Vis-à-vis Markus Naegeli, CEO, Canon Schweiz

Warum Canon den Consumer-Bereich auch als Innovationsplattform sieht

Uhr | Aktualisiert

Vom Canon-CEO zum Canon-CEO: Nach gut drei Jahren am Hauptsitz von Canon EMEA in London ist Markus Naegeli seit Anfang Oktober wieder Chef von Canon Schweiz. Im Interview spricht er über seine Rückkehr und erklärt, wie Canon seine Partner unterstützen will und warum der Kameramarkt trotz Smartphones noch eine Daseinsberechtigung hat.

Markus Naegeli, CEO, Canon Schweiz (Source: zVg)
Markus Naegeli, CEO, Canon Schweiz (Source: zVg)

Seit dem 1. Oktober gehen Sie wieder in Wallisellen ins Büro und nicht mehr in London. Wie sind Sie in der Schweiz angekommen?

Markus Naegeli: Der Empfang hier war sehr herzlich und ich freue mich, dass ich wieder zurück in der Schweiz bin. Nach gut drei Jahren der überwiegend strategischen Arbeit bin ich sehr motiviert, mit meinem Team wieder im operativen Geschäft tätig zu sein, näher mit Kunden und Partnern zusammenzuarbeiten und dabei Innovationen in die tägliche Arbeit einfliessen zu lassen.

Was waren Ihre Aufgaben in London?

Ich war Leiter einer Business Unit für EMEA und in dieser Rolle für die Strategie im Bereich digitale Transformation zuständig. Es ging dabei in erster Linie darum, die digitale Transformation als Service für unsere Kunden voranzutreiben. Danach war ich für das Systemintegrations­geschäft, Business Process Outsourcing und für die Leitung von Canons Softwarefirmen zuständig.

Apropos digitale Transformation: In der Pressemitteilung zu Ihrem Antritt steht, dass Canon Schweiz eine wegweisende Rolle für die digitale Transformation spielen soll. Was muss man sich darunter vorstellen?

Canon Schweiz muss einfach digitaler werden. Wir wollen eine Vorreiterrolle innerhalb des Konzerns einnehmen. Das schaffen wir aber unmöglich über Nacht, denn gerade intern ist die Digitalisierung eine grosse Herausforderung. Anstatt alles in einem grossen Wurf zu erledigen, möchte ich schrittweise aktuelle Prozesse analysieren und eine Strategie erarbeiten, wie diese Prozesse digital umgesetzt werden können.

Und wie geht es danach weiter?

Danach geht es ans Ausprobieren! Nur so sehen wir, ob alles so klappt, wie wir uns das vorgestellt haben. In ­meiner Position als Leiter der EMEA Business Unit habe ich mit vielen innovativen Unternehmen gearbeitet. Von denen können wir uns in puncto Digitalisierung eine Scheibe abschneiden. Diese Erfahrungen möchte ich natürlich auch in unseren Digitalisierungsprozess einflies­sen lassen.

Warum haben Sie sich dafür entschieden zu Canon Schweiz zurückzukommen?

Ich sehe meine Rückkehr als glückliche Fügung. Es war meine Aufgabe, im EMEA-Hauptsitz die digitale Trans­formation als Service für unsere Kunden aufzugleisen. Diese Arbeit ist nach mehr als drei Jahren nun abgeschlossen. Gleichzeitig entschied sich Servio Notermans dazu, in die Niederlande zurückzukehren, und auch für meine EMEA-Position stand ein sehr kompetenter Nachfolger bereit, der in Australien bereits ähnliche Aufgaben für Canon erledigt hat.

Was hat sich bei Canon Schweiz während Ihrer Abwesenheit verändert?

Die Schweizer Niederlassung hat die Zusammenarbeit mit anderen Ländern intensiviert. Auch zwischen den Kollegen ist die Zusammenarbeit enger geworden.

Sehen Sie die Schweiz nun anders?

Die Schweiz unterscheidet sich gar nicht so stark von anderen Märkten. Die vielen Einblicke in die lokalen Organisationen der unterschiedlichsten Länder haben mir klargemacht, dass Unternehmen momentan überall mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Dabei sind einige Regionen, wie etwa der skandinavische Markt, in der Digitalisierung bereits sehr weit vorangeschritten. Im Vergleich dazu ist die Schweiz besonders in den Bereichen E-Government und E-Health noch nicht so weit.

