Studie von Interxion

Wo KI in der Schweiz schon Realität ist und was anderswo noch im Weg steht

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von Coen Kaat und Grafiken: Interxion

Künstliche Intelligenz (KI) mag zwar nach etwas Fantastischem klingen. Ein unwirkliches Versprechen von mehr Effizienz und weniger Aufwand. Vielerorts ist KI jedoch bereits im Business angekommen. Dies zeigt eine Studie von Interxion. Dafür befragte die Firma IT-Entscheider aus acht europäischen Ländern, wo sie auf dem Weg zur KI stehen.

(Source: Heavypong / shutterstock.com)
(Source: Heavypong / shutterstock.com)

Früher war IT viel einfacher. Das stimmt zwar nicht wirklich, aber zumindest konnte man davon ausgehen, dass hinter allen Algorithmen und Prozessen noch ein menschlicher Techniker oder Entwickler steckt. Das Aufkommen der künstlichen Intelligenz (KI) ändert dies jedoch grundlegend. Die KI birgt ein immenses Potenzial und verspricht eine höhere Effizienz, unter anderem durch die Eliminierung repetitiver Arbeiten. Wie erfolgreich Unternehmen ihr Business mit KI automatisieren, wird in Zukunft wohl ein entscheidender Faktor bei der Wettbewerbsfähigkeit werden. Aber inwiefern ist der Einsatz von KI im Tagesgeschäft heute noch Zukunftsmusik?

Der niederländische Anbieter von Rechenzentrumsdienstleistungen Interxion ging dieser Frage nach. Die Ergebnisse veröffentlichte das Unternehmen in der Studie "Was machen die Daten? – Künstliche Intelligenz im Realitäts-Check". Die Studie zeigt auf, wie der Status quo in Europa aussieht, welche Branchen in Sachen KI zu den Vorreitern zählen und welche Herausforderungen bei der Einführung von KI-Lösungen aufkommen. Hierfür wurden 2100 IT-Entscheider von Grossunternehmen aus acht europäischen Ländern befragt – 150 der Befragten kamen aus der Schweiz. Interxion gab der Redaktion einen Einblick in die Studie und in die Antworten der Schweizer IT-Entscheider.

KI ist im Business angekommen

Die DACH-Region – bestehend aus der Schweiz, Österreich und Deutschland – zeigt ein klares Bild: Lediglich 3,5 Prozent der Befragten geben an, im Bereich KI noch nicht tätig geworden zu sein. In der Schweiz liegt dieser Anteil leicht höher bei 4 Prozent. Fast jeder zweite Schweizer IT-Entscheider (47,3 Prozent) sagt, dass sich KI in seinem Unternehmen bereits in der Erprobungsphase befinde. Hier hat die Schweiz die Nase vorn. In Deutschland sind es 34,4 und in Österreich 34 Prozent der Befragten.

Wenn es um konkrete Anwendungsfälle geht, sieht die Lage hingegen anders aus. Nur 22 Prozent der Schweizer IT-Entscheider geben an, dass sie KI bereits für einen ersten Anwendungsfall einsetzten. Das sind zwar deutlich mehr als in Österreich. Deutschland führt diese Liste allerdings sogar noch deutlicher an mit einem Anteil von 26,4 Prozent. In Deutschland sagen zudem 5,8 Prozent, dass sie KI bereits in zahlreichen Anwendungsfeldern implementiert hätten. In Österreich sind es 5,3 Prozent. Und in der Schweiz? Sie bildet das klare Schlusslicht mit 4,7 Prozent.

Betrachtet man die Verteilung nach Branchen statt Ländern, klaffen die einzelnen Segmente viel stärker auseinander. In gleich drei Branchen gab es gar keine Unternehmen, die diesbezüglich noch nicht tätig geworden sind: Medien & Telekommunikation, Technologie & Beratung sowie Travel & Transportation. Demgegenüber steht der öffentliche & gemeinnützige Sektor: Deutlich mehr als ein Drittel der befragten Branchenvertreter haben mit KI noch nichts am Hut. Zum Vergleich: Der Durchschnitt im DACH-Raum liegt bei 3,5 Prozent.

Langfristig sind die Schweizer IT-Entscheider optimistischer als ihre Arbeitskollegen in Deutschland und Österreich. In den nächsten zwei Jahren wollen 60 Prozent der Befragten aus der Schweiz KI in einem oder in mehreren Anwendungen implementiert haben. In Deutschland und Österreich liegt der Anteil bei je rund 48 Prozent. Lediglich 10 Prozent der Schweizer Unternehmen gedenken auch in zwei Jahren noch keine KI zu nutzen – im Vergleich zu 11,3 Prozent in Österreich und 16,2 Prozent in Deutschland.

