,5 Billionen US-Dollar. Aber obwohl KI auch privat regelmässig genutzt wird, kommt eine Studie von Monda Futura zum Schluss, dass die meisten Menschen in der Schweiz lieber in eine Zukunft gingen, in der KI höchstens eine untergeordnete Rolle spielt.

Ist KI nun eine gute oder eine schlechte Entwicklung? Welchen Stellenwert soll sie in unserer Zukunft haben? Karsten Donnay, Professor für Digitale Demokratie am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich (UZH), ordnet ein: "KI ist erstmal einfach die schlüssige Fortsetzung einer technologischen Entwicklung", sagt er. Die Frage sei daher nicht, ob die Entwicklung gut oder schlecht sei, sondern was Gesellschaft und Unternehmen jetzt damit tun würden: "Wollen wir Grenzen setzen? Wo setzen wir diese Grenzen? Und wie genau stellen wir uns eine Zukunft mit KI vor?"

Auf dem Bild zu sehen ist Karsten Donnay von der UZH

Karsten Donnay, Professor für Digitale Demokratie am Institut für Politikwissenschaft der UZH. (Source: zVg)

Diese Haltung vertritt auch Marcus Schwemmle, Leiter Artificial Intelligence bei der Mobiliar. "Ob KI letztlich eine gute Entwicklung ist, entscheidet sich darin, wie wir als Gesellschaft mit ihr umgehen", sagt er und ergänzt: "Gute KI erweitert menschliche Fähigkeiten, statt sie zu ersetzen, und unterstützt Menschen, ohne ihnen die Verantwortung abzunehmen."

KI-Nutzung bei Unternehmen

Bereits seit 2023 steht den Mitarbeitenden der Mobiliar das datenschutzkonforme Mobi-ChatGPT zur Verfügung - laut Schwemmle wird es heute über 60'000 Mal pro Monat genutzt. Insbesondere im Input Management sei KI ein wertvolles Werkzeug: Sie könne die relevanten Informationen mit sehr hoher Genauigkeit aus den eingereichten Dokumenten extrahieren und für die weitere Verarbeitung bereitstellen.

Doch: "KI ist kein Werkzeug, das plötzlich alle Probleme löst", betont Schwemmle. Sie erweitere lediglich den bestehenden Werkzeugkasten, was zwar neue Möglichkeiten schaffe, aber auch die Kompetenz erfordere, sich jeweils für den richtigen Lösungsansatz zu entscheiden. "Nur weil wir ein neues Werkzeug haben, wird nicht jedes Problem zu einem KI-Problem."

Das Bild zeigt Marcus Schwemmle von der Mobiliar

Marcus Schwemmle, Leiter Artificial Intelligence bei der Mobiliar. (Source: zVg)

Gleichzeitig sei es wichtig, dass man die Effizienz nicht nur über eingesparte Zeit messe. Eine interne Umfrage zur Effizienzsteigerung habe zwar durchaus erhebliche Zeitgewinne gezeigt, aber je nach Anwendungsfall müsse man auch andere Werte wie Nutzungsintensität, Bearbeitungszeit, Automatisierungsgrad, Qualität der Ergebnisse und Fehlerquote berücksichtigen. "Eine Effizienzsteigerung, die auf Kosten von Qualität oder Kundenerlebnis geht, ist für uns kein Fortschritt", sagt Schwemmle.

Die Zufriedenheit der Kundschaft stehe bei der Mobiliar immer im Vordergrund - insbesondere, wenn es um neue Technologien gehe. "KI soll den persönlichen Kontakt dort ergänzen, wo sie einen echten Mehrwert schafft", sagt Schwemmle. Gerade in schwierigen oder emotionalen Situationen seien Vertrauen, Empathie und menschliches Urteilsvermögen jedoch nicht durch Technologie zu ersetzen - in solchen Fällen setze man deshalb weiterhin auf den persönlichen Kundenkontakt.

