Patrick Pulvermüller im Interview

Wo der neue Acronis-CEO die Chancen im Channel sieht

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von Coen Kaat

Anfang Juli ist Patrick Pulvermüller vom Webhoster Godaddy zu Acronis gewechselt. Beim Data-Protection- und Backup-­Anbieter mit Sitz in Schaffhausen übernimmt er die Funktion des CEO vom Unternehmensgründer Serguei Beloussov. Im ­Interview spricht er über den Branchenwechsel, die Chancen im Channel und seine Passion für Cybersecurity.

Patrick Pulvermüller, CEO von Acronis. (Source: zVg)
Patrick Pulvermüller, CEO von Acronis. (Source: zVg)

Sie sind nun drei Monate CEO von Acronis. Was war Ihre bislang grösste Herausforderung?

Patrick Pulvermüller: Learning fast and furious! Die grösste Herausforderung war es, schon in den ersten paar Wochen möglichst viel, möglichst schnell zu lernen. Mit meiner neuen Aufgabe gingen zugleich auch viele neue und spannende Themen aus sehr unterschiedlichen Bereichen einher. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hingucken sollte, weil in allem so viel Potenzial steckte.

Wie ging es nach diesen ersten paar Wochen weiter?

Mittlerweile habe ich ein gutes Gespür für diese Themen entwickelt. Jetzt geht es darum, die Unternehmenskultur weiterzutragen. Einerseits, weil die Welt noch immer durch die Pandemie geprägt ist und man sich nun wieder finden muss. Andererseits, weil wir zurzeit personell stark wachsen. In diesem Moment haben wir etwa 300 Stellen ausgeschrieben.

Können Sie diese Kultur kurz zusammenfassen?

Unsere Grundhaltung lautet: Wir kriegen das zusammen hin! Keine Aufgabe ist so schwer, dass man sie nicht lösen kann. Und zugleich ist niemand so egoistisch, dass er denkt, alles alleine machen zu können. Diese Kultur und der Teamgeist, der daraus entsteht, machte Acronis zu dem, was die Firma heute ist: ein Netzwerk aus unterschiedlichen Spezialistinnen und Spezialisten. Von dem Fachwissen der einzelnen Personen können alle profitieren. So lernen wir stets voneinander und miteinander.

Wie verlief die Übergabe von Serguei Beloussov zu Ihnen? Fiel es ihm als Unternehmensgründer schwer, seine Firma in Ihre Hände zu übergeben?

Die Übergabe gelang aus meiner Sicht sehr gut. Serguei Beloussov und ich kennen uns nun schon seit bald 20 Jahren. Ich schätze ihn enorm – sowohl als Geschäftspartner als auch als Freund. Dieses langjährige Vertrauen und das gemeinsame Verständnis, wenn es etwa um die Go-to-Market-Strategie geht, helfen, einen reibungslosen Übergang zu organisieren.

Wie weit ist dieser Übergang fortgeschritten?

Das operative Geschäft ist bereits komplett in meinen Händen. Die finale Übergabe planen wir für den Acronis Cyber Fit Summit Ende Oktober in Miami. Da geht es vor allem um ein paar Hausaufgaben, die sich über die Jahre angesammelt haben und die einfach noch gemacht werden müssen.

Acronis ist in über 150 Ländern aktiv und beschäftigt rund 1600 Personen. Wie haben Sie sich auf diese Mammutaufgabe vorbereitet?

Ich hatte das Glück, bereits zweimal Unternehmen als CEO führen zu können. So war ich etwa Group CEO der Host Europe Group. Davor war ich schon CEO einer Firma in Deutschland. Nichtsdestotrotz ist es etwas ganz anderes, Acronis zu leiten.

Weshalb?

Ich wechselte von einem eher infrastrukturlastigen Geschäft zu einem reinen Softwareanbieter. Und noch wichtiger: Ich komme eigentlich von der anderen Seite sozusagen. Bislang war ich stets für Serviceprovider tätig. Aus heutiger Sicht war ich zuvor also auf der Kundenseite tätig. Jetzt kann ich helfen, die Probleme zu lösen, mit denen ich mich die vergangenen Jahre immer wieder herumschlagen musste.

Und wie sah nun Ihre Vorbereitung aus?

