Realitätstest für 5G

MWC 2018: Die fünfte Mobilfunk-Generation nimmt Fahrt auf

Uhr | Aktualisiert

Smartphones, Virtual Reality und mobile Gadgets dominieren die Hallen des Mobile World Congress. Der eigentliche Star der Veranstaltung ist aber noch (fast) unsichtbar. 5G verspricht, die Branche zu revolutionieren und dem Internet der Dinge zum Durchbruch zu verhelfen. Doch es bleibt noch viel zu tun, vor allem für die Telkos.

Intel zeigt seinen 5G-Prototyp. (Source: Netzmedien)
Intel zeigt seinen 5G-Prototyp. (Source: Netzmedien)

Über 5G spricht man seit Jahren. Telkos, Geräte- und Infrastruktur-Hersteller überschlagen sich mit Versprechungen. Wohl nirgends wird das so deutlich wie am Mobile World Congress, der diese Woche in Barcelona stattfindet. Doch etwas sei anders als in den vergangenen Jahren, sagen Besucher und Aussteller übereinstimmend. 2018 zeige sich 5G erstmals konkret. Die kommende Mobilfunk-Generation sei nicht mehr nur ein Konzept, nicht mehr nur Zukunftsmusik, sondern stehe technologisch und kommerziell tatsächlich vor der Tür. Das Smartphone als zentrales Ausstellungsstück hat dagegen etwas an Strahlkraft verloren - was nicht zuletzt mit dem schrumpfenden Markt zusammenhängt.

Dies zeigt sich zum Beispiel bei einem Besuch am Stand von Intel. Der US-Hardwarehersteller hatte ein PC-Tablet mit abnehmbarer Tastatur im Gepäck, das einen 5G-Videostream von einer darüber angebrachten Antenne abspielte. Bis das 5G-Modem des Prototyps in handelsüblichen Laptops stecken wird, seien freilich noch einige Hürden zu meistern, sagte Saif Alnashi, Technology Manager EMEA bei Intel. Die Antennen seien etwa so gross, dass der Hersteller sie in zwei massiven Stützfüssen unterbringen musste. Doch die Technologie und die Standards seien bereit.

Noch braucht es für das 5G-Auto virtuelle Unterstützung, wie hier am Stand der Saudi Telecom Company. (Source: Netzmedien)

Dies betonte auch Dan Warren, Samsungs Head of 5G Research, in einem Panel, welches das zentrale Thema des MWC einem "Reality Check" unterziehen wollte. Aus Sicht der Hersteller seien die wesentlichen Fragen rund um 5G eigentlich geklärt. Die grösste Aufgabe liege nun bei den Service Providern. Diese müssten jetzt die 5G-Infrastruktur aufbauen und dafür sorgen, dass die Vernetzung und Koordination zwischen verschiedenen Telkos und Anbietern klappe.

Noch sind einige Fragen offen

Warum dies so wichtig sei, illustrierte Warren anhand des wohl am häufigsten angeführten Use Cases von 5G - dem vernetzten, selbstfahrenden Auto. Wie kann gewährleistet werden, dass ein Fahrzeug, das im Mobilnetz des einen Telkos registriert ist, reibungslos mit einem Auto eines anderen Herstellers in einem anderen Netzwerk kommunizieren kann? Was passiert, wenn ein Auto ein Land verlässt und sich bei einem anderen Anbieter mittels Roaming anmeldet? Und wie kann ein autonomes Fahrzeug weiterfahren, wenn es die Verbindung zum Netzwerk einmal verliert? Auf diese Fragen müssten Telkos und Hersteller rasch Antworten finden, sagte der Chef von Samsungs 5G-Forschung.

Dan Warren, Head of 5G Research bei Samsung, zeigt Kosten und Nutzen von 5G. (Source: Netzmedien)

Eine weitere "pièce de résistance" stellt die Sicherheit dar. Wenn 5G dereinst im Verkehr, im Spital oder in der Logistik zum Einsatz kommen solle, müsse die 5G-Security jetzt angegangen werden, forderte Stephen Buck vom Mobile-Sicherheitsunternehmen Evolved Intelligence. Damit sprach er ein heikles Thema an, denn bislang seien die Sicherheits-Features von 5G noch nicht definiert und viele Fragen offen. Dazu komme, dass die Lücken der älteren Mobilfunk-Generationen auch in Zukunft eine Rolle spielen werden.

Henri Tervonen, bei Nokia als CTO Mobile Networks tätig, wies ausserdem auf die besonderen Anforderungen hin, die 5G an die Infrastruktur stellt. Die zentralen Vorteile der kommenden Generation - hohe Geschwindigkeiten, niedrige Latenzen und eine Vielzahl von Geräten pro Netzwerk-Zelle - liessen sich nämlich nur mit flexibler, effizienter und leistungsfähiger Hardware nutzen. Man solle sich keine Illusionen machen, sagte Tervonen. 5G-Netze seien in puncto Komplexität und Datenaufkommen auf einem ganz anderen Level als aktuelle Systeme. Die bestehende Infrastruktur müsse also ebenso fit für 5G gemacht werden, wie die neue Technologie fit für den Alltag gemacht werden müsse.

