Schweizer Bevölkerung verlangt mehr Kontrolle über KI
In der Schweizer Bevölkerung wächst das Misstrauen gegenüber den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung. Besonders gefragt sind nun Datenschutz, digitale Souveränität und vertrauenswürdige Lösungen - insbesondere im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz.
Fast jede zweite Person in der Schweiz glaubt, dass die Chancen von künstlicher Intelligenz in den nächsten fünf Jahren die Risiken überwiegen. Gleichzeitig kippt die allgemeine Stimmung gegenüber der Digitalisierung erstmals ins Negative: 41 Prozent der Bevölkerung bewerten deren Einfluss auf die Gesellschaft inzwischen eher kritisch, wie aus dem "Digitalbarometer 2026" hervorgeht, einer Onlineumfrage unter 1278 Personen, umgesetzt von der Stiftung Risiko-Dialog mit Unterstützung der Mobiliar und in Partnerschaft mit Digitalswitzerland.
Stimmung gegenüber Digitalisierung kippt
Die Umfrage zeichnet ein widersprüchliches Bild: Zwar nutzen drei Viertel der Bevölkerung generative KI bereits im Alltag, und viele sehen darin auch wirtschaftliche Chancen. Gleichzeitig wächst jedoch die Sorge, dass der technologische Wandel soziale Spannungen verschärft und Menschen den Anschluss verlieren. Jede vierte Person fühlt sich vom Tempo der Digitalisierung überfordert. Besonders deutlich zeigt sich diese Verunsicherung bei älteren Menschen, Personen mit tieferem Bildungsniveau und armutsbetroffenen Menschen.
Trotzdem überwiegt beim Thema KI vorsichtiger Optimismus. 48 Prozent der Befragten erwarten, dass KI mehr Chancen als Risiken bringt. Vor allem in Industrie und Produktion fällt die Einschätzung positiv aus. Dort sammeln Unternehmen bereits konkrete Erfahrungen mit automatisierten Prozessen und KI-gestützten Anwendungen. Skeptischer zeigt sich hingegen die italienischsprachige Schweiz: Dort rechnen mehr Menschen mit negativen Folgen als mit Chancen.

Einschätzung der KI-Entwicklung nach Sprachregionen: Während in der Deutschschweiz jede zweite Person erwartet, dass die Chancen von KI in fünf Jahren überwiegen, dominiert im Tessin die Skepsis. (Source: Digitalbarometer 2026)
Viele erwarten Veränderungen im Berufsalltag
Am Arbeitsplatz erwarten viele Befragte tiefgreifende Veränderungen. 47 Prozent gehen davon aus, dass KI die Arbeitswelt stark verändern wird. Gleichzeitig glauben nur 27 Prozent, dass dadurch neue berufliche Möglichkeiten entstehen. Besonders junge Menschen rechnen mit einem Umbruch, während ältere Generationen deutlich zurückhaltender bleiben.
Auffällig ist zudem das ausgeprägte Problembewusstsein der Bevölkerung im Umgang mit KI. Vier von fünf Personen geben an, sich mit gesellschaftlichen Folgen und Risiken auseinanderzusetzen. Viele erkennen etwa die Gefahr von Desinformation oder problematischen KI-Entscheidungen in sensiblen Bereichen wie Medizin oder Justiz.
Beim praktischen Umgang zeigt sich allerdings ein anderes Bild: Nur gut die Hälfte fühlt sich sicher im Umgang mit KI-Tools. Besonders gross bleiben die Lücken beim Erkennen von KI-Betrug oder beim Schutz persönlicher Daten.
Vertrauen in Schweizer Lösungen bleibt hoch
Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach Kontrolle. 76 Prozent der Befragten gewichten Datenschutz höher als Komfort. Eine deutliche Mehrheit befürwortet zudem strengere Regeln gegen Hassrede und Falschinformationen im Netz - selbst wenn dadurch die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird.

Die Schweizer Bevölkerung setzt bei digitalen Fragen klare Prioritäten: Datenschutz und strengere Regeln gegen Desinformation geniessen deutlich mehr Zustimmung als Komfort oder uneingeschränkte Meinungsfreiheit. (Source: Digitalbarometer 2026)
Besonders gross bleibt das Vertrauen in Schweizer Lösungen. 83 Prozent sagen, ein "Made in Switzerland"-Label würde ihr Vertrauen in digitale Dienste stärken. Ein vergleichbares EU-Label erreicht nur 53 Prozent Zustimmung. Gerade bei sensiblen Anwendungen wie der E-ID, digitalen Verwaltungsdiensten oder dem elektronischen Patientendossier vertrauen die Befragten deutlich stärker dem Staat als privaten Unternehmen.
Auch bei der Verantwortung für digitale Technologien zeigt sich ein klares Bild: 38 Prozent der Befragten sehen in erster Linie den Staat in der Pflicht, digitale Technologien sicher und verantwortungsvoll zu gestalten. Nur 18 Prozent schreiben diese Verantwortung primär Unternehmen zu. Weitere 23 Prozent sehen die Nutzerinnen und Nutzer selbst in der Verantwortung. Besonders in der Romandie fällt die Erwartung an den Staat deutlich höher aus als in der Deutschschweiz.

Wer trägt die Verantwortung für sichere digitale Technologien? Die meisten Befragten sehen den Staat in der Pflicht; Unternehmen landen mit 18 Prozent deutlich dahinter. (Source: Digitalbarometer 2026)
Die Umfrage zeigt damit auch eine politische Erwartungshaltung: Die Bevölkerung will den technologischen Wandel nicht stoppen, aber stärker kontrollieren. 59 Prozent sprechen sich dafür aus, neue Technologien wie KI aktiv zu fördern, statt abzuwarten. Gleichzeitig verlangen viele klare Regeln, transparente Standards und mehr digitale Unabhängigkeit von internationalen Technologiekonzernen.
Gerade darin sehen die Verfasser der Umfrage eine zentrale Herausforderung für die Schweiz: Innovation und Vertrauen gleichzeitig zu stärken. Denn die Bevölkerung zeigt sich offen für neue Technologien - allerdings nur dann, wenn sie nachvollziehbar, sicher und gesellschaftlich kontrollierbar bleiben.
Übrigens: In vielen Schweizer Unternehmen gehören KI-Tools längst zum Alltag. Je nach Branche bestehen jedoch grosse Unterschiede beim Reifegrad der KI-Nutzung, wie eine UBS-Studie zeigt - mehr dazu lesen Sie hier.
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