Marc Benioff von Salesforce ruft die Interface-Revolution aus
An seiner Hausmesse Dreamforce in San Francisco präsentiert Salesforce seine neue Plattform namens AI-Force. Diese KI-basierte Benutzeroberfläche bezeichnet CEO Marc Benioff eine eigentliche Interface-Revolution. Unternehmensdaten, Geschäftslogik und KI-Agenten sollen künftig über dynamische Oberflächen zusammenfinden.
Salesforce-Gründer und CEO Marc Benioff hat an der Dreamforce in San Francisco seine Vorstellung von der nächsten Generation der Unternehmenssoftware skizziert. Im Zentrum seiner Keynote stand AI-Force. Dieses neue Layer der Salesforce-Architektur soll Unternehmensdaten, Anwendungen und KI-Agenten mit dynamisch erzeugten Bedienoberflächen verbinden.
Benioff bezeichnete die Entwicklung als "Interface Revolution". Die Branche habe in der Vergangenheit den Wechsel von DOS zu grafischen Oberflächen, vom Desktop zum Web und anschliessend zu mobilen Anwendungen erlebt. Nun folge der Übergang zu KI-basierten Interfaces. Diese sollen sich an Aufgaben und Nutzer anpassen, Informationen aus verschiedenen Systemen zusammenführen und auf Anweisung neue Ansichten erzeugen.
Salesforce will damit auch Informationen erschliessen, die zwar in Unternehmenssystemen vorhanden sind, bislang aber nur schwer zugänglich blieben. Benioff sprach von in Daten, Metadaten und Anwendungen eingeschlossenen Werten. AI-Force solle diese verfügbar machen, ohne dass Anwender durch fest definierte Menüs, Masken und Dashboards navigieren müssten.
Ausgangspunkt für diese Überlegungen sei unter anderem ein mehrstündiges Kundengespräch in Lausanne gewesen. Dort habe Salesforce gemeinsam mit dem Kunden über eine KI-Oberfläche eine neue Sicht auf dessen Unternehmensdaten erstellt. Der Kunde habe dadurch Muster und Zusammenhänge erkannt, die zwar bereits in den Systemen vorhanden, über die bisherigen Oberflächen jedoch nicht direkt sichtbar gewesen seien.
Benioff: "Modelle allein reichen nicht"
Benioff stellte zugleich klar, dass Sprachmodelle allein aus seiner Sicht kein Unternehmen steuern könnten. Generative KI arbeite probabilistisch und könne entsprechend Ergebnisse liefern, die plausibel wirkten, aber nicht mit den tatsächlichen Unternehmensdaten übereinstimmten. In geschäftskritischen Prozessen brauche es deshalb eine Verbindung zwischen der probabilistischen Arbeitsweise der Modelle und den deterministischen Daten, Regeln und Berechtigungen der bestehenden Systeme.
Diese Verbindung soll bei Salesforce auf vier Ebenen entstehen. Data 360 soll Daten integrieren, föderieren und harmonisieren. Die Customer-360-Anwendungen sollen Geschäftslogik, Prozesse, Metadaten und semantischen Kontext bereitstellen. Agentforce steuert die digitalen Agenten. AI-Force bildet darüber ein neues Interface Layer, über das Menschen und Agenten mit dem Gesamtsystem interagieren.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Metadatenarchitektur von Salesforce. Objekte, Felder, Beziehungen, Berechtigungen, Geschäftsregeln und Analysefunktionen werden laut Benioff bereits heute als Metadaten beschrieben. Salesforce habe diese Informationen bisher für Browser- und Mobiloberflächen zusammengesetzt. Künftig könnten dieselben Grundlagen auch dynamisch in KI-Oberflächen eingebunden werden.
Damit verändert Salesforce laut Benioff nicht die darunterliegenden Daten- und Geschäftsprozesse, sondern die Art, wie Nutzer darauf zugreifen. Die Anwendungen stellen ihre Funktionen über die Headless-360-Architektur bereit. KI-Systeme sollen dadurch Datensätze abfragen, Einträge aktualisieren und Workflows auslösen können, ohne dass Anwender die klassische Salesforce-Oberfläche öffnen müssen.
Claude, Slack und Lightning
Zum Start soll AI-Force in mehreren Ausprägungen verfügbar sein. Claudeforce verbindet Salesforce mit der KI-Plattform Claude von Anthropic. Slackforce bringt Daten, Geschäftslogik und Agenten in Slack-Konversationen. In Lightning soll Agentforce Coworker als KI-basierter Zugang zur Verfügung stehen. Darüber hinaus kündigte Benioff ein Software Development Kit an, mit dem Unternehmen eigene AI-Force-Anwendungen entwickeln könnten.
Benioff erwartet, dass Salesforce innerhalb eines Jahres Dutzende solcher Oberflächen unterstützen werde. Damit stellt das Unternehmen die bisherige Rolle der klassischen CRM-Bedienoberfläche infrage: Salesforce soll den Nutzern dort begegnen, wo diese ohnehin arbeiten.