Haben Sie die hiesige Länderorganisation bei Ihrer Rückkehr in einem guten Zustand vorgefunden?

Da ich erst seit Kurzem wieder zurück bin, möchte ich darüber noch gar nicht urteilen. Meine erste Priorität ist es, in den nächsten Monaten möglichst viel draussen zu sein. Damit meine ich, dass ich mich mit möglichst vielen Kunden und Partnern treffen und mich auch mit den Mitarbeitern austauschen möchte, um mir ein gutes Bild der aktuellen Situation zu verschaffen. Erst danach will ich entscheiden, welche Projekte wir weiterlaufen lassen und welche wir ändern oder stoppen werden.

Wo sehen Sie Baustellen?

Wir müssen uns gemeinsam mit den Mitarbeitern darüber klar werden, wie wir gewisse Prozesse dynamisieren können. Ausserdem gilt es, die Zusammenarbeit mit unseren Vertriebspartnern zu verbessern und unsere Teams effizient zu koordinieren. Und auch bei unserem Social-Media-Auftritt lässt sich noch einiges verbessern. Auf diese Themen sind wir dank unseres Graduate-Programms für Hochschulabgänger aufmerksam geworden. Wir fragen bei den Graduates stets nach, was Canon verbessern könnte und erhalten von ihnen immer erfrischende, aber auch kritische Feedbacks.

Wie läuft momentan das B2B Geschäft für Canon Schweiz?

Mit den meisten Bereichen bin ich zufrieden. Im Investitionsgüterbereich, gerade bei den Grossdruckanlagen, hatte die Schweiz vergangenes Jahr ein Ausnahmejahr. Daher rechnen wir für 2019 mit weniger Absätzen. Trotz des rückläufigen Marktes in Westeuropa steigerten wir uns im Office-Segment gegenüber 2017 deutlich. Insbesondere das überarbeitete Multifunktionsgeräteportfolio kommt sehr gut an. Ausserdem sehen wir für Canon viel Wachstumspotenzial im Lösungsmarkt. Da wollen wir Gas geben.

Und der B2C-Bereich?

Unsere B2C-Kanäle sind sehr gut etabliert. Da­rüber hinaus gilt es, im hart umkämpften, rückläufigen Consumer-Markt unseren Marktanteil auszubauen. Einen wesentlichen Schritt in diese Richtung haben wir kürzlich mit unserer ersten spiegellosen Full-Frame-Kamera Canon EOS R getan.

Ist es überhaupt noch sinnvoll, das Consumer-­Geschäft aufrechtzuerhalten, wenn das Geld eher im B2B-Bereich liegt?

Auch wenn wir in der Schweiz je nach Teilsegment mit einem schrumpfenden Markt zu kämpfen haben, ist das B2C-Geschäft für uns sehr wichtig. Denn wir sehen den Consumer-Bereich nicht nur als Verkaufs-, sondern auch als Innovationsplattform. Schliesslich stecken einige Imaging-Technologien aus dem B2C-Bereich auch in unseren Businesslösungen und umgekehrt.

Wie differenziert sich Canon auf diesem hart umkämpften Markt von anderen Anbietern?

Jeder Anbieter hat das Gefühl, dass er die besten Produkte auf den Markt bringt. Wir bei Canon selbstverständlich auch. Was tatsächlich den Unterschied macht, ist die Art und Weise, wie man den Mitarbeitenden klarmacht, dass die eigene Marke die beste ist. Nur so können es diese wiederum Kunden und Partnern verständlich aufzeigen. Darum sehe ich die Hauptarbeit darin, das innere Feuer der Mitarbeiter aufrechtzuhalten.

Das klingt beinahe so, als müsste man dieses Feuer bei Canon auch wieder entfachen.

Nein, sicher nicht. Als CEO hat man aber die Aufgabe, es kontinuierlich zu füttern. Denn dass der innere Drive und die Begeisterung für die Arbeit mit der Zeit ein bisschen zurückgehen können und das besagte innere Feuer nicht immer lichterloh brennt, ist normal.