Am 5G-Panel unterzogen die Teilnehmer die kommende Technologie einem "Reality Check". Von links: Stuart Revell, 5GIC; Henri Tervonen, Nokia; Dheeraj Remella, VoltDB; Stephen Buck, Evolved Intelligence; Dan Warren, Samsung und Chris Nicoll, ACG Research. (Source: Netzmedien)

5G als Beschleuniger für das Internet der Dinge

Doch wozu brauchten Unternehmen die Fortschritte überhaupt, die 5G mit sich bringen soll? Antworten auf diese Frage versuchten die Referenten des MWC-Panels "Massive & Industrial IoT" zu geben. Die kommende Mobilfunk-Generation bringe völlig neue Möglichkeiten für die Analyse von Sensor-Daten aus dem Internet der Dinge (IoT) mit sich, versprach etwa Chris Penrose, President IoT-Solutions beim US-amerikanischen Telko AT&T. Unternehmen könnten so Maschinen und Mitarbeiter miteinander vernetzen und so ihre Prozesse effizienter und zuverlässiger machen. Allerdings äusserte sich Penrose was die Einführung von 5G anbelangt vorsichtiger als andere Teilnehmer des MWC: "5G braucht noch viel Zeit", meinte er.

Die Perspektive der Nutzer brachte John Stone in die Diskussion ein. Der Senior Vice President der Intelligent Solutions Group von John Deere zeigte, wo der US-Landmaschinen-Produzent heute bereits IoT-Lösungen einsetzt. Das Unternehmen habe mittlerweile 150'000 Maschinen in 60 Ländern vernetzt. Das Ziel sei dabei ganz einfach, sagte Stone. Es gehe darum, die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen und gleichzeitig nachhaltiger mit den Ressourcen umzugehen. Dies sei nicht nur für die Bauern attraktiv, die so ihre Erträge steigern könnten - die wachsende Weltbevölkerung mache die IoT-Landwirtschaft zu einer zwingenden Notwendigkeit. "Die vernetzte Landwirtschaft muss kommen", sagte Stone.

John Stone, John Deere; Fredrik Callenryd, Scania; Mats Lundquist, Telenor Connexion; Ulf Axelsson, Husqvarna Group und Moderator Bengt Nordström, Northstream (von links) unterhielten sich über die Möglichkeiten und Stolpersteine von IoT. (Source: Netzmedien).

Weitere Branchen, in denen 5G dem IoT einen Schub verleihen könnte, sind laut den Teilnehmern des Panels die Logistik und die industrielle Fertigung in sogenannten "Smart Factories". Was den ersten Bereich betrifft, berichtete Fredrik Callenryd vom schwedischen Nutzfahrzeug-Hersteller Scania von seinen Erfahrungen. Die Vernetzung von Lastwagen helfe einerseits den Kunden des Unternehmens, ihne Flotten besser zu managen. Gleichzeitig böten die gesammelten Sensor-Daten Scania selbst Gelegenheit, seine Produktionsprozesse zu verbessern.

Die Verbindung von IoT und Machine-Learning-Techniken könne man ausserdem Probleme frühzeitig erkennen und Lösungen bereitstellen. Dies habe früher viel länger gedauert, sagte Callenryd. Damit sich das Potenzial der neuen Technik voll ausschöpfen lasse, seien allerdings die Provider in der Pflicht, bestehende Fehlerquellen auszuräumen und besseren Service zu bieten, fügte er an. Auch am IoT-Panel waren sich zudem alle Teilnehmer einig, dass 5G ohne Standards zwischen den Netzbetreibern nicht funktionieren werde. Peter Zhou, CMO Wireless Solutions bei Huawei, forderte in diesem Sinne ein IoT-Ökosystem, in dem alle Partner zusammenarbeiten.

Es bleibt noch einiges zu tun

Das Internet der Dinge und 5G hängen eng zusammen, das zeigte der MWC in diesem Jahr deutlich. Drohnen, selbstfahrende Autos, Smart-Home-Geräte oder Sensoren laufen ohne den kommenden Leistungssprung im Mobilfunk nur mit halber Kraft, gaben die Hersteller zu verstehen. Grosse Telko-Ausrüster wie Cisco, Huawei oder VMware stellen an der Messe denn auch ihre IoT-Plattformen für die Branche vor.

Die Stände am MWC (hier: SK Telecom) vermitteln bisweilen den Eindruck, 5G sei bereits im Einsatz. (Source: Netzmedien)

Ob 5G tatsächlich schon so weit gediehen ist, wie es viele Aussteller versprechen, bleibt allerdings abzuwarten. Es fiel in Barcelona auf, dass es zwar viele Demos, Pläne und Ideen für den Einsatz von 5G gibt, konkrete Geräte wie der Tablet-Prototyp von Intel waren allerdings relativ selten zu sehen. Der chinesischen Hersteller ZTE und Huawei standen mit ihren Ankündigungen von 5G-Smartphones zum Jahreswechsel 2018/19 ziemlich alleine. Man darf auf jeden Fall auf den MWC im kommenden Jahr gespannt sein. Bis dahin wollen nämlich verschiedene Telkos - etwa die Swisscom - erste 5G-Netze in Betrieb nehmen.

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