Auch Slack soll dabei an Bedeutung gewinnen. Benioff bezeichnete die Collaboration-Plattform als das am schnellsten wachsende Produkt im Salesforce-Portfolio. Millionen von Nutzern würden Slackbot nach seinen Angaben bereits wöchentlich einsetzen, um Informationen aus Direktnachrichten, Kanälen und verbundenen Unternehmensdaten abzurufen.
Mit Slack Code will Salesforce zudem Softwareentwicklung stärker zur Teamarbeit machen. Programmierer sollen Code gemeinsam mit KI-Agenten schreiben, prüfen und bereitstellen können. Benioff stellte dies dem bisherigen Modell gegenüber, in dem Coding häufig als weitgehend individuelle Tätigkeit organisiert sei.
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Salesforce verweist auf den eigenen Einsatz
Um die Einsatzmöglichkeiten zu belegen, verwies Benioff auf mehrere intern genutzte Agenten. Der Vertriebsagent Hunter habe im vergangenen Quartal eine Pipeline im Wert von 500 Millionen US-Dollar erzeugt. Piper unterstütze bei der Qualifizierung potenzieller Kunden. Der Serviceagent Casey habe seit seiner Einführung vor rund 18 Monaten fünf Millionen Supportgespräche bearbeitet.
Weitere Agenten namens Paige und Marshall kommen laut Benioff in den Bereichen IT-Service-Management, Personalwesen und Lieferkette zum Einsatz. Einen zusätzlichen Kundenservice-Agenten habe Salesforce innerhalb von rund zwölf Tagen auf der eigenen Supportplattform eingerichtet. Bei sämtlichen Zahlen und Einsatzresultaten handelt es sich um Angaben von Salesforce, die Benioff während der Keynote präsentierte.
Salesforce will die verschiedenen Komponenten ausserdem in einer AI-Force Max Edition bündeln. Kunden sollen damit Datenplattform, Anwendungen, Agenten und KI-Schnittstellen über ein gemeinsames Angebot beziehen können. Details zu Preisen und Verfügbarkeit nannte Benioff im vorliegenden Teil der Keynote nicht.
Sicherheit und Datenkontrolle als Voraussetzung
Als Voraussetzung für den Unternehmenseinsatz stellte Benioff Sicherheit, Governance und die Kontrolle über Kundendaten heraus. Salesforce-Produkte seien nach dem Prinzip der Zero Data Retention aufgebaut. Die verwendeten Unternehmensdaten würden demnach nicht bei den Modellanbietern gespeichert oder zum Training fremder Modelle eingesetzt. Salesforce habe dies nach Benioffs Angaben wiederholt durch die eigenen Sicherheitsteams prüfen lassen.
Die bestehende Berechtigungsstruktur soll auch für KI-Zugriffe gelten. Agenten sollen somit nur jene Informationen sehen und Aktionen ausführen können, für die der jeweilige Nutzer autorisiert ist. Salesforce positioniert die vorhandenen Datenmodelle, Metadaten und Geschäftsregeln damit als Kontrollschicht für generative KI.
Benioff sieht beim Einsatz dieser Technologien allerdings grosse Unterschiede zwischen Unternehmen und Regionen. Viele Anwender nutzten generative KI bereits privat, erlebten am Arbeitsplatz aber noch keine vergleichbare Veränderung. Zahlreiche Unternehmen befänden sich weiterhin in Pilotprojekten. Als Hindernisse nannte er insbesondere fehlende Datenintegration und den mangelnden Kontext isolierter KI-Modelle.
Auch die Diskussion über eine mögliche "SaaSpocalypse" griff der Salesforce-Chef erneut auf. Diese bedeute für ihn nicht das Ende von Software-as-a-Service. Zur Disposition stehe vielmehr Software, bei der Menschen sämtliche Arbeit selbst erledigen müssten. Agenten und dynamische Oberflächen sollen nach seiner Vorstellung einen wachsenden Teil dieser Arbeit übernehmen.
Benioff verband die Produktankündigung mit Geschäftszahlen. Salesforce rechne mit einem Jahresumsatz von 46,4 Milliarden Dollar. Zudem verwies er für das zweite Quartal auf eine Milliarde Dollar freien Cashflow, ein Wachstum der laufenden verbleibenden Leistungsverpflichtungen von 14 Prozent sowie nach Unternehmensangaben besonders tiefe Kundenabwanderung und lange Vertragslaufzeiten.
Die Dreamforce-Keynote zeigte damit, worauf Salesforce seine weitere Entwicklung ausrichtet: Das Unternehmen will nicht nur KI-Agenten anbieten, sondern seine Daten, Anwendungen und Geschäftslogik zur Grundlage beliebiger KI-Oberflächen machen. Ob Unternehmen damit tatsächlich über Pilotprojekte hinauskommen, dürfte vor allem von Datenqualität, Governance und der kontrollierten Einbindung in bestehende Prozesse abhängen.
Wie Salesforce den Weg zum "Agentic Enterprise" bereits im Juni an der World Tour in Zürich erläuterte, lesen Sie hier.
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