Wir brauchen einen Gesellschaftsvertrag für die digitale Welt
Die digitale Transformation ist längst Realität. Doch wir leben noch immer nach Regeln, die für eine vordigitale Gesellschaft gemacht wurden. Es ist höchste Zeit, einen neuen Gesellschaftsvertrag auszuhandeln, bevor andere die Bedingungen für uns festlegen.
Auf der Bühne der Swiss Cyber Security Days in Bern haben wir kürzlich über die Abhängigkeit Europas von fremder Technologie diskutiert. Zwei Drittel bis drei Viertel unserer digitalen Infrastruktur stammen nicht aus der Schweiz oder Europa, sondern meist aus den USA oder China. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer: Wir haben die Wichtigkeit des digitalen Raumes nie wirklich erkannt. Wir haben uns bei Dritten in ihre Clouds eingemietet, ohne über die Konsequenzen, die Kontrolle oder die Verantwortung nachzudenken.
Früher kaufte man Software, installierte sie lokal und bestimmte selbst, was damit passiert. Heute mieten wir Plattformen. Unsere Daten, unsere Prozesse, unsere Kommunikation laufen über Server, die wir nicht kontrollieren, in Jurisdiktionen, die nicht unsere sind, nach Regeln, die wir nicht mitbestimmt haben. Jede Zeile Code ist ein Regelwerk. Und dieses Regelwerk schreiben andere.
Ehrlich gesagt haben wir die Digitalisierung nur zur Hälfte gemacht. Wir haben uns von Features blenden lassen, aber vergessen, das Fundament zu bauen. Der Cyberspace ist zur fünften Dimension geworden, zum Fundament unserer Gesellschaft. Ohne ihn funktioniert nichts mehr. Und trotzdem leben wir dort zur Miete. Wir verbauen Betriebssysteme in kritischen Infrastrukturen wie einem Kraftwerk, deren Lizenzvereinbarungen jede Haftung ausschliessen. Niemand würde ein Kraftwerk von einem fremden Staat betreiben lassen. Aber genau das tun wir jeden Tag im digitalen Raum.
Wohin das führen kann, zeigt China. Wechat begann als Messenger und ist heute Identitätskarte, Bankkonto, Jobportal und Transportticket in einem. Jede Interaktion wird erfasst, bewertet, kontrolliert. Totale gesellschaftliche Steuerung über eine einzige App. Das ist keine ferne Dystopie. Wenn Elon Musk erklärt, er wolle X zur westlichen Version von Wechat machen, sollte uns das hellhörig machen.
Was wir erleben, ist im Grunde eine digitale Kolonialisierung. Wir sind die Kolonialisierten und bezahlen freiwillig dafür. Dazu kommt ein Aspekt, der fast noch schwerer wiegt: der kulturelle. Wer ausschliesslich fremde Software konsumiert, übernimmt unweigerlich einen kulturellen Imprint. Software ist normativ, sie gibt vor, wie wir arbeiten, kommunizieren und denken. Unsere Identität wird schleichend verwässert. Wir werden kulturell assimiliert, ohne es zu merken.
Deshalb brauchen wir jetzt einen neuen Gesellschaftsvertrag für die digitale Welt. Einen Vertrag, der klärt, welche Rolle der Staat hat, welche Verantwortung Unternehmen tragen und welche Rechte und Pflichten Bürgerinnen und Bürger im digitalen Raum haben. Einen Vertrag, der den gesamten Digitalraum als das behandelt, was er ist: kritische Infrastruktur. Und einen Vertrag, der auch die Frage beantwortet, was mit den Menschen passiert, deren Arbeit künftig von Maschinen erledigt wird.
Bern als Bundesstadt mit dem Bundesamt für Cybersicherheit, dem Kommando Cyber und dem diplomatischen Corps ist der richtige Ort, um diesen Dialog zu führen. Mit den Swiss Cyber Security Days und den geplanten Konferenzen entstehen hier die Formate dafür.
Was es dafür braucht, ist mehr als politischer Wille. Es braucht einen Ruck durch die gesamte Gesellschaft und einen Bewusstseinswandel: IT ist kein Spielzeug, sondern kritische Infrastruktur und muss als solche behandelt werden. Die Technologie ist da, um uns zu dienen. Nicht umgekehrt. Aber das passiert nicht von allein.
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