Zu den tüchtigsten Branchen gehören das Gesundheitswesen & Chemie sowie der Finanzsektor. Je rund 7 Prozent der befragten IT-Entscheider aus diesen Branchen gaben an, KI bereits vielfach einzusetzen. Weitere 47,9 Prozent (Gesundheitswesen & Chemie) beziehungsweise 46,8 Prozent (Finanzsektor) nutzen KI für einen ersten Anwendungsfall.

Wenn es um die KI-Vorreiter geht, sollte auch der Sektor Technologie & Beratung erwähnt werden. Hier setzen nach eigenen Angaben bereits 13,4 Prozent der befragten IT-Enscheider KI-Lösungen in zahlreichen Anwendungen ein.

Der öffentliche & gemeinnützige Sektor ist derweil der einzige Bereich, bei dem keiner der Teilnehmer die Option "Wir haben künstliche Intelligenz bereits in zahlreichen Anwendungsfeldern implementiert" auswählte. Und lediglich 2,6 Prozent können bereits einen ersten Anwendungsfall vorweisen.

Der Bereich Konsumgüter & Einzelhandel ist ein wenig offener für die KI. Hier gibt immerhin 1 Prozent der Befragten an, KI in vielen Anwendungsfällen und 7,1 Prozent geben an, KI in einem ersten Anwendungsfall zu nutzen.

Nicht statt, sondern für Mitarbeiter

In allen drei Ländern will die grosse Mehrheit der Studienteilnehmer KI nutzen, um menschliche Entscheidungen zu unterstützen. Mit einem Anteil von 61,3 Prozent liegt die Schweiz diesbezüglich fast exakt auf dem DACH-Durchschnitt von 61,9 Prozent.

Auch wenn es um den Einsatz eines vollständig autonomen KI-Systems geht, denken die Schweizer IT-Entscheider ähnlich wie ihre Kollegen im übrigen DACH-Raum. Dies können sich hierzulande nur 1,3 Prozent der Teilnehmer vorstellen. In Deutschland und Österreich sind es 1,4 respektive ebenfalls 1,3 Prozent. 14 Prozent der befragten Schweizer Unternehmen überlegen sich jedoch sehr wohl, KI als eigenständiges, aber kontrolliertes System zu nutzen. Deutlich mehr als der DACH-Durchschnitt von 8,8 Prozent.

Und wo sollen diese KI-Anwendungen laufen? Hier gehen die Meinungen in den drei Ländern wieder auseinander. Knapp 40 Prozent der Schweizer Teilnehmer – der grösste prozentuale Anteil – ziehen es vor, die KI auf der eigenen Infrastruktur laufen zu lassen und dafür externe Berater zu Hilfe zu ziehen. Auch in Deutschland ist dies mit 43,5 Prozent die meistgenante Antwort.

In Österreich ist jedoch eine andere Antwort die Nummer eins. Fast jedes zweite österreichische Unternehmen (49,6 Prozent) zieht es nämlich vor, die KI in den Händen globaler Public-Cloud-Anbieter wie etwa AWS, Google oder Microsoft zu lassen. Nur ein kleiner Teil der befragten IT-Enscheider will die KI rein inhouse realisieren. In der Schweiz ist dieser Anteil mit 8,1 Prozent am grössten im DACH-Vergleich. In Deutschland sind es 5,3 und in Österreich 6,7 Prozent.

Nach Branchen aufgeschlüsselt, zeigen sich wohl die unterschiedlichen sektorspezifischen Anforderungen. Gewisse Sektoren, vor allem der Finanzsektor sowie das Gesundheitswesen & Chemie, favorisieren noch viel stärker eine Inhouse-Lösung. Im Finanzsektor wollen 76 Prozent der befragten IT-Entscheider ihre KI-Lösung mit oder ohne externe Berater in den eigenen vier Wänden realisieren; im Gesundheitswesen & Chemie sind es 70,1 Prozent.

Die Branchen Medien & Telekommunikation sowie Konsumgüter & Einzelhandel wollen für die KI hingegen am liebsten mit globalen Public Clouds arbeiten. Dieser Meinung waren 76,3 Prozent der Vertreter aus der Medien- und Telekommunikationswelt sowie 70,2 Prozent der Vertreter aus dem Bereich Konsumgüter & Einzelhandel.

Was im Weg steht

Die meistgenannte Hürde auf dem Weg in die KI-Welt sind in allen drei Ländern unkalkulierbare Kosten und eine schwer absehbare Refinanzierungen der Investitionen in die KI – insbesondere in der Schweiz. Denn hierzulande zählen 78 Prozent der Befragten dies zu den drei grössten Hürden zur Umsetzung künstlicher Intelligenz. Der Durchschnitt über alle drei DACH-Länder liegt bei 69 Prozent.