Könnte das an der Zusammenführung mit Océ liegen?

Nein. Canon Schweiz hat bei der Fusion einen guten Job gemacht. Dass die Zusammenführung hier so gut gelungen ist, liegt hauptsächlich an den Teams. Ausserdem trafen hier, obwohl Canon eine japanische und Océ eine niederländische Firma ist, in erster Linie Schweizer auf Schweizer. Es gab also nicht wirklich kulturelle Reibungspunkte.

Was können Vertriebspartner von Canon erwarten, nun da Sie wieder am Ruder sind?

Unsere Partner haben oft mit den gleichen Herausforderungen zu kämpfen wie wir, und wir möchten ihnen dabei, wenn immer möglich, unter die Arme greifen. Gerade kleine Partner haben häufig Schwierigkeiten, Aufwand und Ertrag der digitalen Transformation ins Gleichgewicht zu bringen. Darum haben wir kürzlich ein neues Partnerprogramm lanciert.

Was hat dieses Programm zu bieten?

Wir bieten unter anderem Marketing-as-a-Service an. Das heisst, wir unterstützen unsere Partner beispielsweise bei der Lead Generation oder führen crossmediale Kampagnen für sie oder mit ihnen durch. Ausserdem bieten wir neu beidseitiges Subcontracting für Partner. Dabei übernimmt Canon auf Wunsch grosse Teile der Services für den Reseller und unterstützt den Partner im Verkauf und bei der Kaltakquise. Und last but not least werden wir unsere digitalen Workflow-Lösungen für KMUs weiterent­wickeln.

Im Channel geht der Trend immer mehr Richtung Subscription Based Revenue. Wie unterstützt Canon diese Geschäfte?

Mit unserer ersten kompletten Cloud Printing Solution. Der Wechsel von einem Lizenzmodell auf ein Pay-as-you-go-Modell ist für den Kunden natürlich sehr attraktiv. Für den Anbieter sind Subscription-Modelle eine Vorinvestition. Wir sorgen mit unserer Lösung dafür, dass Partner keine grosse Vorinvestition leisten müssen. Der Partner stellt sicher, dass die Lösung umgesetzt wird und kann dann vom Revenue- und Profitstrom profitieren.

Was für Marktentwicklungen sehen Sie in den für Canon relevanten Segmenten für 2019?

Im B2C-Geschäft setzen wir grosse Hoffnungen in spiegellose Kameras. Bisher waren wir hier eher verhalten unterwegs und können nun mit neuen Produkten Marktanteile gewinnen.

Gibt es neben modernen Smartphones mit hochauflösenden Kameras überhaupt noch eine Daseinsberechtigung für den klassischen Kameramarkt?

Definitiv. Es wurden noch nie so viele Bilder geschossen wie heute. Dadurch werden auch die Ansprüche an Bilder und Kameras vielfältiger. Natürlich ist das Fotografieren mit dem Smartphone sehr praktisch und auch die Bilder können sich qualitativ sehen lassen. Trotzdem gibt es immer mehr Umsteiger. Also junge Konsumenten, die mit Smartphones aufgewachsen sind und sich aus Interesse an der Fotografie bewusst dafür entscheiden, eine Kamera zu kaufen. Dieser Trend wird unter anderem von Social-Media-Plattformen wie Instagram angetrieben. In der Regel entscheiden sich die Nutzer dann für eine Kamera aus dem Upper- oder Middle-Segment. Dasselbe gilt für Videokameras. Ausserdem hilft es dem Markt, dass Profi-Geräte in der Handhabung immer einfacher werden. Brauchte ein Fotograf früher viel technisches Know-how, hat ein interessierter Laie mit den heutigen Geräten und etwas Übung schnell den Dreh raus. Anders sieht es bei den Kameras im unteren Preissegment aus. Dieses steht schon lange stark unter Druck.

Haben Sie noch eine abschliessende Botschaft an die Leser?

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig, aber ich glaube, wir alle haben eine grosse Zukunft vor uns. Wir müssen sie nur anpacken.

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