Die grösste Aufgabe war es, sicherzustellen, dass es keine Ablenkungen mehr gibt. Also alle Aufgaben abarbeiten, die sich noch angestaut hatten, sodass ich mich nun wirklich zu 100 Prozent auf Acronis konzentrieren kann. Ferner sprach ich lange und intensiv mit meinem neuen Team – schon bevor ich den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte. Da war es mir vor allem wichtig, zuzuhören und so zu lernen. Ich bin neu bei Acronis und ich masse mir nicht im Geringsten an, mehr über diese Firma zu wissen als die Mitarbeitenden, die schon seit Jahren hier arbeiten. Ich setzte mich auch intensiv mit den unterschiedlichen Gesellschaftern wie etwa Goldman Sachs und CVC auseinander. So wollte ich verstehen, was deren Erwartungshaltungen sind.

Inwiefern sind deren Erwartungshaltungen für Sie meinungsbildend?

Es geht mir nicht darum, ihre Erwartungen zu verstehen, damit ich sie alle erfüllen kann. Aber als CEO muss ich wissen, wo die Übereinstimmungen und wo die Diskrepanzen sind. Nur so weiss ich, woran wir arbeiten müssen, um langfristig erfolgreich zu bleiben.

Ihr Hintergrund liegt primär im Hosting-Bereich. Wie schwierig war der Umstieg in die Cybersecurity-Industrie?

Cybersecurity war für mich schon immer das absolut allumfassende Thema. Auch als ich noch im Hosting-Bereich tätig war, beschäftigte ich mich bereits mit der IT-Sicherheit. Dasselbe gilt für das Thema Backup. Als ich erkannte, dass es eine Firma gibt, die beides kombiniert, wusste ich sofort, dass das eine spannende Firma sein muss. Und als sich die Möglichkeit ergab, als CEO zu Acronis zu wechseln, war für mich schnell klar, dass ich sie ergreifen muss.

Wie kam es zu der Gelegenheit?

Beloussov und ich sprachen oft, lange und intensiv über das Thema. Seit ich ihn kenne, hatte ich stets eine gute Beziehung zu ihm und zu Acronis. Ich war zu dem Zeitpunkt aber auch ein glücklicher Mitarbeiter von Godaddy. Für solche Fälle habe ich eine goldene Regel: Wenn man mich etwas zum dritten Mal fragt, prüfe ich es ganz genau. Denn ein viertes Mal wird es nicht geben. Ich stellte fest, dass Acronis viel mehr ist, als ich früher dachte. Acronis ist kein Backup-Anbieter mehr. Heute geht es darum, vollumfängliche Data-Protection-Lösungen anzubieten, die sämtliche Daten schützen. Das sprach meine Passion für Cybersecurity an. Als ich dann auch noch das Team kennenlernen durfte, war es für Beloussov sehr einfach, mich zu überzeugen (lacht). Das richtige Team in der richtigen Branche mit dem richtigen Mindset offeriert das richtige Produkt. Das war die perfekte Kombination.

Laut der Mitteilung zu Ihrem Antritt übernehmen Sie die Führung «an einem wichtigen Wendepunkt». Wie ist das zu verstehen?

Dieser Wendepunkt bezieht sich darauf, dass nun vieles zusammenläuft. Acronis hat mit 1600 Mitarbeitenden eine gewisse Grösse erreicht. Wir investierten stark in den indirekten Vertrieb. Und im Mai sammelten wir in einer Finanzierungsrunde 250 Millionen US-Dollar ein. Mit CVC Capital Partners haben wir ausserdem einen starken Investor an Bord geholt, der unsere Firma vorantreiben möchte.

Wofür wollen Sie die 250 Millionen Dollar verwenden, die Acronis in dieser Finanzierungsrunde gesammelt hat?

Diese Mittel sollen primär in die Produktentwicklung und die Forschung fliessen. Die zweite Priorität ist der weitere Ausbau unserer Go-to-Market-Strategie. Dabei geht es darum, die richtigen Serviceprovider zu finden und unsere Produkte optimal zu vermarkten. Und drittens besteht natürlich immer die Möglichkeit, andere Firmen zu übernehmen.

Gibt es schon Kandidaten für eine Übernahme?

Lassen wir das doch mal eine Überraschung bleiben. Wir melden uns, wenn es so weit ist (lacht). Was ich aber sagen kann: Bei Übernahmen suchen wir immer nach speziellen Themen oder Eigenschaften. Mit diesen wollen wir wiederum die erste Priorität, also die Produktentwicklung, weiter stärken.