KI-Skepsis in der Bevölkerung

Dieser Ansatz dürfte bei vielen Menschen gut ankommen. Gemäss der im August 2026 veröffentlichten "Zukunftsstudie" von Monda Futura wünscht sich nämlich die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung keine Welt, in der alles von KI durchdrungen ist. "Dass einem jetzt jede erdenkliche Anwendung KI aufdrängt, finde ich bevormundend und mühsam", sagt auch Raffael Wüthrich, Gründer des Vereins Monda Futura, der die Studie zusammen mit dem Meinungsforschungsinstitut GFS.Bern durchgeführt hat.

Das Bild zeigt Raffael Wüthrich

Raffael Wüthrich, Gründer von Monda Futura. (Source: zVg)

Auch den "immensen Energieaufwand" sowie den Ressourcen- und Wasserverbrauch von KI sieht Wüthrich kritisch: "Wir wissen, dass wir weniger Energie und Ressourcen verbrauchen sollten und machen gerade das Gegenteil - in atemberaubendem Tempo." Die ökologischen Auswirkungen könnten mit ein Grund für die KI-Ablehnung in der Bevölkerung sein, sagt Wüthrich, ein weiterer sei wohl die Angst vor Arbeitsplatzverlusten. Gleichzeitig habe KI aber auch positive Seiten, etwa indem sie neue Bereiche der Gesellschaft demokratisiere, räumt Wüthrich ein: "Alle können nun Grafiken erstellen, bessere Texte schreiben und juristische Auskunft bekommen."

Tatsächlich machen aktuell viele Leute von der neuen Technologie Gebrauch: Rund 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung nutzen gemäss dem IGEM-Digimonitor 2026 regelmässig KI, jede dritte Person täglich - wie ein Bericht von Microsoft zeigt, liegt die Schweiz über dem globalen Durchschnitt. Darin sieht Donnay von der UZH jedoch keinen Widerspruch zur Studie von Monda Futura - im Gegenteil: Diese Diskrepanz passe "sehr gut dazu, dass es eine neue Technologie ist", sagt er. Einerseits sei KI jetzt einfach Realität, also sollte man sie auch nutzen; andererseits seien viele Leute verunsichert, weil noch nicht klar sei, wie sich die Technologie in Zukunft entwickeln könnte. Deshalb müssen wir uns laut Donnay "intensiver darüber unterhalten, wie wir sie nutzen und wofür wir sie gerne nutzen wollen - und wofür vielleicht nicht."

Zudem ist es wohl auch nötig, KI in eine Richtung zu leiten, in der sie uns allen zugutekommt, wie Donnay hinzufügt. Denn momentan sei sein Eindruck, dass primär die Tech-Konzerne davon profitieren würden, während die Bürgerinnen und Bürger auf der Strecke blieben.

KI-Zielkonflikt bei der Arbeit

Generell besteht gemäss Donnay ein gewisser Zielkonflikt zwischen Unternehmen und Einzelpersonen: Während Unternehmen die Effizienz steigern und so mehr Geld verdienen wollen, wollen Arbeitnehmende "einfach eine Arbeit machen, die ein bisschen weniger stressig ist als heute, indem ihnen ein Tool dabei hilft." Die aktuelle Realität sei jedoch, dass es genauso viel Arbeit gebe wie früher, man aber mehr erreichen müsse, weil einen ja die KI unterstütze. So kommt man laut Donnay in eine Spirale der Beschleunigung, die gerade für die Arbeitsqualität nicht erstrebenswert sei.

Folglich komme den Unternehmen eine gewisse Verantwortung zu, "KI so einzusetzen, dass sie auch wirklich den Einzelpersonen etwas bringt." Es brauche etwa klare Regelungen, wie und in welchem Masse KI einzusetzen sei - vergleichbar mit den E-Mail-Zeitfenstern, die viele Unternehmen mittlerweile eingeführt hätten. "Irgendwann am Nachmittag ist Schluss und am Morgen fängt es wieder an - zum Schutz der Mitarbeitenden", sagt Donnay. 

