Cloud-PC-Dienst

Weshalb in erster Linie Microsoft von Windows 365 profitiert

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An der Inspire-Konferenz im Juli ist erstmals der Cloud-PC-Dienst Windows 365 vorgestellt worden. Im Interview teilt David Mehr von IOZ aus Sursee seine Einschätzung: Der Cloud-PC wird sich auch in der Schweiz etablieren, aber es braucht noch etwas Zeit.

David Mehr, Leiter Team Collaboration und Geschäftsleitungsmitglied, IOZ. (Source: zVg)
David Mehr, Leiter Team Collaboration und Geschäftsleitungsmitglied, IOZ. (Source: zVg)

Welche Vorteile bietet Windows 365 im Vergleich zu einem lokalen Windows-PC?

David Mehr: Ich greife immer auf meinen persönlichen PC zu, mit meinen individuellen Windows-Einstellungen und Apps – ganz egal, an welchem Endgerät ich arbeite. Das Betriebssystem und die Apps sind immer auf dem neuesten Stand und Synchronisierungen entfallen, weil auch sämtliche Daten in der Cloud liegen. Daten und Systeme profitieren von der hohen IT-Sicherheit aus der Microsoft Cloud, die Kosten sind klar kalkulierbar und die Nutzung ist skalierbar. Die Leistungsanforderungen an die lokale Hardware sinken, da nun auch die Rechenleistung in der Cloud liegt.

Welche Nachteile hat der Service gegenüber einem lokalen Windows-PC?

Für das Arbeiten mit dem Cloud-Service wird eine stabile Internetverbindung benötigt, bei nicht ausreichender Konnektivität und Unterbrechungen kann nicht gearbeitet werden. Falls das Abo (aus welchem Grund auch immer) nicht verlängert wird, ist meine Maschine weg und ich stehe mit leeren Händen da. Man muss mit dieser grossen Abhängigkeit von Microsoft klarkommen und Vertrauen haben, dass der Konzern die Daten schützt und nicht missbraucht.

Wie unterscheidet sich Windows 365 von Azure Virtual Desktop, das es bereits seit zwei Jahren gibt?

Beim Betrieb von Azure Virtual Desktop ist man selbst verantwortlich für die Bereitstellung des Services. Aktuelle Updates, Sicherheitseinstellungen, das Bereitstellen von genügenden Ressourcen, all dies muss gewährleistet und im Auge behalten werden. Im Falle von Windows 365 werden die oben genannten Punkte durch Microsoft garantiert, durch den Bezug des Abos kann man von standardisierten Abläufen profitieren.

Wer profitiert am meisten von Windows 365?

Nennen wir das Kind beim Namen: In erster Linie profitiert Microsoft natürlich selbst! In einem Windows-365-Setup ist die Produktivität von Office-Workern nun noch stärker an die regelmässige Zahlung des Microsoft Services geknüpft. Der Dienst ist für jene Organisationen interessant, die auf Bring your own Device setzen: Die Mitarbeitenden bringen die eigene Hardware mit und ich als Unternehmen muss nur noch den Cloud-PC anmieten. Oder auch in Bereichen, in denen die Nutzerzahlen stark schwanken, etwa im Bildungsumfeld. Ich denke hier an Abschlussprüfungen, für die für eine begrenzte Zeit eine abgesteckte und konfigurierte Umgebung zur Verfügung gestellt werden könnte.

Wer fährt weiterhin besser mit einem lokalen Windows-Gerät? Und warum?

Für Nutzerinnen und Nutzer, die viel unterwegs sind und nicht immer eine stabile, gute Internetverbindung haben, ist ein Desktop Client nach wie vor die bessere Lösung. Ist die Konnektivität nicht gegeben, wird das Arbeiten mit dem Cloud-PC sehr mühsam. In Zukunft wird die vollständige Vernetzung von Gesellschaft und Geräten mit grosser Bandbreite aber eh zum Standard werden, dann verliert dieses Argument seine Kraft. Ebenso eignet sich ein Umstieg für Unternehmen nicht, die on-premises Server-Applikationen betreiben und nutzen. Der Zugriff aus dem lokalen Netzwerk, also direkt von Windows auf die Server, ist dabei effizienter und effektiver.