In welche Richtung wollen Sie die Produktentwicklung lenken?

Mir geht es ganz klar darum, den Backup-Bereich weiter zu stärken. Bei jeder Cybersecurity-Strategie sollte Backup stets ein wesentlicher Bestandteil sein. Wieso, sieht man heutzutage leider immer wieder. Wenn man etwa Opfer einer Ransomware wurde, ist eine sichere und saubere Kopie der eigenen Daten essenziell. Im Backup-Bereich sind wir schon stark. Wir wollen aber sicherstellen, dass wir nicht zurückfallen und die Konkurrenz plötzlich mit Features aufwartet, die uns fehlen. Das ist daher auch nicht der primäre Fokus für uns.

Wo liegt der primäre Fokus?

Kurzfristig investieren wir vor allem in den Bereich Cybersecurity. Es gibt heute so viele Angriffsvektoren. Man kann zwar nie garantieren, dass man zu 100 Prozent sicher ist. Aber je mehr Vektoren man blockiert, desto geringer ist das Risiko für den Kunden. Indem wir in diesem Bereich investieren, können wir unseren Kunden auch mehr Schutz bieten. Längerfristig werden wir zudem mehr in den Bereich Automation investieren. Das ist auch der Bereich, auf den sich Beloussov nun als Chief Research Officer fokussiert. Für den Moment ist das aber noch eher Zukunftsmusik.

Wie werden die nächsten Jahre für Acronis aussehen?

Wir sind bereits sehr stark im KMU-Segment und bei Unternehmen mit bis zu 1000 Mitarbeitenden. Ein signifikanter Teil unseres Umsatzes wird in diesem Segment generiert. Im Enterprise-Bereich sind wir noch nicht so etabliert. Wir zählen zwar durchaus auch weltweit aktive Grossunternehmen zu unseren Kunden. Aber da geht noch mehr. Wenn es um Privacy, Governance oder Compliance geht, bieten wir alles, was Enterprise-Kunden brauchen. Zusammen mit dem Channel können wir hier also sicher noch mehr erreichen.

Welche Rolle spielt der Channel bei der Umsetzung Ihrer Pläne?

Acronis bietet zwar ein intuitives Produkt an – aber einfach würde ich es dennoch nicht nennen. Jeder Kunde ist anders und so unterscheiden sich auch alle Implementierungen. Ausserdem benötigt man trotzdem ein gewisses Grundverständnis dafür, wogegen man sich wie schützen muss. Die Partner und ihre Nähe zu den Kunden sind darum absolut kritisch. Ohne sie können wir die richtigen Lösungen nicht an die richtigen Personen bringen. Ohne sie geht unsere Strategie nicht auf.

Wie sieht die Schweizer Partnerlandschaft von Acronis derzeit aus?

Als Schweizer Unternehmen haben wir natürlich ein gutes Standbein im Schweizer Markt. Es gibt aber auch noch viel Potenzial. Aktuell sind wir etwa noch stark auf den deutschsprachigen Raum in der Schweiz konzentriert. Unsere Lösungen bieten wir zwar in 27 Sprachen an. Aber den Vertrieb können wir noch ausbauen. Dieses Potenzial werden wir nun anzapfen und unser Netzwerk so erweitern, dass wir die gesamte Schweiz gut bedienen können.

Wie wichtig ist der Schweizer Markt für Acronis?

Als Heimatmarkt wird die Schweiz für uns natürlich immer wichtig bleiben. Aber die Umsätze kommen woanders her. 90 Prozent des Gesamtumsatzes generieren wir nicht hierzulande. Die Bedeutung des Schweizer Markts liegt jedoch nicht nur im Umsatz. Viele Weltfirmen kommen aus der Schweiz oder haben hier ihren Hauptsitz. Der hiesige Markt ist also insofern wichtig, weil er auch zeigt, in welche Richtung sich die grossen Industrien bewegen. Daraus können wir wiederum ableiten, wie wir unsere Kunden auf ihrem Weg unterstützen können.

Wie lautet Ihre persönliche Botschaft an den Channel?

Wenn ihr erfolgreich seid, sind wir es auch. Also lasst uns gemeinsam erfolgreich sein!

Webcode
DPF8_231627

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