Was die eigene technische Expertise betrifft, zeigt sich die Schweiz jedoch selbstbewusster als die übrigen DACH-Länder. Während in Deutschland und Österreich mehr als jeder zweite Befragte (55 Prozent) diesen Punkt als Top-Hemmnis bezeichnet, sind es hierzulande lediglich 35,3 Prozent.

Für Schweizer IT-Entscheider ist es ein deutlich grösseres Problem, dass die Unternehmensstrategie bezüglich KI noch unklar ist. Dies gaben 52,7 Prozent der Schweizer Befragten an.

Interxion wollte im Rahmen der Studie auch wissen, wo die Befragten bei der Umsetzung von KI die drei grössten Infrastrukturengpässe erwarten – auch hier nannten die Teilnehmer jeweils drei Punkte. Und auch hier waren unkalkulierbare Kosten erneut die meistgenannte Hürde mit 80,4 Prozent im DACH-Durchschnitt. Darauf folgen KI-optimiertes IT-Equipment mit 57,1 und Rechenzentrumsverfügbarkeit mit 54 Prozent.

Diese Top drei deckt sich zwar mit derjenigen in Deutschland. In Österreich und in der Schweiz landeten jedoch andere Bedenken auf den Plätzen 2 und 3. In den beiden Ländern schätzen die Befragten die Rechenzentrumsverfügbarkeit prekärer ein. Insbesondere in der Schweiz. Für 62,7 Prozent gehört dies zu den drei grössten Infrastrukturproblemen. In der Schweiz ist dieser Anteil grösser als in allen anderen teilnehmenden Ländern. In den Niederlanden und in Dänemark etwa lag der Anteil bei lediglich 13,2 beziehungsweise 4,8 Prozent.

An dritter Stelle folgen in der Schweiz und Österreich die Fachkräfte. 52,7 Prozent sehen dies hierzulande als einer der drei grössten Engpässe an. Eine Einschätzung, die in Deutschland nur 38,8 Prozent der Befragten teilen.

Das Thema Datenschutz taucht nur aufgeschlüsselt nach Branchen in den Top 3 auf. So befürchten lediglich die Vertreter aus dem öffentlichen und gemeinnützigen Sektor sowie diejenigen aus dem Bereich Gesundheitswesen & Chemie, dass eine mangelnde Konformität mit datenschutzrechtlichen Vorgaben zu einem der Top-3-Probleme werden wird.

Fazit

KI ist im Business angekommen. Das zeigt die Studie von Interxion deutlich. Viele machen schon jetzt erste konkrete Gehversuche. In zwei Jahren will die Mehrheit der Unternehmen KI effektiv im Unternehmen einsetzen. Die Prioritäten und Befürchtungen der drei DACH-Länder unterscheiden sich dabei deutlich weniger als diejenigen der verschiedenen Branchen. Vor allem der öffentliche und gemeinnützige Sektor scheint noch nicht ganz bereit zu sein, sich auf KI einzulassen.

Was jedoch im Ländervergleich auffällt, sind die grösseren Bedenken bezüglich Fachkräfte sowie Verfügbarkeit von Rechenzentren in der Schweiz. Gekoppelt mit dem starken Wunsch, KI-Lösungen inhouse aber mit externen Beratern zu realiseren, lässt dies auf einen hohen Beratungsbedarf im Markt schliessen. Eine potenzielle Win-win-Situation für alle: Während KI-Experten mit Beratungsdienstleistungen ihren Umsatz machen, können ihre Kunden mit KI automatisieren, wachsen und ihre gesamte Wertschöpfung steigern.

Zur Methodik: Die der Studie zugrunde liegende «RIA-Survey 2020» wurde von Research in Action im Auftrag von Interxion ­erstellt. Die Studienverantwortlichen befragten insgesamt 2100 IT-Entscheider in acht europäischen Ländern: ­Dänemark, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, den Niederlanden, Österreich, Schweden und der Schweiz. Hierzulande nahmen 150 Personen an der Umfrage teil. Dabei handelt es sich um IT-Entscheider aus Unternehmen mit mindestens 5000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 250 Millionen Franken oder mehr.

Lesen Sie hier die Studien aus den vergangenen Jahren:

2019: Eine Cloud bringt viele Vorteile. Aber bringen viele Clouds noch mehr Vorteile? Vertreter des Multi-Cloud-Ansatzes sind ­davon überzeugt. Interxion ging dem Thema auf den Grund und verfasste eine Studie zu Multi-Cloud-Strategien.
2018: Wo speichern Schweizer Unternehmen ihre Daten und wo laufen ihre Anwendungen: On-Premise, in einer Colocation-Lösung oder in der Public Cloud? Interxion wollte Antworten und befragte dafür die IT-Entscheider von Schweizer Grossunternehmen.

Webcode
DPF8_182895

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