Wie erhält man etwa von einem iPad aus Zugriff auf den neuen Service?

Die Verbindung zum Cloud-PC kann über eine beliebige Plattform hergestellt werden, dies unterstreicht die Weiterentwicklung von Windows von einem gerätebasierten Betriebssystem zu einem hybriden Service. Der neue Service von Microsoft ist somit auf Windows, MacOS, iOS und Android verfügbar. Windows 365 kann von den Nutzerinnen und Nutzern einerseits über eine Plattform gestartet werden, welche die Microsoft-Remotedesktop-App unterstützt, oder es kann über ein beliebiges Gerät mit HTML5-fähigem Browser via Webclient zugegriffen werden.

Ist es nötig, zusätzlich zu Windows 365 auch noch Microsoft 365 für die Office-Anwendungen und Onedrive-Speicherplatz zu abonnieren?

Die Webversion der Office-Apps, Outlook wie auch One­drive, werden in allen Paketen beider Editionen, also Windows 365 Business wie auch Windows 365 Enterprise, unterstützt. Wie immer ist es ein richtiger Lizenz-Dschungel mit all den Modellen, Plänen und Paketen von Windows 365 und Microsoft 365. Es ist auch für uns nicht immer einfach, hier das richtige Set-up zu finden. Daher empfehle ich dringend, bei einem Einsatz den Lizenzberater hinzuzuziehen.

Wie können Nutzerinnen und Nutzer bei Windows 365 neue (oder eigene) Software installieren?

Dies geht via Remotedesktop-App normal wie auf einem gewöhnlichen PC. Bei der Verwendung von Windows 365 Enterprise können mittels Microsoft Endpoint Manager Apps auf die jeweiligen Cloud-PCs deployed werden. Microsoft hat einen eigenen Service bereitgestellt, der Unterstützung bei Anwendungsproblemen mit Apps bietet, dieser ist allerdings nur für Kunden ab 150 Arbeitsplätzen kostenlos nutzbar. Ebenfalls können über den Endpoint Manager Benutzereinstellungen verteilt werden. IT-Administrator können dadurch lokalen Administratoren das Installieren von Software erlauben oder dies einschränken.

Inwiefern ist Desktop-as-a-Service ein Bedürfnis im Schweizer Markt?

Aktuell wohl noch gar keines. Bis neue Services von ­Microsoft in der Realwirtschaft Fuss fassen, braucht es in der Regel einige Jahre. Von da an rechne ich jedoch mit einer stetigen Etablierung des Cloud-PCs.

Wie hoch ist der Anteil Ihrer Kunden, die sich für Windows 365 interessieren?

Im Moment nicht existent – und schwierig vorauszugsagen. Viele Kunden betreiben branchenbezogene Applikationslösungen, die oft noch lokale Infrastruktur und Endgeräte benötigen, die sich nicht oder nur mit hoher Investition ablösen lässt. Daher wäre der Aufbau einer Cloud-Infrastruktur eine parallele Infrastruktur zur bestehenden, die sich nicht rechnet. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis entweder Anfragen kommen oder wir bei den Kunden den Cloud-PC aktiv vorschlagen, weil er für den bestimmten Use Case die richtige Lösung ist.

Wie kommt Windows 365 bisher in der Schweiz an?

Bei den "very early adopters" kommt in erster Linie die, sagen wir mal gesalzene Preisgestaltung des Dienstes an. Es wird noch Zeit brauchen, bis mehr Erfahrungen zum tatsächlichen Nutzen vorhanden sind und bis der neue Service zu den Unternehmen durchgedrungen ist.

Wie schätzen Sie das künftige Verhältnis ein zwischen Unternehmen, die Windows 365 einsetzen, und Unternehmen, die weiter auf lokale Windows-PCs setzen?

Ähnlich wie bei der Etablierung von Microsoft 365 wird auch der Cloud-PC einige Jahre brauchen, bis er Anklang auf dem Markt findet. Aber machen wir uns nichts vor: Das Verhältnis wird sich längerfristig mehr und mehr zugunsten des Cloud-PCs verschieben. Ermöglicht durch immerwährende Konnektivität wird alles in die Cloud verschoben, was in die Cloud verschoben werden kann.

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