Technologische Abhängigkeit

KI-Souveränität ist für viele Länder eine Illusion

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von Alexia Muanza und Übersetzung: Tobias Seefeld, nki, cka

Vollständige Souveränität im KI-Bereich ist für die meisten Länder unerreichbar - so lautet jedenfalls die Einschätzung des BCG Henderson Institutes. Das Beratungsunternehmen empfiehlt stattdessen eine Strategie der Resilienz, die lokale Kapazitäten und internationale Partnerschaften miteinander verbindet.

(Source: Gorodenkoff / iStock)
(Source: Gorodenkoff / iStock)

Für die meisten Länder ist es nicht realistisch, die gesamte Technologie rund um künstliche Intelligenz auf nationaler Ebene zu kontrollieren. Zu diesem Schluss kommt das BCG Henderson Institute (BHI), ein Thinktank der Boston Consulting Group, nachdem es die KI-Politik von mehr als 30 Staaten untersucht hat. Demnach verfügen nur wenige Länder über die erforderliche Grösse und das notwendige Fähigkeitsspektrum, um eine Souveränitätsstrategie langfristig aufrechtzuerhalten - und sogar für diese sei eine komplette KI-Autonomie praktisch unerreichbar.

In erster Linie berge eine solche Strategie ein technologisch bedingtes Risiko: Sie gehe davon aus, dass die aktuellen rechenintensiven Sprachmodelle weiterhin vorherrschend sein werden. Das Aufkommen neuer Architekturen oder Infrastrukturen könnte daher zu erheblichen unwiederbringlichen Kosten führen.

Laut dem BHI zeigen die untersuchten Initiativen zudem, dass man nicht alle Abhängigkeiten beseitigt, wenn man nur bestimmte Schichten der Infrastruktur stärkt. So konnte Australien etwa mit dem KI-Modell "Matilda" lokales Know-how und Rechenkapazitäten aufbauen, blieb jedoch weiterhin von internationalen Anbietern von Hardware, Netzwerkanbindungen und Software sowie von ausländischen Trainingskorpora abhängig.

An eine andere Grenze sei Indien gestossen: Gemäss dem BHI verfügte das staatliche Programm IndiaAI Anfang März 2026 über 62'000 GPUs, nachdem 24'000 Einheiten hinzugefügt worden waren. Im Vergleich dazu soll Microsoft allein im Jahr 2024 rund 485'000 Hopper-GPUs gekauft haben. Daraus zieht das BHI das Fazit, dass öffentliche GPU-Pools am besten funktionieren, wenn sie darauf ausgelegt sind, die Kapazitäten der Hyperscaler zu ergänzen.

Resilienz statt Autonomie

Angesichts dieser Einschränkungen schlägt das BHI vor, einer Strategie der "KI-Resilienz" den Vorrang zu geben. Ziel sei es, die Fähigkeit zu bewahren, KI lokal in grossem Massstab einzusetzen, anzupassen und zu steuern - und gleichzeitig die als strategisch eingestuften Abhängigkeiten zu verringern.

Bei der Infrastruktur gehe es etwa nicht darum, die Kapazitäten der Hyperscaler nachzubilden, sondern bestimmte sensible Rechenaufgaben lokal ausführen zu können. Zudem müsse man nationale Vorschriften einhalten sowie zu vorhersehbaren Kosten auf Rechenressourcen zugreifen können.

KI in der Praxis

Über die Infrastruktur hinaus legt der Bericht des BHI den Schwerpunkt auf die Einführung. Es reiche nicht aus, über Kapazitäten oder Modelle zu verfügen, wenn die Unternehmen im Versuchsstadium verharren würden. Die Politik könne insbesondere den Übergang von Pilotprojekten zur Serienproduktion erleichtern und die Einführungskosten senken.

Internationale Partnerschaften würden diesen Ansatz ergänzen. Für mittelgrosse Volkswirtschaften nennt das BHI etwa lokale Cloud-Regionen, Datenstandorte, Kompetenztransfers und Multi-Vendor-Strategien als Mittel zur Stärkung der Resilienz, ohne den gesamten Technologie-Stack finanzieren zu müssen.

Die gegenseitige Abhängigkeit wird also nicht verschwinden - im Gegenteil: Laut dem BHI stellt sie eine strukturelle Gegebenheit des KI-Ökosystems dar, die es zu organisieren gilt, anstatt zu versuchen, sie zu beseitigen.

 

Der Zürcher Regierungsrat will übrigens rund 1,4 Millionen Franken investieren, um die Schweizer Resilienz und Souveränität zu stärken. Lesen Sie hier mehr dazu.

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