Auch für Schwemmle von der Mobiliar haben Unternehmen eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft: Sie sollen nicht nur zeigen, "was mit KI technisch möglich ist, sondern auch vermitteln, wo sie sinnvoll ist, wo ihre Grenzen liegen und wie Menschen kompetent mit ihr umgehen können", sagt er und ergänzt: "Die gesellschaftliche Akzeptanz von KI wird aus meiner Sicht weniger durch Hochglanzversprechen entstehen als durch viele gute, konkrete Erfahrungen und einen glaubwürdigen Umgang mit der Technologie." 

Im Interview mit der Redaktion geht Karsten Donnay noch mehr ins Detail. Lesen Sie hier, wie Bevölkerung, Unternehmen und Politik die KI-Zukunft gestalten können.

KI-Zukunft für alle

Im Zukunftsszenario, vor dem sich viele fürchten, ist KI überall drin und wird für alles eingesetzt, einfach weil es möglich ist. Um ein solches Szenario zu verhindern, müssen wir uns Donnay zufolge jetzt damit auseinandersetzen, wo die Stärken der Technologie liegen, in welchen Bereichen sie tatsächlich einen Mehrwert bringt - und wo wir sie eigentlich gar nicht brauchen. Wenn wir nicht jetzt beginnen, diese Überlegungen zu machen, "sind wir irgendwann an einem Punkt, an dem es sehr schwer ist, die Entwicklungen wieder zurückzudrehen", sagt er. "Dann sind wir plötzlich in einem Szenario gelandet, mit dem eigentlich niemand so richtig zufrieden ist."

Um das zu verhindern, müssen sich gemäss Donnay alle an diesen Überlegungen beteiligen: Bevölkerung, Unternehmen und auch die Politik. Tatsächlich hätten diese Diskussionen bereits begonnen: "Man hat verstanden, dass man wirtschaftlich von den gleichen Ländern abhängig ist, die gerade mit KI sehr stark nationale Interessen priorisieren." Die Politik habe mittlerweile gemerkt, dass diese Abhängigkeiten nicht in unserem Interesse seien, sagt der UZH-Professor. Doch auch die Gesellschaft soll nicht einfach tatenlos zusehen, sondern aktiv darüber nachdenken, wie man die Technologie verwenden will - auch im Hinblick auf die ökologische Dimension. "KI ruiniert jetzt nicht direkt das Klima, aber langfristig verschiebt sie schon einen grossen Teil des Energieverbrauchs in Bereiche, in denen nicht immer alles produktiv ist."

Da kämen auch wieder die Unternehmen in die Verantwortung. Laut Donnay rennen sie aktuell einfach voran und jagen kurzzeitige Profite - dabei fehlt immer noch ein richtiger Business Case für KI. "Es gibt natürlich schon bestimmte Unternehmen, die im Kleinen KI oder auch Machine-Learning-Anwendungen einsetzen, die schon sehr profitabel sind", räumt er ein. Aber den richtig grossen Business Case einer Allzweck-KI gebe es noch nicht - und er werde vielleicht auch nie wirklich profitabel sein.

Deshalb ist Donnay der Meinung, dass sich die Schweiz zusammen mit Europa von diesem "einseitigen Konstrukt" lösen sollte, mit dem Ziel, "Alternativen zu haben, die vielleicht ein bisschen weniger gut sind, aber gut genug - und dafür auf unseren Werten aufbauen." So könnten wir eine Technologie entwickeln, die nicht einfach auf uns herunterfalle, sondern die wir mitgestalten würden, und in die wir dann auch Vertrauen hätten.

Und wenn diese vertrauenswürdige KI dann unbemerkt im Hintergrund läuft, sind wohl viele Leute bereits zufrieden. So etwa Schwemmle von der Mobiliar, der sagt: "Eine gute KI erkenne ich daran, dass ich sie nicht bemerke, weil sie sich nahtlos im Hintergrund in unseren Alltag integriert." Und auch Wüthrich von Monda Futura zeigt sich überzeugt, "dass eine energie- und ressourcenschonende KI einen Platz in der erwünschten Zukunft hat, wenn sie Dinge im Hintergrund organisiert, die mit herkömmlicher Software nicht möglich sind."

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ArbHVj5C